Fußball-WM 2018 in Russland England ist noch nicht reif für den ganz großen Wurf

Von Benjamin Kraus


Moskau. Der Traum vom Einzug ins Finale der Fußball-Weltmeisterschaft ist ausgeträumt. Trotzdem ist Englands Trainer Gareth Southgate stolz auf sein Team – und glaubt an eine bessere Zukunft.

Als alles vorbei war, erstarrten die Engländer mit hängenden Schultern zu Salzsäulen vor einer Mauer des Schweigens: Eine Minute standen und saßen alle Feldspieler genau da, wo sie sich im Moment des Schlusspfiffs im Luschniki-Stadion befunden hatten – zehn bis 25 Meter vor jenem Tor der Kroaten, in dem sie den Ball trotz aller Mühen in der letzten Phase der Verlängerung nicht mehr untergebracht hatten.

Der Funke der Nationalhymne springt über

Direkt dahinter verharrten ihre Fans: Ebenso regungslos, fassungslos und lautlos zunächst, bevor ein paar von ihnen „God save the Queen“ anstimmten. Zuvor hatten die etwa 30000 Fans von der Insel schon einen beeindruckenden Support geliefert. Nun sprang der Funke der Initiatoren der Nationalhymne langsam, aber sicher auf alle Anhänger über – eine beeindruckende Verabschiedung der „Three Lions“.

Hier erhielt eine Elf so lautstark Anerkennung für das, was sie in diesem Turnier geleistet hat, dass stellenweise sogar die Siegesfeier der Kroaten auf der anderen Seite übertönt wurde. Englands Nationalelf des Jahrgangs 2018 steht für einen neuen Fußball-Stil, vor allem für neue Hoffnungen und Perspektiven, auch wenn der ganz große Wurf noch versagt geblieben ist.

Southgate macht Werbung für seinen Weg

„Ich bin stolz auf diese Gruppe, auf das, was sie erreicht hat“, sagte Trainer Gareth Southgate. Zunächst tat sich der Coach schwer, die Bedeutung der Niederlage gegen „individuell unglaublich starke und erfahrene Fußballer“ zu erfassen. Später aber sagte er doch: „Ich bin mir bewusst, dass ich ein großes Spiel verloren habe. Aber zuvor hatten wir gar nicht geglaubt, überhaupt in der Situation zu sein, ein Halbfinale zu spielen.“

Da sprach einer, der smarte Auftritte gelernt hat: So ungelenk Southgate in seiner Anfangszeit als Nationaltrainer mit seiner dünnen Stimme in seiner braven Weste wirkte, so ziel- und selbstsicher machte er nun Werbung in eigener Sache, für seinen Weg. Nicht zu Unrecht: Ein Halbfinale bei einer WM oder EM hatte England bei den letzten zehn Anläufen nicht erreicht – zuletzt scheiterte man bei der EM 1996 im eigenen Land an Deutschland, genau wie beim letzten WM-Halbfinale 1990 in Italien.

Harry Kane funktionierte nicht als Leader

Seither haderte man auf der Insel damit, dass englische Spieler in der angeblich stärksten Liga der Welt angesichts vieler ausländischer Starspieler keine Führungsaufgaben übernehmen – und deshalb dazu auch in der Nationalelf nicht in der Lage seien. Inzwischen hat sich die Situation etwas geändert, auch wenn Harry Kane als klarer Leader einer jungen Offensive diesmal gegen Kroatien nicht gut funktioniert hat. Hätte er eine seiner zwei Riesenchancen vor der Pause auf das 2:0 genutzt, stünde England wohl im Finale.

Aus den Spitzenklubs der Premier League

Es war die Phase der Partie, in der man gesehen hat, dass alle Engländer aus Spitzenklubs der Premier League stammen: Mit einem Plus an Handlungsschnelligkeit und körperlicher Robustheit dominierten sie die Kroaten, sowohl in der engstehenden Fünferkette hinten, als auch in flinken Aktionen nach vorn. Aus „Kick and Rush“ ist technisch feiner Konterfußball geworden. Das Problem: Dele Alli (22) und Raheem Sterling (23), als flinke und bewegliche Spieler entscheidend für die personell dünn besetzte Offensive, liefen sich sowohl mit als auch gegen den Ball kaputt – und waren, je länger die Partie dauerte, immer weniger ein Faktor.

Verbesserungspotenziel im Offensivspiel

Nun kann man Southgate vorwerfen, dass er keine taktischen Maßnahmen einleitete, um für neue Entlastung zu sorgen. Er versuchte, über personelle Maßnahmen gegenzusteuern. Dass Marcus Rashford (21) oder Danny Rose nicht den Druck ihrer Vorgänger entwickeln konnten, lässt sich nicht am Coach festmachen. Dennoch stehen nur drei WM-Tore aus dem Spiel heraus – neun weitere fielen nach Standards – für Verbesserungspotenzial im Offensivspiel.

„Unser Weg ist noch lange nicht am Ende“

„Wir haben mit dieser jungen Elf eine neue Benchmark gesetzt und gezeigt, was möglich ist. Unser Weg ist noch lange nicht am Ende“, sagte Southgate – auch im Wissen, dass jedes Jahr in der wohl noch stärker werdenden Premier League gerade seine Youngster weiter voranbringen kann. England ist zurück in der Weltspitze des Fußballs – sein Potenzial ist groß.