„Druck gehört im Profifußball dazu“ Lothar Matthäus über Mertesackers Aussagen und Mitleid im Fußball

Von Carolin Münzel

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Osnabrück. Lothar Matthäus hat zu vielen Dingen eine Meinung – und er tut sie gerne kund. Oft polarisiert er. So wie mit seiner Kritik an den Aussagen von Per Mertesacker zum Druck im Profifußball. In diesem Interview erklärt der Rekordnationalspieler, wieso er den Arsenal-Profi nicht versteht und betont: „Ich war nur glücklich, auf dem Platz zu stehen.“

Herr Matthäus, ein großes Thema war jüngst der ehemalige Fußball-Nationalspieler Per Mertesacker, der offen über den Druck im Profifußball sprach. Für Ihre Kritik an seinen Äußerungen haben wiederum Sie einiges einstecken müssen. Haben Sie dafür Verständnis?

Ich habe Per Mertesacker nicht angegriffen, ich habe gesagt, dass ich seine Aussagen aus meiner persönlichen Erfahrung nicht nachvollziehen kann. Ich verstehe natürlich, dass jeder mit Druck unterschiedlich umgeht, aber wenn ich 2006 Druck spüre (bei der Fußball-WM im eigenen Land, Anm. d. Red.), dann zeige ich Größe, wenn ich das auch 2006 kommuniziere. Nicht erst 2018, wenn die Karriere vorbei ist.

Sie gehen mit Drucksituationen anders um?

Wenn ich ein Problem habe, dann rede ich über das Problem. Per Mertesacker hat nach 2006 noch vier oder fünf Verträge im Profifußball unterschrieben. Das ist das, was ich im Nachhinein nicht verstehe. Ich denke generell, dass man im Leben Probleme so schnell wie möglich lösen sollte. Ich weiß ja auch nicht, ob er was unternommen hat. Das lassen wir jetzt mal dahingestellt. Per Mertesacker hat auf mich immer einen sehr charakterstarken Eindruck gemacht. Aber ich maße mir kein Urteil über seinen Seelenzustand an.

Sich Hilfe zu holen, etwa von einem Psychologen, wäre ihm das von der Öffentlichkeit nicht als Schwäche ausgelegt worden?

Das ist doch keine Schwäche. Das ist Stärke. Ich verstehe nur nicht, wenn er im Nachhinein sagt, dass er bei der WM 2006 eigentlich gar nicht spielen wollte, weil der Druck ihm zu groß war. Druck gehört im Profifußball dazu. Das ist Teil des Systems. Ein anderer hätte sich gefreut, wenn er gespielt hätte. Und das ist doch unser Glück, dass wir unser Hobby zum Beruf gemacht haben und das auch andere, schöne Seiten mit sich gebracht hat.

Aber Sie hatten doch auch Druck…

…in meiner aktiven Karriere habe ich nur Spaß gehabt am Fußball. Ich war nur glücklich, auf dem Platz zu stehen. Da spreche ich ausschließlich für mich. Für andere Profis kann ich nicht sprechen. Ich habe gesagt, dass es für mich das Schlimmste war, was für ihn (Per Mertesacker, Anm. d. Red.) eine Auszeit war: eine Verletzung. Damit kritisiere ich aber nicht Per Mertesacker. Ich hatte immer mehr Druck, wenn ich verletzt war. Wenn du verletzt bist, dann musst du ja mit einer Situation umgehen, die du lieber vermeiden willst.

Drucksituationen und gesundheitliche Beschwerden wie Brechreiz und Durchfall wie Mertesacker sie offenbar verspürt hat, kennen Sie also nicht?

Ich glaube, gerade wo ich gespielt habe, in den Mannschaften, in denen ich gespielt habe, auf den Positionen, auf denen ich gespielt habe, da war der Druck noch größer. Wenn wir mit Bayern München verloren haben, dann hat nicht irgendwer eine auf die Schnauze bekommen, sondern ich. Da musst du einfach stark genug sein, vom Charakter da dagegenzuhalten.

Auch Trainer haben Druck. Sie als Franke haben sicher den Werdegang von Bernd Hollerbach verfolgt. Wenn man sieht, wie es dem armen Kerl da beim Hamburger SV ergangen ist…

Was heißt armer Kerl? Wo ist ein armer Kerl in der Bundesliga? Druck hat für mich ein Mitarbeiter von Volkswagen, wenn die Firma vielleicht Leute entlassen muss, und er hat eine fünfköpfige Familie zu Hause mit 1800 Euro netto zu ernähren. Das ist für mich Druck. Natürlich haben auch Fußballer Druck, natürlich werden wir beobachtet. Aber das wollen wir doch. Als kleine Jungen haben wir doch davon geträumt, Profi zu werden.

Mitleid gibt es in dem Geschäft also nicht?

Ich will kein Mitleid. Und ich kenne Bernd. Bernd ist hart, hart mit sich selbst. Er ist Profi durch und durch. Er kennt die Regeln im Fußball. So wie er in Würzburg nach 17 erfolglosen Spielen in Folge die Koffer packte, musste er halt beim HSV gehen. Er hat drei Punkte in sieben Spielen gemacht, und das war zu wenig. Und wenn du mit so einer Serie startest, wo du eigentlich neue Impulse setzen solltest, dann ist ja klar, dass du zur Diskussion stehst. Und speziell, wenn dann eine neue Führungsetage kommt.

Hatte Hollerbach überhaupt eine realistische Chance, den HSV zu retten?

Ja. Man hat sich aber noch verschlechtert. Man war schon schlecht, aber während seiner Amtszeit ist es dann noch schlechter geworden. Die Mannschaft spielt ja bei weitem unter dem, was sie kann. Er hat ja gut angefangen, mit einem 1:1 in Leipzig. Aber es hat nicht sollen sein. Das sind die Dinge, die du einkalkulieren musst im Fußball. Bei Erfolg wirst du gefeiert, bei Misserfolg haut‘s dich raus. So ist das.

Erfolg hat diese Saison vielleicht ja auch mal wieder der Club. Glauben Sie, dass der 1. FC Nürnberg in dieser Saison wieder den Aufstieg in die Bundesliga packt?

Ja. Eigentlich müssten sie es. Da sind viele Mannschaften, die man da oben gar nicht erwartet hätte. Sie dürfen halt nur nicht nervös werden. Wenn du da oben stehst, vor den Toren der ersten Liga, dann fängst du an zu denken, dann setzt du dich selbst unter Druck – da sind wir wieder beim Thema –, und dann kann es passieren, dass der eine oder andere damit vielleicht nicht so umgehen kann, wie er es eigentlich müsste. Sie dürfen die Lockerheit nicht verlieren. Wenn die bleibt, dann schaffen sie es.


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