Fußball-Kolumne Wenn ein Fußballer über Leistungsdruck spricht

Von Udo Muras

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Klare Worte zum Leistungsdruck im Fußball fand: Per Mertesacker kürzlich in einem Interview. Foto: dpaKlare Worte zum Leistungsdruck im Fußball fand: Per Mertesacker kürzlich in einem Interview. Foto: dpa

Frankfurt. Per Mertesacker hat über den Druck im Leistungssport Fußball öffentlich gesprochen. Da schwenkt einer die Abrissbirne auf den Elfenbeinturm, in dem es sich die globale Kickerelite so schön eingerichtet hat. Eine wichtige Geste, findet unser Kolumnist.

Für seinen Nachruhm hätte Per Mertesacker eigentlich nicht mehr sorgen müssen. Wenn wir uns in 30 Jahren noch an den dann hoffentlich nicht mehr letzten WM-Titelgewinn von Brasilien erinnern, wird uns gleich nach dem 7:1 von Belo Horizonte und Götzes Jokertor die Eistonne einfallen, in die sich der baumlange Verteidiger setzen wollte, wie er im Rahmen eines legendären Wutinterviews nach dem Sieg über Algerien via ZDF verkündete. Da lugte der ansonsten nur körperlich herausragende Per mal kräftig aus der Masse der Einheitsprofis hervor und gewann viele Sympathiepunkte.

Fußballer öffnet seine Seele

Nun, am Ende seiner Profitage, diese Saison ist seine letzte, hat er wieder ein Interview gegeben. Nicht im Fernsehen, sondern im Nachrichtenmagazin Spiegel, nicht im Trikot, sondern in Zivil, nicht unter Adrenalin, sondern im Ruhezustand. Nur weil keine WM ist, schlägt es nicht ganz so hohe Wellen wie vor vier Jahren, dabei ist es weit bemerkenswerter. Da öffnet einer seine Seele und die Tür zur Kabine, hinter der sich offenbar mehr Dramen abspielen, als wir alle ahnen. Mertesacker hat uns gestanden, dass er am Spieltag mehrmals Durchfall habe, dass ihn Brechreiz überfalle und er dann „so heftig würgen muss, bis mir die Tränen kommen“. Kurzum: dass der Druck einfach ganz fürchterlich für ihn war – bis heute, da er 33 ist.

Die Branche ist vom Donner gerührt. Da schwenkt einer die Abrissbirne auf den Elfenbeinturm, in dem es sich die globale Kickerelite so schön eingerichtet hat. Natürlich hat er dafür nicht nur Beifall geerntet, allen voran Lothar Matthäus äußerte sein Unverständnis. Wie könne man eine WM im eigenen Land als Last empfinden? Nun, mit damals 21 kann man das schon. Gerüchten zufolge sind ja nicht alle Menschen gleich konfiguriert und gehen mit Druck nicht gleich um.

Lampenfieber im Fußball

Dass der Druck im Leistungssport Fußball manchem zu hoch ist, ist ja nichts Neues. Lampenfieber kennt jeder Student, der ein Referat halten muss, jeder Provinzschauspieler und jede TV-Ansagerin. Fußballern gucken Millionen zu, und selbst als der längst ganz normale Wahnsinn noch nicht grassierte, kannten Kicker das Phänomen der weichen Knie. Als Sepp Herberger den jungen Nationalspieler Helmut Schön erstmals aufs Trainingsfeld rief, fiel der der Länge nach hin, und vor seinem ersten Länderspiel schlug er sich beim Stollennachschlagen (ja, das machten die Spieler vor 80 Jahren noch selbst) den Daumen blutig. Helmut Rahn konnte vor seinem WM-Debüt 1954 nicht schlafen, und Karl-Heinz Rummenigge brauchte vor seinem ersten Europacupfinale vor 40 Jahren erst mal einen Cognac. Nur drei Beispiele von vielleicht 100, die rausgekommen sind, und von Zigtausenden, die nie rauskamen.

Tragische Fälle

Wir kennen die traurigen oder gar tragischen Fälle von Sebastian Deisler und Robert Enke, die sich dem Druck in der Blüte ihrer Jahre entzogen haben. Beide waren nachweislich depressiv. Bei Deisler kam es während seiner Bayern-Zeit heraus, womit alles nur noch schlimmer wurde. Mit 27 beendete er seine Karriere. Im Fall Enke, der seinem Leben mit 31 ein Ende setzte, haben es nur die wenigsten gewusst. Auch weil er ahnte, dass er ein Interview, wie es Mertesacker jetzt gegeben hat, niemals würde geben können, ohne anschließend sofort aufhören zu müssen. Damals herrschte Konsens, dass sich etwas ändern müsse. Reaktionen wie die von Matthäus tragen nicht zu einem Problembewusstsein an den richtigen Stellen und schon gar nicht zu einer Lösung bei.


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