Homophobie immer noch ausgeprägt Homosexuelle werden auch bei der Fußball-WM in Russland diffamiert

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Trotz Kampagnen wie hier in Kopenhagen: Homosexualität ist oft noch ein Tabu-Thema im Fußball. Foto: Witters/GroothuisTrotz Kampagnen wie hier in Kopenhagen: Homosexualität ist oft noch ein Tabu-Thema im Fußball. Foto: Witters/Groothuis

Moskau. Homophobie ist in Russland ein Riesenproblem. Auch während dieser WM, bei der sich das Gastgeberland von der Welt für eine nie erwartet offene, tolerante Atmosphäre auf den Straßen feiern lässt. Um das Problem als Fußballfan mitzukriegen, muss man genau hinhören – oder bewusst darauf achten, wie unfair in Russland mit Lesben, Schwulen, Transsexuellen umgegangen wird.

Zur Erinnerung: Präsident Wladimir Putin hat 2013 ein Gesetz erlassen, das jegliche positive Äußerung über Homosexualität bestraft, wenn sie vor Minderjährigen oder über Medien wie die Zeitung oder das Internet erfolgt. Abseits davon ist Homosexualität in Russland tabuisiert: Staat wie weite Teile der Gesellschaft akzeptieren die Diskriminierung Homosexueller – ob stillschweigend-zustimmend oder gedankenlos.

So ist zu erklären, dass in Schaufenstern von Bäckereien Schilder hängen, auf denen „Schwuchteln nicht erlaubt“ steht, ohne dass es Proteste dagegen gibt. Dazu passt, dass Angelina aus St. Petersburg, eine gebildete, sehr westlich orientierte junge Frau sagt: „Für Schwule haben wir in der russischen Sprache bestimmt 20 verschiedene Schimpfwörter. Auf jeden Fall weit mehr als für irgendwas anderes“ – bevor sie verächtlich lacht, weil sie es offenbar in Ordnung findet, dass Homosexuelle so herabgewürdigt werden.

Nun sind das Einzelbeobachtungen. Entgegenhalten könnte man, dass Schwedinnen Händchen haltend und sogar knutschend zum Stadion laufen durften, unbehelligt von Ordnungshütern: Bewegtbilder davon holten Klickrekorde im Internet. Bilder, die dem weiter meist machoähnlichen Männerbild vieler Fans zumindest nicht entgegenstehen, egal ob sie Russen, Europäer oder Südamerikaner sind, meistens selbst männlich. Die Knutscherei hat die Party nicht gestört, die alle feiern. Die Frage darf man stellen, ob die Securitys ähnlich ruhig geblieben und ob das Video ähnlich viral durchs Netz gegangen wäre, hätten sich Männer geküsst.

Fakt ist, dass der „Russian LGBT Sport Federation“, einer Organisation lesbischer, schwuler, bi- und transsexueller Sportler aus Russland, für die Ausrichtung ihrer Tagung zum Thema „Football – A Homophobia-Free Game“ Steine in den Weg gelegt worden sind. Ein Hotel hatte die Zusage als Ausrichter wegen des angeblichen Defekts der Klimaanlage zurückgezogen, ein weiteres gab an, die Räume seien doch schon ausgebucht – aber laut den LGBT-Aktivisten erst, als für das Hotel erkennbar gewesen sei, was bei der Tagung debattiert werden sollte. Kurzfristig sprang das von Deutschland getragene Goethe-Institut in Moskau als Ausrichter ein.

Wer dort war, traf auf eines gar nicht: Interessierte aus Russlands Gesellschaft. Sondern: 20 Leute, fast nur aus der Szene, interessante Menschen: Ryan Atkin, erster geoutet-schwuler Profireferee aus England, der in der 4. Liga pfeift. Er wünscht sich mehr Coming-outs schwuler Profis, sagt aber: „Deren Berater fänden das für die Vermarktung nicht gut.“ Carrie Serwetnyk, lesbische Ex-Nationalspielerin Kanadas. Sie zeigte leidenschaftlich Wege auf, wie Teilhabe der LGBT-Community Fußball und Fankultur verändern kann.

Am spannendsten war der Auftritt von Federico Addiechi, Chef für Nachhaltigkeit und Vielfalt bei der FIFA. Die LGBT-Aktivisten lobten ihn und den Weltverband für den liberalen Raum, den die WM in Russland auf Zeit etabliert hat. Dazu hat sich die FIFA zuletzt bewegt: mit der Etablierung einer Anti-Diskriminierungs-Charta oder eines für alle offenen Diversity-Hauses für die WM-Zeit.

Als aber Fragen aufkamen, wie man den neuen Geist der Freiheit in Russland konservieren könne, verwies Addiechi auf Russlands Verband: Dieser müsse wie die FIFA nun den nächsten Schritt machen, sagte er – und forderte die LGTB-Aktivisten auf: „Richten Sie Ihre Sache, Ihr Anliegen an jene Menschen.“

Dass er bei seinem eineinhalbstündigen Auftritt stets von „Anliegen“ und „Sache“ sprach, kaum den technischen LGTB-Begriff benutzte und nie „schwul“ oder „lesbisch“ sagte, zeigt: Sprachlich ist Offenheit zum Thema Homosexualität kaum vorhanden, auch bei der FIFA, aber vor allem in Russland. Eine wirklich frei und offen geäußerte Meinung zur Lage hörte man bei der Tagung so gut wie gar nicht. Und trotz Einladungen war vom russischen Fußballverband kein Vertreter erschienen.


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