Warum die deutsche Mannschaft gescheitert ist Marcel Reif: Der schlimmste Betrug ist Selbstbetrug

Von Marcel Reif

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Knapp daneben ist auch vorbei: Mario Gomez und Mats Hummels nach einer vergebenen Chance. Foto: AFP/Saeed KhanKnapp daneben ist auch vorbei: Mario Gomez und Mats Hummels nach einer vergebenen Chance. Foto: AFP/Saeed Khan 

Osnabrück. Marcel Reif war 32 Jahre lang der profilierteste Fußball-Live-Kommentator in Deutschland (ZDF, RTL, Premiere, Sky). Während der WM fasst Marcel Reif regelmäßig seine Gedanken zur Weltmeisterschaft in Russland in einer Kolumne für die NOZ Medien zusammen. In der aktuellen Kolumne schreibt er über die Verrohung der Sitten bei der WM.

Man mag es ihnen gewünscht haben – aber verdient hatte es diese deutsche Nationalmannschaft nicht, ins Achtelfinale einzuziehen. Es hat an der Einstellung gefehlt, an der Leichtigkeit, an der Gier – und zwar in allen drei Spielen.

In weiten Teilen der Fußballwelt wird das Aus – das erste Vorrunden-Aus in der deutschen WM-Geschichte – des Weltmeisters als eine Sensation wahrgenommen.

Das ist es natürlich auch, aber eine mit Ansage, mit langem Anlauf. Wer Augen hatte zu sehen, der spürte von der ersten Minute das Spiels gegen Mexiko: Dieser Mannschaft fehlt etwas.

Schneller Rücklauf: Die Mexikaner, die gewiss nicht zur Crème de la Crème gehören, hätten die deutsche Elf mit 5:1 aus dem Stadion geschossen, wenn sie sich bei ihren Kontern nicht so ungeschickt angestellt hätten.

Dann kamen die Schweden, keine Laufkundschaft, aber auch keine Weltklasse. Gegen diese Schweden brauchte es ein kleines Wunder, um zu gewinnen. Und dann kommen die Südkoreaner, und alle wissen, dass es ganz entscheidend auf den Anfang, auf ein schnelles Tor, auf die erste Halbzeit ankommt. Aber was haben wir gesehen: ein großes Nichts – keine Leidenschaft, keinen Hunger. Und irgendwann wird das Gefühl immer stärker, das es ganz viel zu verlieren gibt.

Natürlich fehlte es an der berühmten Spritzigkeit, an der Leichtigkeit beim Dribbling. Aber das ist keine Frage der körperlichen Fitness, sondern wird im Kopf entschieden.

Ich glaube, dass der DFB und der gesamte Stab die ausgerufene Mission Titelverteidigung falsch angegangen sind. Auch im Fußball darf man aus der Geschichte lernen, und die WM-Historie lehrt, dass zuletzt vor 56 Jahren ein Weltmeister den Titel erfolgreich verteidigt hat.

Frankreich, Brasilien, Italien, Spanien und nun Deutschland sind daran gescheitert, noch mal auf den Gipfel zu steigen, auf dem sie vier Jahre zuvor gestanden haben. Und zwar kläglich! Das ist kein Zufall, sondern der Beweis, wie schwer es ist, in diesen jungen, angehimmelten, rundumversorgten Weltstars die Gier und auch die Lust auf den erneuten Aufstieg nach ganz oben zu wecken.

Wenn dann das ganze Marketing rund um „die Mannschaft“ auf die Titelverteidigung angelegt ist, wenn die Niederlagen und Abwehrmängel kleingeredet werden, wenn die Gefahr der Erdogan-Affäre für das Binnenklima nicht erkannt und nonchalant beiseitegeschoben wird, kurz: Wenn sich das Gefühl breitmacht, das den Besten ja eigentlich nichts passieren kann, weil ja nie rasten – dann läuft eine Uhr, die man während des Turniers nicht mehr anhalten kann.

Auch nicht, indem man sich in der Wagenburg verschanzt und sich gegen Kritiken verwahrt. Das ist zu einfach, meine Herren, das ist sogar billig. Wir halten mal fest: Die Nationalmannschaft ist mit dem besten, was der deutsche Fußball zu bieten hat, nach Russland gefahren.

Die Spieler sind besser als die Mexikos, Schwedens und Südkoreas – aber es ist nicht gelungen, eine funktionierende Mannschaft auf den Rasen zu bringen. Und man hatte in keinem der drei Spiele den Eindruck, dass die Mannschaft unter dem gezielten Einfluss von außen etwas änderte.

Personelle Wechsel reichen da nicht, und es spricht nicht für, sondern gegen den Plan, dass in drei Spielen 20 von 23 Spielern eingesetzt wurden. Da war das Vertrauen in einige Akteure wohl doch nicht so groß wie vorher immer wieder behauptet. Der schlimmste Betrug ist und bleibt der Selbstbetrug.

Natürlich wird das aufgearbeitet werden, leider auch von denen, die in einer solchen Niederlage eine Katastrophe sehen oder sie gleich als Beweis dafür nehmen, dass es mit diesem Land den Bach runtergeht – das ist lächerlich, dafür nehme ich mir keine Zeit.

Aber in der sachlichen Debatte darf es keine Tabus, keine Denkverbote geben – auch Weltmeister, Weltmeister-Trainer, Weltmeister-Manager und Weltmeister-Präsidenten müssen sich hinterfragen. Wenn sie das nicht tun, müssen wir ihnen dabei helfen.

Aber bitte mit Augenmaß und Menschlichkeit. Es ist niemand gestorben, und die Kugel dreht sich auch morgen noch – die ganz große und die kleine, die früher aus Leder war und für viele der Mittelpunkt des Lebens ist.

Alle, die jetzt das Gefühl haben, dass eine Welt zusammenbricht, müssen sich fragen, ob diese Überhöhung eines wunderschönen Spiels nicht auch dazu beigetragen hat, dass der Nationalmannschaft in Russland das Wichtigste gefehlt hat, was Fußball ausmacht: die Freude und die Lust am Spiel.


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