Fußball-WM 2018 in Russland Kroatien begeistert mit Charakter und Willenskraft

Von Benjamin Kraus


Moskau. Sie lagen in allen drei K.-o.-Spielen 0:1 zurück – und stehen trotzdem im Finale. Sie mussten im Halbfinale zum dritten Mal in Serie in die Verlängerung – und waren mental und körperlich trotzdem frischer. Kroatiens Fußball-Nationalelf kann sich erstmals die Fußball-Krone der Welt aufsetzen, weil sie ihre Grenzen verschoben hat.

„Ich habe ab der 60. Minute vielen Spielern einen Wechsel angeboten – aber keiner wollte raus. Genau das zeigt den Charakter unserer Mannschaft, unseres Landes. Wir sind Leute, die niemals aufgeben“, sagte Kroatiens Trainer Zlatko Dalic nach dem 2:1-Sieg nach Verlängerung gegen England – sehr pathetisch. Aber wer will es ihm verdenken? Der Mann feiert gerade den mit Abstand größten Erfolg seines fußballerischen Lebens.

1998 als Zuschauer auf der Tribüne

Als aktiver Profi war der heute 51-Jährige nie in die erste Reihe vorgestoßen: Bei der WM in Frankreich, als seine Landsleute auch das Halbfinale erreichten, fieberte er als Fan auf der Tribüne mit – bei den Vorrundenspielen. „Danach musste ich nach Hause, weil bei meinem Klub NK Varazdin die Vorbereitung anfing“, erinnerte sich Dalic an das Jahr 1998.

Dalic: Ich kann meinen Spielern nicht Fußball erklären

Nun, 20 Jahre später schließt sich für ihn ein Kreis – er hat ihn sogar durchbrochen. Dalic steht gegen Frankreich als Coach seines Heimatlandes im WM-Finale: Das hat noch niemand vor ihm geschafft. Wie gelang ihm das, dem Nationaltrainer-Novizen, der das Amt erst im Oktober 2017 übernahm, nachdem er sich zuvor über Jahre an der Linie von Fußballplätzen im arabischen Raum einen Namen gemacht hatte?

„Meine Idee ist: Ich kann diesen Leuten nicht Fußball erklären. Das sind großartige Kicker, die wissen alles über das Spiel. Nein: Ich bin gekommen, um etwas anderes zu machen“, erklärte Dalic. Es sei darum gegangen, die mentalen Stärken aller freizulegen, Charakter zu entwickeln und Solokünstler zu fokussieren auf das große gemeinsame Ziel: mit Teamgeist zum WM-Titel.

Eine Mischung aus Federer und Labbadia

Nun ist er fast am Ziel: Dalic, der mit seinen tiefschwarzen halblangen Haaren und dem dunkleren Teint ein wenig wirkt wie eine Mischung aus Roger Federer und Bruno Labbadia – und der Elemente dessen in sich trägt, was man als Erfolgsgeheimnis dieser Sportgrößen bezeichnen kann.

Die Art und Weise, wie Dalic vom Spielfeldrand coacht, bedächtig in den Gesten, mit langsamen Schritten umherlaufend: Das hat die Ruhe und Aura des Tennis-Weltstars aus der Schweiz, das strahlt aus: Mich kann nichts erschüttern. Aber Dalic kann auch anders: Klar, deutlich und impulsiv, so wie Wolfsburgs Trainer, der auch verbal die Ansage nicht scheut. Als ihm nach dem Finaleinzug jemand vorhielt, dass zuvor viele Experten die Engländer als überlegen eingeschätzt hätten, antwortete Dalic: „Dann haben diese Experten keine Ahnung. Wir haben gezeigt, dass wir besser sind in allen Facetten des Spiels: Pressing, Kontrolle im Zentrum, Klarheit im Kopf, die wir nie verloren haben. Und der unbedingte Wille.“

Perisic personifiziert den riesigen Willen

Sucht man Schwächen in seiner Elf, kommt man in der Tat nur auf eine kleine Liste: die Schnelligkeit der Abwehrspieler vielleicht und ab und an fehlende Übersicht und Technik bei den Außenverteidigern Sime Vrsaljko und Ivan Strnic. Sonst aber ergänzen sich großartige Individualisten zu einer Elf mit vielfältigen Qualitäten: die überragenden Fähigkeiten in der Spiellenkung von Ivan Raktic und vor allem Luka Modric, die Abgezocktheit des Stürmers Mario Mandzukic, die Unberechenbarkeit des Flügelflitzers Ante Rebic, den Eintracht Frankfurt über diese WM hinaus kaum halten können dürfte. Sucht man aber die Personifikation des riesigen Willens der Elf, landet man bei Ivan Perisic.

Wer den Ex-Dortmunder und Wolfsburger vor der Pause gegen England über den Platz hat schleichen sehen, musste fast zur Erkenntnis kommen: Der 29-Jährige von Inter Mailand ist platt, hat keine Kraft mehr nach einer anstrengenden WM. Dann aber zeigte er eine unglaubliche Leistungsexplosion: sein Ausgleich zum 1:1 mit einem Karatesprung voller Willenskraft an der Grenze zur Legalität, ein Pfostenschuss nach einer seiner Energie-Einzelleistungen, die Vorbereitung des Siegtreffers mit einem gewonnenen Kopfballduell in der 109. Minute.

„Wir wussten, was auf dem Spiel steht“

„Wir wussten, was auf dem Spiel steht für ein Land wie Kroatien, vielleicht haben wir deshalb so langsam angefangen. Aber wir haben Charakter gezeigt“, sagte Perisic. Das Finale gegen Frankreich ist auch für ihn eine Reise in die Vergangenheit, als sein Fußballerleben nicht so komfortabel war wie heute: Als 17-Jähriger hatte ihn sein unter Geldproblemen leidender Vater als Profi zum FC Sochaux geschickt, obwohl er kein Wort Französisch konnte. „Ich war zwei Jahre dort und behalte diesen Teil meines Lebens in guter Erinnerung“, sagte Perisic zwar, verschwieg aber, dass er erst später in Brügge und Dortmund den Durchbruch als Profi schaffte.

Perisic hat gekämpft und reüssiert

Perisic ist damals drangeblieben, hat gekämpft und reüssiert. So wie die Kroaten sooft in diesem Turnier. Im Vergleich zu Frankreich haben sie nun den Nachteil der einen Tag kürzeren Regenerationszeit und der Mehrbelastung von drei Verlängerungen in den letzten 14 Tagen. Kroatien hat in diesen engen Schlachten schon alles auf den Tisch gelegt, was sie haben – Frankreich musste das bisher nicht unbedingt.

Kroatien vertraut auf eigene Fähigkeiten

Aber Kroatien hat auch das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, tatsächlich auch jederzeit alles auf den Tisch legen zu können. „Wir wollen das Finale so frisch angehen wie das erste Turnierspiel – und zugleich unsere beste WM-Leistung zeigen“, gab Trainer Dalic vor.