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13.03.2018, 13:35 Uhr HRUBESCH NEUER FRAUEN-COACH

Kommentar zum Aus von Steffi Jones: Experiment gescheitert

Kommentar von Benjamin Kraus

Scheiterte auch an der hohen Messlatte, die ihre Vorgängerin gelegt hatte. Steffi Jones (rechts), hier mit Silvia Neid im Oktober 2015. Foto: imago/BaumannScheiterte auch an der hohen Messlatte, die ihre Vorgängerin gelegt hatte. Steffi Jones (rechts), hier mit Silvia Neid im Oktober 2015. Foto: imago/Baumann

Osnabrück. Steffi Jones ist nicht mehr Trainerin der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft. Der Deutsche Fußball-Bund zieht damit die Konsequenzen aus der Erkenntnis, dass das Experiment mit der unerfahrenen 45-Jährigen auf dem Trainerposten gescheitert ist. Ein Kommentar.

Sie war zwischen 1993 und 2007 Vorzeige-Nationalspielerin (111 Einsätze für Deutschland): Unumstritten wegen ihrer sportlichen Qualität, ihrer Einsatzbereitschaft und Übersicht als Defensivspielerin auf dem Fußballfeld. Anerkannt wegen ihrer bodenständigen Art und ihrer Hartnäckigkeit: Steffi Jones, Tochter einer Deutschen und eines afroamerikanischen US-Soldaten, der ihre Mutter früh verließ, schaffte den Weg aus nicht einfachen Lebensverhältnissen in Frankfurt-Bonames bis an die Spitze des deutschen Frauenfußballs.

Nach ihrer aktiven Karriere löste sie ihre neue Aufgabe als Präsidentin des Organisationskomitees der Fußball-WM 2011 im eigenen Land mit ihrer unprätentiösen und unaufgeregten Art sehr gut, heimste trotz des eher enttäuschenden Abschneidens der Nationalelf (Vierter) im In- und Ausland Sympathien ein. Auch danach genoss sie als offen und volksnah agierende DFB-Direktorin für Frauenfußball einen guten Ruf– als angenehmer Gegenpol zum Auftreten der in der Öffentlichkeit oftmals gekünstelt und gestelzt wirkenden Silvia Neid, ihrer Vorgängerin als Bundestrainerin.

Da lag es aus Sicht des Verbandes nahe, Jones den Job von Neid nach deren perfektem Abschied mit dem Olympiasieg 2016 zu übertragen – nun aber ist die 45 Jährige an der hohen Messlatte, die ihre Vorgängerin gelegt hatte, gescheitert. Das kann man Jones nicht allein vorwerfen: Viele verdiente Spielerinnen wie Annike Krahn, Saskia Bartusiak oder Melanie Behringer haben nach dem Olympiasieg ihren Rücktritt erklärt, Jones musste ein neues Korsett einer Elf entwickeln – in einer Zeit, in der sich die Konkurrenz, gerade die sogenannten kleinen Nationen im Frauenfußball, enorm weiterentwickelt hat, und zwar nicht nur defensivtaktisch.

Der Qualitätsverlust im eigenen Team ist das eine – dazu allerdings kamen große hausgemachte Probleme. Es hat sich gezeigt, dass Jones schlicht die Erfahrung als Trainerin fehlte – ungeachtet der Tatsache, dass man die Inhaberin der Fußballlehrer-Lizenz ab August 2015 ein Jahr als Co-Trainerin bei Neid mitarbeiten ließ und ihr selbst dann in Markus Högner einen Co-Trainer zur Seite stellte, der zumindest einige Jahre als Coach in der Frauenfußball-Bundesliga gearbeitet hat.

Dass dies nicht reichte, dokumentierten nicht nur die schwachen Ergebnisse unter Jones: Das verdiente EM-Aus im Sommer 2017 als Titelverteidiger im Viertelfinale gegen Dänemark (1:2) und die in Frage stehende WM-Qualifikation nach der Heimniederlage im Gruppenspiel gegen Island im Oktober in Wiesbaden. Weil nun auch noch die Generalprobe für den heißen Qualifikations-Sommer beim absolut enttäuschende Abschneiden als siegloser Letzter beim SheBelieves-Cup in den USA komplett vergeigt wurde, musste die DFB-Spitze reagieren.

Denn neben den reinen Ergebnissen stockte die spielerische Weiterentwicklung des oft ideenlos agierenden Teams – und es häuften sich zuletzt auch die Signale, dass es zwischen Jones und der Mannschaft nicht mehr stimmt. Dafür ist der Umgang mit Lena Goeßling, die unter Jones eigentlich zur Führungsspielerin hätte reifen sollen, ein prägendes, aber nicht das einzige Beispiel: Jones sortierte die 32-Jähirge Bielefelderin erst wegen angeblicher Defensivschwächen aus, begnadigte sie dann wieder. Beim SheBelieves-Cup in den USA verschaffte Jones der Fußballerin des VfL Wolfsburg nun das 100. Länderspiel – indem sie Goeßling im letzten Spiel beim Stand von 0:3 gegen Frankreich in der 90. Minute einwechselte. Guter Stil sieht jedenfalls anders aus – und die Schaffung eines Umfeldes, in der die Sportlerinnen auch mental optimale Leistungen abseits von Irritationen von Nebenkriegsschauplätzen abrufen können, auch.

Dass nun in Horst Hrubesch ein Feuerwehrmann übernimmt, der seine Stärken abseits des sportlichen Fachwissens vor allem im zwischenmenschlichen Bereich als echter Kumpeltyp hat, zeigt auch: Die DFB-Spitze hat erkannt, dass in der Frauenauswahl ein neuer Impuls gesetzt werden muss. Als Dauerlösung allerdings ist der 66-Jährige wohl kaum eingeplant – gefragt ist zudem langfristige Aufbauarbeit anstatt kurzfristiges Herumdoktern an Krisensymptomen. Denn nur so kann Deutschland seine herausgehobene Stellung im Frauenfußball auch in Zukunft behaupten.

Hier die Infos zur Entlassung von Steffi Jones


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