Über die Geburt des Weißbier-Waldis Waldemar Hartmann zum Siebzigsten: „Wirt zu sein ist die perfekte Schule“

Von Wolfgang Langner

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Osnabrück. Waldemar Hartmanns berufliche Karriere begann hinter der Theke. Als Moderator und Duz-Maschine wurde er zur Marke. Ein Gespräch mit ihm, das zwangsläufig auf das Sie verzichtet. Über die Geburt des Weißbier-Waldis und die Wasser-Dusche.

Waldi, ich denke, Duzen ist in unserem Fall erlaubt. Schließlich warst du in den 1970er Jahren einer der ersten Kneipenwirte meines Vertrauens…

Wo? In der Stettenstraße oder am Königsplatz?

Im Waldis Club in der Stettenstraße. Da gab es als Getränk noch den guten alten Persico, einen Likör aus Sauerkirschensaft. Der Waldis Pub am Königsplatz war mir dann eine Spur zu fein…

Persico war dieses Berliner Studentengesöff. Das war übrigens ein chemischer Kampfstoff. Dass der Waldis Pub zu fein für dich war – das ging vielen so. Mein Traum war damals ein englischer Pub. Aber es hatten viele eine Schwellenangst. Ich persönlich habe dort mein ganzes Erspartes vergeigt.

Wie siehst du heute deine Zeit als Wirt?

Als die beste Lehrzeit meines Lebens. Weil du als Wirt alles bist. Du bist Kummerkasten, Leihhaus, Seelsorger und Animateur. Du lernst Leute in außergewöhnlichen Situationen kennen und lernst, mit ihnen umzugehen. Die perfekte Rundumschule für das Leben ist, hinter der Theke zu stehen und Wirt zu sein.

1976 hatte Augsburg hohen sportlichen Besuch. Muhammad Ali war vor seinem Kampf gegen Richard Dunn in Augsburg im Brauhaus Riegele. Du warst daran nicht ganz unbeteiligt…

Ich war sogar Täter und nicht Mittäter. Ich habe es immerhin geschafft, Ali für zehn Minuten in den Riegele-Hof zu holen. Ali hat eine Woche in München im Circus Krone trainiert und ich war dort für die Pressearbeit und die Moderation zuständig. Dabei lernte ich gleich am ersten Tag Alis Trainer Angelo Dundee kennen. Ich sprach ganz gut Englisch und war plötzlich Ansprechpartner für allerlei Angelegenheiten. Ich durfte in die Kabine und habe Ali sogar nackt gesehen (lacht).

Wie kam dann der Tross nach Augsburg?

Damals kam Alis Buch „Der Größte“ auf den Markt und ich habe zu Angelo Dundee gesagt, wir halten in Augsburg eine Lesung. Über 2000 Leute waren dann im Stadtteil Göggingen, als drei schwarze Limousinen dort vorfuhren. Da war die Hölle los. Ali hat sich auf eine Art Thron gesessen und Bücher signiert. Doch nach zehn Minuten hat einer aus Alis Tross gerufen: „Hey, that’s a brewery“ (Das ist eine Brauerei). Dann sind sie wieder abgezogen. Ali als streng gläubiger Moslem in einer Brauerei. Das ging dann doch nicht.

Das Magazin der Süddeutschen Zeitung hat dich einst als Duz-Maschine bezeichnet. Hat dir das geschadet?

Nein, im Gegenteil. Ich konnte damit gut leben. Ich habe es auch damals tausendmal erklärt. Wenn ich mit jemanden per Du außerhalb einer Kamera bin, dann bin ich es auch vor der Kamera. Alles andere wäre Heuchelei und eine Leute-Verarschung. Wenn ich mit jemandem per Sie bin, dann habe ich ihn auch mit Sie vor der Kamera angesprochen. Das kommt natürlich in einer Überschrift nicht vor. Heute sind sie doch fast alle per Du. Ich bin praktisch ein Trendsetter gewesen.

Du hast dir Kultstatus erworben. Da muss man manchmal Spott aushalten. Wie oft stößt du da an die Grenze des Erträglichen?

Meine Erfahrung hat mich gelehrt: Nicht mal ignorieren ist sehr nervenschonend. Oder nach dem Motto leben: „Any promotion is good promotion“ (Jede Werbung ist eine gute Werbung). Vor zehn Jahren habe ich mich über manches noch aufgeregt. Das tue ich heute nicht mehr. Man muss aber auch sagen, dass es unter den Medienschaffenden auch viel Neid und Missgunst gibt und vorgefasste Meinungen schwer zu korrigieren sind.

Ein Beispiel?

Zusammen mit Harald Schmidt, dem zu seiner Glanzzeit die Feuilletonisten zu Füßen lagen, moderierte ich erstmals bei Olympia 2006 die Fernsehsendung „Waldi und Harry“. Die Süddeutsche Zeitung hat dann vor der ersten Sendung geschrieben: Wie soll das gehen? Bildungs-Harry und Weißbier-Waldi? Es ging übrigens hervorragend mit tollen Quoten. Wenn man in einer Schublade mal eingeordnet wurde, bleibt man da ein Leben lang.

Und dann „blamiert“ sich der Duz-Waldi Hartmann auch noch als Telefonjoker in einer Quizsendung mit der Frage „Deutschland hat noch nie eine Fußball-WM im eigenen Land gewonnen“. Wie konnte das denn nur passieren?

Ich war damals auf Lesereise mit meinem Buch „Dritte Halbzeit“ und Lena Gehrke, damalige Freundin von Samy Khedira, hatte mich gefragt, ob ich bei ihr Telefonjoker bei „Wer wird Millionär?“ machen würde. Der Jauch hat mich dann angerufen, als ich schon gar nicht mehr damit gerechnet hatte. Damals spielten die Jungs von Jogi einen ziemlichen Schafscheiß zusammen. Das habe ich in der Lesung dann auch richtig angezündet, nach dem Motto: Wir feiern ja schon dritte Plätze mit einer Million Menschen am Brandenburger Tor, aber wir gewinnen nix mehr. Und in der Stimmung habe ich mich dann zum „Tor des Jahres“ gemacht ...

Der Supergau .. .

Zu diesem Zeitpunkt war ich in Sindelfingen. Der Chefredakteur der Sindelfinger Zeitung, der mit mir anlässlich der Lesung ein Gespräch geführt hatte, schaute mich mit großen Augen an und sagte: „Aber Herr Hartmann, wir sind doch 1974 im eigenen Land Weltmeister geworden.“ Ich habe dann mal meinen Zustand so beschrieben: Schnappatmung und Blutsturz. Du weißt ja dann, was dann branchenüblich abgehen wird. Und so kam es dann auch. Die Bildzeitung titelte: „Die größte TV-Blamage aller Zeiten.“ Aber auch das habe ich zu meiner großen Freude überstanden und wurde Telefonjoker der Herzen.

Anderes Thema: Rudi Völler hat dich zum Weißbier-Waldi gemacht. Wie war für dich der Moment, als Rudi losgeledert hat?

Ich wusste ja schon von Reiner Calmund, mit dem ich sehr gut befreundet bin, dass Rudi als Spieler auch mal richtig ausflippen konnte und auch Mitspielern, die entscheidende Fehler gemacht haben, mal an die Gurgel gegangen ist. In unserem provisorischen kleinen ARD-Studio auf Island hörte Rudi dann, was Gerd Delling und Günter Netzer zu Recht über den grottenschlechten 0:0-Kick sagten. Da schwoll ihm dann langsam der Hals. Ich wurde immer ruhiger, was ihn immer narrischer machte. Dann kam der Weißbier-Spruch, für den er sich ja noch vor der Kamera entschuldigte. Doch so wurde „Weißbier-Waldi“ geboren. Und ich wusste natürlich, dass ich gerade bei einem außergewöhnlichen Fernsehereignis live dabei war und habe es sichtlich genossen, wie man auf Youtube unschwer erkennen kann.

Geschadet hat dir Rudi damit nicht?

In keinster Weise. Rudi und ich haben immer noch einen guten Kontakt und von der Brauerei Paulaner wurde ich zehn Jahre lang mit einem Werbevertrag ausgestattet.

Du hast in diesem Jahr neue Pläne, habe ich gelesen.

Eine Agentur in Berlin ist an mich herangetreten. Die wollen mit mir auf Facebook und Instagram während der WM einen Videoblog ins Netz stellen. Da sind wir gerade in der Planung. Ich habe mich schon einmal geäußert, dass es eigentlich nicht soziale Netzwerke heißen dürfte, sondern eher asoziale Netzwerke. Da ist so viel Hass und Dummheit unterwegs. Ich bin zu dem Entschluss gekommen, man darf das Internet nicht den Hatern und den Bekloppten überlassen. Das funktioniert genauso wenig, wenn man den Satz befolgt: Der Klügere gibt nach. Das Ergebnis wäre dann nämlich, dass die Deppen gewinnen würden.

Letzte Frage, Waldi: Wie feierst du deinen 70. Geburtstag?

Mit meiner Frau und den Schwiegereltern bei unserem Stammitaliener in Berlin. Danach geht es noch in eine Bar. Verdursten ist nicht unser Ziel.


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