Fußball-Kolumne Überraschungen der Bundestrainer: Wer wird der neue Odonkor?

Von Udo Muras


Frankfurt. Nicht nur Bundestrainer Jogi Löw hat vor vergangenen Turnieren mit seinen Nominierungen die Fußballwelt überrascht. Schon Jahrzehnte zuvor wurde manch ein Spieler sehr unvorhergesehen zum WM- oder EM-Fahrer.

In neun Wochen wird die Weltmeisterschaft in Russland angepfiffen, und fernab der Frage, ob man in diesem Land überhaupt spielen soll, stellt sich so manchem Zeitgenossen schon jetzt eine, die sich in jedem WM-Frühling stellt: Wer soll mit? Die Auswahl der Spieler wird für Bundestrainer Joachim Löw diesmal eine der schwersten Aufgaben seines Lebens. Es gilt die richtige Mixtur aus Weltmeistern, Confed-Cup-Siegern und Junioreneuropameistern zu finden.

Und sie wird ihm durch die vielen Hobby-Bundestrainer nicht gerade erleichtert. Einige von denen, die Sepp Herberger einst spöttisch „meine Mitarbeiter“ nannte, sitzen in Redaktionen und haben mehr Macht als andere, obwohl heutzutage ja jeder sein eigenes Medium ist.

Wie groß sind externe Einflüsse?

Wenn nun die Frankfurter Rundschau schreibt, „Serge Gnabry ist ein Kandidat für Joachim Löw“, dann wird das registriert. Löw hat sich dazu zwar nicht geäußert, Gnabry schon gar nicht und sein Trainer Julian Nagelsmann verwahrte sich dagegen, „einem Weltmeistertrainer Tipps zu geben“. Aber egal, die Debatte ist eröffnet.

Wie gut das für den Spieler ist, der ja schon einige Länderspiele gemacht hat und gewiss in irgendeiner Löw’schen Schublade liegt, sei dahingestellt.

Hinterbänkler sollen keinen Ärger machen

Grundsätzlich haben es Bundestrainer nicht gern, wenn man ihnen Spieler in einen WM-Kader singen oder schreiben will. Sähe es doch so aus, als wären sie selbst nicht drauf gekommen. Wo so ein Bundestrainer zwischen den Turnieren nach landläufiger Meinung nicht allzu viel zu tun hat, außer sich die Spiele der Bundesliga und der ausländischen Topligen anzusehen.

Der Bundestrainer aber muss das große Ganze sehen, wozu auch das Teamklima zählt. Schon Franz Beckenbauer sagte, er nähme nie einfach nur die besten 22 mit, weil die hinteren Nummern sowieso nicht spielen würden. Dafür sollten die Hinterbänkler wenigstens keinen Ärger machen.

Die Coups der Bundestrainer: Odonkor, Mustafi, Kramer, Eder, Fahrian...

Ein Bundestrainer lässt sich also besser nie von Stimmungen treiben und wägt ab. Was uns vor Überraschungen nicht bewahrt. Wer außer Jürgen Klinsmann hatte 2006 David Odonkor auf dem Zettel, oder wer außer Löw dachte 2014 an Shkodran Mustafi, Erik Durm und Christoph Kramer?

Franz Beckenbauer holte 1986 den Münchner Norbert Eder quasi aus dem Urlaub zurück und nahm ihn mit nach Mexiko, wo er das ganze Turnier durchspielte. Sepp Herberger präsentierte der staunenden Weltöffentlichkeit 1962 in Chile einen Zweitligatorhüter aus Ulm – Wolfgang Fahrian – und Otto Nerz nahm zur ersten WM 1934 eine Zufallsbekanntschaft mit. Paul Zielinski kickte in einem Test in einer Hamborner Stadtauswahl gegen die Nationalmannschaft – und das besser als die Besten. Also wurde er gleich eingesackt.

All diese Karrieren waren (auch) möglich, weil sie für unmöglich gehalten wurden. Niemand hatte sie öffentlich gefordert, sie waren echte Coups der Trainer.

Carsten Jancker statt Torschützenkönig

Helmut Schön dagegen erlebte 1966 mit Jungspund Lothar Emmerich und 1970 mit Veteran Helmut Haller, die ihm die „Bild“-Zeitung zunächst in den Kader und dann in die erste Elf schrieb, regelrechte Reinfälle. Ein Massenblatt hinter sich zu haben, kann für manchen auch mehr Bürde als Vorteil sein. Ausnahmen wie Lothar Matthäus, den Vogts 1998 auf öffentlichen Druck reaktivierte, bestätigen die Regel.

Löw jedenfalls hat sich nie treiben lassen, das mussten schon Kevin Kuranyi oder Stefan Kießling erfahren, deren Rückkehr vergeblich gefordert wurde. Und auch der aktuelle Medienkandidat für die linke Außenbahn, Augsburgs Philipp Max, wartet immer noch vergeblich auf einen Anruf. Was übrigens in der Familie liegt. Papa Martin wurde 2002 sogar Torschützenkönig, zur WM nahm Rudi Völler aber lieber Carsten Jancker mit, der in jenem Jahr gar kein Tor schoss. Aber den hatte eben keiner gefordert!

„Schiedsrichter, ist das hier das WM-Finale?“ Christoph Kramers Platz in der Startelf im WM-Finale 2014 kam ähnlich überraschend wie seine Nominierung für das Turnier. Foto: Thomas Eisenhuth/dpa

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