Startschuss in der „Sportschule“ Teamhotel Watutinki: „Wir sind hier eben in Russland“

Von Benjamin Kraus


Moskau. Die Mission Titelverteidigung ist gestartet: Am Mittwoch nahm die deutsche Nationalmannschaft mit dem ersten Training auf russischem Boden Anlauf auf den heiß ersehnten fünften Stern. Auf eine Wohlfühloase wie 2014 im Campo Bahia kann die Elf von Joachim Löw allerdings nicht bauen – ist der DFB-Tross doch in einem komplett anderen Umfeld unterwegs.

Der Weg vom Flughafen Vnukovo quer durch die Vororte zum Watutinki Resort lässt einen Einblick zu in das Leben der Menschen, die es aus dem Moloch der Großstadt in die Vororte Moskaus geschafft haben. Immer wieder tauchen aus den Wäldern und zwischen den sanften Hügeln auf dem Reißbrett geplante Hochhaus-Siedlungen auf: Gleichförmiger, trotz der bunten Bemalung eintönig wirkender Wohnraum für viele Tausend Menschen 30 Kilometer vor der Stadt im Grünen.

Dörfer wie in Deutschland gibt es hier kaum, dafür ab und an eine Ansammlung mehrerer prunkvoller Villen mit verspielten Türmchen, die sich hinter hohen Wellblech-Absperrungen verstecken. Genau wie die vielen Kasernen in dieser Gegend, die zwangsweise ein hohes Aufgebot an Sicherheitskräften anziehen.

Auf Trainingsgelände von ZSKA Moskau

Hier hat die Nationalelf Quartier bezogen: Geübt wird auf dem von Soldaten in blau-schwarzen Tarnanzügen abgeschirmten Trainingsgelände des alten Armeeklubs ZSKA Moskau zwei Kilometer links der achtspurigen Autobahn in Richtung Kiew. Rechts der Trasse liegt hinter hohen Toren im Wald das Teamhotel am Ende der Sackstraße eines Wohngebietes, das schrittweise von einer Hochhaussiedlung in eine betuchtere Gegend übergeht.

Wenn Thomas Müller, Mesut Özil und Co. mit dem im FIFA-Design gebrandeten Bus zum Training fahren, sehen sie all das: ein repräsentativer Ausschnitt des für die Einheimischen sicher nicht immer einfachen Alltags im Großraum Moskau.

„Wir sind hier eben in Russland“

Dem Hotel fehlt die Verspieltheit der leichten Strandhäuschen in Brasilien, seine Mauern strahlen Größe und Mächtigkeit aus. „Das hat den Charme einer guten Sportschule. Hier ist halt kein Meer, kein dauerhaft schönes Wetter: Wir sind hier eben in Russland“, sagte Löw. Der Bundestrainer hätte bekanntlich selbst ein Quartier im ruhigen Sotschi an der Schwarzmeerküste vorgezogen und wurde nur angesichts der zentralen Lage des Watutinki-Komplexes umgestimmt.

Dann aber sagte Löw: „Es dürfen keine Vergleiche gezogen werden – die verbrauchen nur Kraft und Energie. Wir müssen die Dinge annehmen. Wir haben hier alles, was wir brauchen: ein gutes Trainingsgelände, Ruhe, gutes Essen. Und auch in Brasilien hat sich dieser Spirit, von dem nun alle reden, erst entwickelt: vor allem durch guten Fußball, den wir auch diesmal zeigen wollen.“

Showtraining der Deutschen

Diesen hat Löw zum Auftakt in einem Showtraining praktizieren lassen, das etwa 100 johlende Kinder aus dem Kreis der Deutschen Botschaft begeisterte. Sami Khedira (Rücken) und Julian Draxler (leicht umgeknickt) absolvierten beim Spiel sieben gegen sieben auf engem Raum nicht das volle Programm – aus reiner Vorsicht, wie Löw erklärte: „Sie werden schon am Donnerstag wieder voll belastbar sein.“ Ein Sonderlob verteilte der Bundestrainer aufgrund großer Fortschritte nach ihren Verletzungen an Jérôme Boateng und Mesut Özil.

Letzterer beschäftigt wie Ilkay Gündogan nach der Foto-Affäre mit dem türkischen Autokraten Erdogan die DFB-Oberen immer noch mehr, als ihnen lieb ist. Präsident Reinhard Grindel gab dazu ein durchaus spannendes Statement ab. Nach seiner Einlassung, die Gesellschaft verlange angesichts des massiven Flüchtlingszuzugs im Jahr 2015 nun von allen ein klareres Bekenntnis zu Werten und Normen in Deutschland, verteidigte er Gündogan, weil dieser sich umfassend geäußert und Fehler eingeräumt habe. Dass letzteres zumindest umstritten ist und dass Özil bisher noch gar nichts zur Sache gesagt hat, thematisierte er in seinem Appell an die Fans der Nationalelf zum Zusammenhalt nicht.

Dann sagte er, ohne Özils Namen zu erwähnen: „Wenn er schon in Interviews keine Antworten geben will, dann hoffentlich auf dem Platz.“ Es scheint aus Sicht der DFB-Führung nach allen gescheiterten Versuchen zuvor wohl in der Tat die vielversprechendste Strategie zu sein, das Thema zu beerdigen.