„Hier hat keiner in Wodka gebadet“ Mülheimer Stoffelshaus Meister mit Lokomotive Moskau – nun WM-Sommermärchen?

Von Benjamin Kraus


Moskau. Er ist Experte für russischen Fußball, frischgebackener russischer Meister und hat eine ungewöhnliche Karriere gemacht: Erik Stoffelshaus, Sportdirektor von Lokomotive Moskau, spricht im Interview über seine Beziehung zu Schalke, Meisterfeiern in Russland und die Scouting-Plattform WM.

Herr Stoffelshaus, haben Sie vor ein paar Jahren damit gerechnet, dass Sie sich nun russischer Meister nennen dürfen?

Ganz klar nein. Da hat nichts darauf hingedeutet. Aber es zeigt einmal mehr, dass der Fußball verrückt sein kann und die interessantesten Geschichten schreibt. So hat es mich als echten Schalker Jungen, der lange Jahre für Königsblau tätig war, über Kanada nach Russland verschlagen.

Wie kam es?

Als Felix Magath 2009 auf Schalke eintraf, wurde die sportliche Leitung ja mehr oder weniger ausgetauscht. Das meine ich frei von Vorwürfen – das Geschäft ist eben so. Zum Glück war ich als gelernter Industriekaufmann und Diplom-Sportlehrer breit aufgestellt. Mangels Angeboten aus Deutschland habe ich meinen Traum vom Ausland verfolgt: Dort bot Kanada die beste Perspektive. Ich habe dort erst bei einem ambitionierten Klub mit 7000 Fußballern gearbeitet, bevor nach einem halben Jahr das Angebot kam, beim kanadischen Verband in den Bereichen Spielerausbildung, Trainerausbildung und Ligen-Entwicklung zu arbeiten. Meine Frau hatte einen Job an der deutschen Schule in Toronto, mein Sohn ist in diesem wunderschönen Land geboren, wir waren im November 2016 dabei, die permanente kanadische Aufenthaltserlaubnis zu beantragen. Soweit der Plan...

Und dann?

Rief eines Tages der Präsident von Lokomotive Moskau an. Der hatte früher für Zenit St. Petersburg gearbeitet. Über den gemeinsamen Sponsor gab und gibt es Verbindungen zum FC Schalke 04. Er ist kein Anhänger des englischen Modells, in dem der Trainer alle Befugnisse hat. Sondern er wollte daneben einen starken Sportdirektor, der Regeln vorgibt, Spielertransfers abwickelt, die Klubphilosophie implementiert – und er wollte unbedingt einen Deutschen, weil die Bundesliga in Russland einen guten Ruf genießt.

Und Sie haben zugesagt.

Ich hatte zuvor keinerlei Affinität zu Russland, war, glaube ich, der einzige Schalker, der zuvor nie über Gazprom in St. Petersburg war. Aber ich war schnell begeistert, weil ich die enormen Perspektiven bei Loko, damals im tiefen Mittelfeld der Liga, erkannt habe: mit der schönen großen Arena, dem kleinen Stadion in der eigenen Akademie und als Traditionsklub in einer Weltmetropole. Die staatliche Eisenbahngesellschaft als Hauptsponsor gab vor: Ihr müsst nicht Meister werden, aber ihr sollt International spielen – ambitionierte, aber keine unrealistischen Ziele.

Und Ihre Familie?

Ist zum Glück sehr fußballaffin und hat mich einmal mehr unterstützt. Ich bin meiner Frau sehr dankbar, dass sie in Moskau den Alltag regelt und unseren Sohn in den Kindergarten bringt – was ein Riesenaufwand sein kann angesichts des Verkehrs und der Entfernungen in Moskau. Ich kann jedem, der zur WM kommt, nur raten: Nutzt die Metro, fahrt auf keinen Fall mit dem Auto.

Wie schwer fiel der Einstieg bei Lokomotive? Konnten Sie Russisch?

Nein – und ich bin auch bis heute leider nicht über die Alltagsfloskeln hinausgekommen. Das hat Zeitgründe: Ich muss mich auf meinen Job konzentrieren, der mich meist 12 bis 14 Stunden am Tag beansprucht. Es liegt aber noch viel mehr daran, dass die Leute um mich herum alle Englisch sprechen: Der Präsident und die anderen Leute in der Klubführung sowie die allermeisten Spieler. Insofern war und ist die Sprachbarriere keine nennenswerte Hürde. Zudem habe ich im Januar 2017 direkt im Trainingslager in Marbella angefangen – und das war lang, weil die Saison in Russland aus klimatischen Gründen erst im März wieder beginnt. Ein guter Einstieg.

Wenn man Ihren Kader betrachtet, sieht man russische Talente und einige altbekannte Recken aus der Bundesliga um den Ex-Schalker Jefferson Farfan – ist das Erfolgsrezept so einfach?

Das ist verkürzt – wobei es sicher gut war, dass Vedran Corluka (32, einst Leverkusen) und Nemanja Pecinovic (30, einst Hertha BSC) als verlässliche Innenverteidiger da waren. Mein erster Transfer war tatsächlich Farfan. Ich wusste, dass Jeff nach seinem Engagement in Abu Dhabi ablösefrei zu haben ist – und abliefern wollte, damit er für die Nationalelf Perus noch auf den WM-Zug aufspringen kann. Um Jeff gab es immer wieder Gerüchte über seine körperliche Verfassung. Ich kenne ihn seit über zehn Jahren und war von seiner Verlässlichkeit überzeugt. Bei der Verpflichtung im Januar 2017 habe ich ihm gesagt: Wenn Du bei uns Gas gibst, wirst Du auch wieder für die Nationalmannschaft ein Thema. Als im Oktober dann Vertreter des Trainerstabs ein Spiel in unserem Stadion besucht haben, waren sie von Jeff total begeistert – einer hat gesagt: Der spielt ja wie ein 25-Jähriger. Letztlich war Jeffs Verpflichtung eine Win-Win-Situation: Er fährt als Kapitän Perus zur WM, wir sind auch dank seiner Tore, seiner Erfahrung und Durchschlagskraft Meister geworden. Wir hatten zwar schon mit den Miranchuk-Zwillingen sehr gute offensive Leute – sie haben aber jemanden wie Jeff an ihrer Seite gebraucht, um noch zu reifen.

Welche Transfers waren noch wichtig?

Wir haben den Portugiesen Eder, der bei der EM 2016 das Finaltor gegen Frankreich geschossen hat, ohne Gebühr ausgeliehen. Wir haben den polnischen Nationalspieler Rybus für einen relativ überschaubaren Betrag verpflichtet. Den Transfer haben wir innerhalb von 48 Stunden abgewickelt, als wir gehört haben, dass der Linksverteidiger auf dem Markt ist. Er kannte die Liga aus seiner Zeit bei Terek Grosny, hat schon unter dem aktuellen russischen Nationalcoach Tschertschessov trainiert –die Prüfungen über unsere Netzwerke haben recht schnell gezeigt, dass er zu uns passt. Dennoch ist unser Titelgewinn eine große Überraschung: Wir haben an den richtigen Schrauben gedreht. Aber wenn es nach den Etats der Liga geht, haben wir eigentlich keine Chance gegen die großen Klubs Spartak und Zenit St. Petersburg, die verhältnismäßig viel Geld für Transfers ausgegeben haben.

Nun haben Sie den Titel geholt. Wie läuft eine echte russische Meisterfeier?

Da ich selbst noch nie zuvor Meister geworden bin, fällt es mir ehrlich gesagt schwer zu vergleichen. Fakt ist, dass hier keiner in Wodka gebadet hat – auch die Champagner- und Bierduschen in der Kabine liefen eigentlich so ab, wie man sie sich bei einer Meisterfeier vorstellt. Nach den offiziellen Feierlichkeiten des Abends, haben wir den Spielern das Feld des Feierns überlassen. Meine Familie und ich haben den Abend dann in Ruhe bei einem Glas Rotwein ausklingen lassen.

Wie hoch ist das Niveau der russischen Liga insgesamt einzuschätzen? Die Europapokal-Vertreter haben in diesem Jahr insgesamt besser abgeschnitten als die deutschen Teams.

Das stimmt, auch wir standen ja im Achtelfinale der Europa League, wo dann Atletico Madrid eine Nummer zu groß für uns war. Die ersten fünf, sechs der Liga – neben uns und den Genannten noch ZSKA und Krasnodar – haben schon internationales Format, die Duelle zwischen diesen Klubs machen auch richtig Spaß. So ab Platz acht wird es dann aber dünn: Da spielt man gegen Teams, die dann den Mannschaftsbus vor dem eigenen Tor parken und auf das Beste hoffen.

Erklärt sich auch so die für einen Meister niedrige Torquote von nur 41 Treffern in 30 Spielen?

Ja – man muss geduldig bleiben, das Matchglück erzwingen gegen diese Zerstörer-Teams bei in Europa teils undenkbaren Bedingungen, gerade auswärts.

Nehmen Sie uns mit auf die Reise.

Energija Chabarowsk. Acht Flugstunden Reise in den Fernen Osten bis im Prinzip hinter China, ein Spiel bei minus 15 Grad vor 1500 Zuschauern. Auf einem Kunstrasen, der nur im mittleren Drittel ausgebessert und höher war als der Rest, sodass die Partie auf drei verschiedenen Ebenen stattfand. Ich dachte, hier kann man doch kein Fußball spielen. Konnte man, wir haben in der Nachspielzeit 2:1 durch Jeffs Elfmetertor gewonnen. Oder Ural Jekaterinburg, das erste Auswärtsspiel nach dem Winter. Da war einfach gar kein Rasen mehr auf dem Platz, ein Lehmboden, der erst gefroren war und später durch die Sonne aufgeweicht wurde. Nach westlichen Maßstäben total irregulär. Aber am Ende zum Glück 2:0 für uns.

Sie haben von einer Klubphilosophie gesprochen. Wie würden Sie diese bei Lokomotiv beschreiben?

Wir geben der Jugend eine Chance, wie dem 19-jährigen Mikhail Lysov, der reingeworfen wurde, als Vitaly Denisov ausgefallen ist – wofür uns erst alle für verrückt erklärt haben. Wir stehen für Exzellenz, für attraktiven Fußball, wir wollen Familien etwas bieten. Deshalb haben wir neben unserer alten Dampflok vor dem Stadion eine Erlebnismeile für Familien etabliert. Das alles hat sich ausgezahlt: Unser entscheidendes Spiel gegen Zenit war ausverkauft, zuvor haben wir eher vor 20000 oder zum Teil nur 10000 Fans gespielt. Jetzt wollen wir weiter wachsen.

Stichwort Fans: In Russland stand der Fußball stets unter dem Einfluss von Staatsbetrieben und nun Oligarchen – eine Fankultur wie in Deutschland ist kaum gewachsen. Stattdessen haben Hooligans mit Krawallen bei der EM 2016 Schlagzeilen gemacht.

Fakt ist: RW Essen in der vierten Liga hat einen höheren Zuschauerschnitt als manch russischer Erstligist – das ist sicher ausbaufähig. Und natürlich haben einige Klubs – wie es übrigens auch in Deutschland und Europa der Fall ist – ein Problem mit Teilen ihrer Anhänger: Wir sind im Europapokal von Atlético gefragt worden, was wir denn da für Klientel mitbringen – die waren noch zurecht total geschockt von den Krawallen einiger Spartak-Chaoten in Bilbao die sogar zu einem Todesfall geführt haben. Ich kann nur für mich sprechen und sagen, dass ich zu den Punkten Rassismus und Randale stets eine Null-Toleranz-Linie fahre und vertreten. Bei Lokomotive stehen wir für Internationalität und hatten in der abgelaufenen Saison diesbezüglich zum Glück keine nennenswerten Probleme. Die Sicherheitskräfte haben übrigens zuletzt die Zügel merklich angezogen: Dem russischen Staat ist viel daran gelegen, dass die WM problemlos über die Bühne geht.

Der russischen Elf trauen angesichts der machbaren Gruppe viele den Einzug ins Achtelfinale zu. Sie auch?

Einfach wird es nicht: Saudi-Arabien hat gegen Deutschland keinen schlechten Eindruck gemacht – ich denke, dass für die Russen das Resultat des Eröffnungsspiels entscheidend wird. Der Druck ist groß, dass nicht schon nach dem folgenden Ägypten-Spiel alles vorbei ist. Kommen die Russen weiter, halte ich es für möglich, dass hier der Funke überspringt und eine Euphorie wie in Deutschland 2006 entsteht – was gut wäre für das Turnier.

Welche Ihrer Spieler können die WM prägen – neben Rybus und Farfan?

Manu Fernandes ist bei uns Spieler der Saison gewesen – mal sehen, wie viel Spielzeit er bekommt angesichts der Konkurrenz im Mittelfeld der Portugiesen. Alexej Miranchuk kann dem russischen Offensivspiel etwas geben, er spielt in der Nationalelf eine größere Rolle als sein jüngerer Bruder Anton. Corluka ist eine Ikone in Kroatien.

Wie verfolgen Sie die WM? Ist das für Sie auch ein potenzieller Markt?

Was Deutschland, Spanien und Brasilien betrifft, sicher nicht – was Polen, Serbien und Kroatien betrifft, schon eher. Hier haben wir bereits Spieler im Kader, können mit unserem guten Namen punkten und haben gute Kontakte, ich persönlich etwa zum serbischen Trainer Mladen Krstajic aus alten Schalker Zeiten. Ich werde das Eröffnungsspiel, die Auftaktpartie der Deutschen und sicher einige weitere Spiele in den Moskauer Stadien besuchen.

Dann steht für Sie das Abenteuer Champions League an – und die Titelverteidigung in der Liga.

In der Königsklasse freuen wir uns auf sechs echte Festtage – Ziel ist, im Europapokal zu überwintern. In der Liga machen wir uns nicht den Druck, unbedingt wieder Meister werden zu müssen. Das haben wir in den letzten 100 Jahren nur dreimal geschafft und sehen das realistisch.

Streben Sie eigentlich eine Rückkehr nach Deutschland als Sportdirektor an?

Die Frage stellt sich mir nicht, weil ich diesbezüglich keine Anfrage aus Deutschland hatte oder habe. Ich kann sagen, dass mir die letzten fünf Jahre im Ausland gutgetan haben und ich durch meine Auslandserfahrung ein besserer Sportdirektor geworden bin. Ich habe meinen Horizont erweitert und viel aufnehmen können von der kanadischen Mentalität, die mir beigebracht hat, wie entscheidend es ist, Menschen in Entscheidungsprozessen mitzunehmen und nicht alles nur vorzudiktieren. Auch als Sportdirektor sollte man sich erklären und den Mitarbeitern Gelegenheit zum Widerspruch zu geben. Hat man sie überzeugt, stehen aber alle hinter der Entscheidung und arbeiten für das gemeinsame Ziel. Das ist manchmal anstrengend und zeitraubend – aber am Ende lohnt es sich.


Erik Stoffelshaus: Geboren in Mülheim an der Ruhr, stieg als 27-Jähriger im Jahr 1998 bei Schalke 04 als Trainer der U-12-Junioren ein – und arbeitete sich über verschiedene Stationen zum Assistenten des Sportlichen Vorstandes Andreas Müller hoch (von 2006 bis 2009). Danach folgten Engagements beim West Ottawa Soccer Club sowie als technischer Direktor des Fußballverbandes der Region York in Toronto, Kanada. Seit Januar 2017 ist er Sportdirektor bei Lok Moskau – vor ein paar Wochen feierte er die russische Meisterschaft. Der 47-jährige Familienvater hat einen zweieinhalb Jahre alten Sohn.

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