Bundesligaserie 1996/97 Das magische Dreieck des VfB

Von Harald Pistorius


Osnabrück. Keiner spricht gut über den Meister, die Komplimente bekommen andere. Und das nicht nur, weil der Titelgewinn des FC Bayern München im Schatten der Europapokal-Triumphe der Ruhrgebietsklubs aus Dortmund und Gelsenkirchen steht.

In seiner zweiten Amtszeit setzt Trainer-Star Giovanni Trapattoni auf Defensive. Der Maestro gibt sich ganz italienisch und ganz streng: Egal, ob Jürgen Klinsmann oder sein Landsmann Ruggiero Rizzitelli oder Weltstar Lothar Matthäus – fast jedem streckt „Trap“ mal die Auswechseltafel entgegen.

Als das Dutzend voll ist, reißt Klinsmann der Geduldsfaden. Trapattoni winkt den Stürmerstar am 10. Mai 1997 beim 0:0 gegen Freiburg vom Feld, zum zwölften Mal in dieser Saison, und bringt den jungen Carsten Lakies . Den beachtet Klinsmann kaum, er flucht auf Italienisch und tritt vor Wut in eine Werbetonne in der Nähe der Trainerbank. Die hat ein Loch, Klinsmann eine Schürfwunde am Schienbein – und der Unterhaltungsbetrieb Bundesliga wieder ein Stück zum Staunen.

Der Wutausbruch von Klinsmann steht sinnbildlich für das desolate Binnenklima einer hochkarätig besetzten Ansammlung von Individualisten und Egoisten. „Nie hat eine Meisterelf sich selbst so zu schaden versucht wie diese Bayern. Nahezu täglich zog irgendeiner der Gladiatoren gegen einen Mitstreiter öffentlich zu Felde. Basler, Klinsmann, Matthäus, Strunz, Helmer, auch Scholl und Kahn: alle quasselten über alles und alle, dem einen passte die Aufstellung nicht, dem anderen die Taktik nicht, dem Dritten war eh alles wurscht, weil er den Klub verlassen wollte“, urteilt die Süddeutsche Zeitung.

Lothar Matthäus wettet mit Manager Uli Hoeneß um 10000 DM, dass Klinsmann keine 15 Tore schießt. Mehmet Scholl und Mario Basler fallen durch Eskapaden und freche Sprüche auf. „Ihr seid eine Scheißmannschaft“, brüllt Präsident Franz Beckenbauer in der Kabine – am nächsten Tag steht das balkendick in einer Boulevardzeitung. Nichts bleibt intern, Indiskretion Profisache.

Das Können blitzt nur manchmal auf, mit unscheinbaren Pflichtsiegen schleichen die Bayern zur Meisterschaft. Nach dem 2:5 in Leverkusen gibt Beckenbauer zu Protokoll: „Ich weiß nicht, wie das heißt, was die Mannschaft gezeigt hat – aber Fußball war das nicht.“ Und der neue Zyniker der Nation, Harald Schmidt, stellt fest: „Wenn Beckenbauer dem FC Bayern beim Spielen zusieht, dann ist das so, als wenn Sharon Stone Normalbürgern beim Sex zuschaut.“

Es ist kein Zufall, dass Schmidt über Fußball spricht. Die boulevardeske Berichterstattung von Sat.1 unter der Regie von Reinhold Beckmann macht die Bundesliga zum Allgemeingut. Es geht nicht mehr nur um den Libero auf dem Rasen, sondern auch um die Libido der Spielerfrau. Der private Sender zahlt und will als Gegenleistung mehr als Fußball: Die Sendungen werden zur Show, die der Moderator über eine Treppe betritt. Interviews, Blicke hinter die Kulissen – plötzlich dämmert selbst Uli Hoeneß, „dass es so nicht weitergeht“.

Schön, dass manche Vereine auf dem Rasen zeigen, was den Fußball attraktiv macht. Der VfB Stuttgart vor allem liefert rauschhafte Offensivdarbietungen. Selbst zurückhaltende Naturen schwärmen vom magischen Dreieck: Fredi Bobic, Krassimir Balakow und Giovane Elber erzielen 49 von 78 VfB-Toren, sind an drei Vierteln der Treffer beteiligt. „Wir waren wie Straßenfußballer, nichts war einstudiert, alles intuitiv. Wir wussten gar nicht, was Laufwege waren“, erzählte Bobic Jahre später. Knapp 75 Prozent aller Profis sagten in einer Umfrage nach der Saison: „Der VfB hat den schönsten Fußball gespielt.“

Der Trainer, der dem VfB den Weg wies, war ein Interimstrainer ohne Fußballlehrerlizenz. Doch damals nahm man es noch nicht so genau, und so durfte Joachim Löw, der scheue Assistent des kurz vor dem Saisonstart entlassenen Rolf Fringer, seine erste Cheftrainerolle übernehmen.

Es gab noch andere schöne Überraschungen. Beim VfL Bochum entzündete der Freigeist Klaus Toppmöller in den auf die Dreifaltigkeit des Ruhrgebietsfußballs (Rennen, Grätschen, Malochen) eingeschworenen Bochumern die Lust am Spiel. Der aus dem polnischen Kattowitz stammende und in Halle/DDR aufgewachsene Dariusz Wosz streifte alle Fesseln ab und brillierte so, dass er als erster VfLer 20 Jahre nach Franz-Josef Tenhagen in die Nationalelf kam.

In Karlsruhe erntete Trainer Winfried Schäfer im elften Jahr im Wildpark den Lohn und zog in den UEFA-Cup ein. Das schaffte auch der TSV München 1860 mit seinem bärbeißigen Coach Werner Lorant, der es an guten Tagen schaffte, Fans, Schiedsrichter, eigene Spieler und Journalisten zu beleidigen. Der MSV Duisburg erreichte als Neuling Platz 9.

Es war Bewegung in die Liga gekommen. Die Dinos wankten. Kleine konnten Großes schaffen, nichts war unmöglich. Nur einen Aufsteiger als Meister, das konnte sich keiner vorstellen.

Die ganze Saison 1996/1997 in der Übersicht - mit Super-Tabelle, den unvergesslichen Spielen und der Elf des Jahres mit Sammelbildern. Hier geht´s zum PDF.

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