Vor 20 Jahren war die Flasche leer Trapattonis Wutrede: Ich bin müde, Vater dieser Spieler

Von Anton Schwankhart

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Sorgte 1998 für eine legendäre Wurtrede: Giovanni Trapattoni. Foto: imagoSorgte 1998 für eine legendäre Wurtrede: Giovanni Trapattoni. Foto: imago

Augsburg. Vor 20 Jahren hat der Italiener Giovanni Trapattoni die deutsche Sprache mit seiner Wutrede bereichert. Was wie ein spontaner Ausbruch klang, war in Wahrheit gut vorbereitet.

Am 26. April 1997 hat Bundespräsident Roman Herzog im Berliner Hotel Adlon seine berühmte „Ruckrede“ gehalten. Die dringende Aufforderung, „einen Ruck“ durchs Land gehen zu lassen, weckte die Republik auf. Ein knappes Jahr später, am 10. März 1998, folgte eine zweite aufsehenerregende Ansprache. Im Anspruch deutlich bescheidener gehalten, abschnittsweise verwirrend bis unverständlich. Der Vortragsort nicht zu vergleichen mit edler Hotellerie. Ein kleiner, muffiger Raum mit einer Glastür, die nur von innen zu öffnen war. Hinter der an manchen Trainingstagen des FC Bayern drei Dutzend Reporter auf engem Raum transpirierten, während vor ihnen ein Trainer auf die immer wieder- kehrenden Fragen, die immer gleichen Antworten gab. Es war also nicht zu erwarten gewesen, dass von diesem Ort einmal eine stilbildende Rede für das Land ausgehen würde, zumal sich noch heute darüber streiten lässt, ob sie der deutschen oder der italienischen Sprache zuzurechnen ist.

„Was erlauben Strunz?“

Mit mehreren Zetteln ausgerüstet hatte sich Giovanni Trapattoni vor Kameras, Mikrofonen und Notizblöcken aufgebaut. Der damals 59-jährige Trainer des FC Bayern war also vorbereitet. Was in den 116 Sekunden folgte, war keine Affekthandlung, sondern ein geplanter Vulkanausbruch, dessen Erschütterungen bis in die abendliche Tagesschau hineinreichten. Auslöser dafür war eine 0:1-Niederlage gegen den FC Schalke gewesen. Dazu Trapattonis Ärger über die lasche Arbeitseinstellung einiger Spieler wie des nachtschwärmenden Mario Basler und des nörgelnden Thomas Strunz. „Strunz! Strunz ist zwei Jahre hier, hat gespielt zehn Spiele, ist immer verletzt. Was erlauben Strunz?“ ereiferte sich Trapattoni vor den Mikrofonen. Er habe mit dieser Rede die Mannschaft wachrütteln wollen, erklärte der Trainer später. Das und einiges mehr ist ihm gelungen.

Trapattoni hatte einen gesellschaftlichen Diskurs über Verantwortlichkeit angestoßen, der alte Muster auf den Kopf stellte. Im Zentrum die Frage, ob immer nur die Führungskräfte die Köpfe für Misserfolg hinhalten müssen („Habe immer die Schulde über diese Spieler. Ich bin müde Vater dieser Spieler.“).

Trapattoni – ein Sympathieträger

Trapattonis Auftritt war derart stilbildend, dass jahrelang kein Vorstandsvorsitzender eine Rede ohne „habe fertig“ beenden wollte. Der Italiener hatte das Genre der Wutrede erfunden und dem Begriff einen Platz im Duden gesichert. In der Trapattoni-Form war jeder Zornausbruch legitimiert und gesellschaftlich anerkannt. Viele sind dem Stil des Italieners gefolgt. Politiker, die nicht mehr gewählt wurden, genauso wie Sechsjährige, die sich wütend auf „Trap“ beriefen, wenn sie um zehn Uhr ins Bett sollten. Der Trainer erntete Wohlwollen, sogar Begeisterung für den Ausbruch, der eigentlich nicht seinem freundlichen Naturell entsprach. Die Bayern mochten den Bauernsohn aus Cusano bei Mailand, der als einer der erfolgreichsten Klubtrainer der Welt nach München gekommen war, auch wenn er die sportlichen Erwartungen nicht erfüllte. Ein Sympathieträger, der sich in fortgeschrittenem Alter noch mit dem deutschen Genitiv einließ. Der sich wacker gegen die Sprache geschlagen hat und sie mit jeder seiner Niederlagen bereichert hat.


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Ein Ordnungs- und Disziplinfanatiker, den seine Landsleute „il tedesco“, den Deutschen, nennen - und doch ein Italiener vom Scheitel bis zur Sohle. Trapattoni hat den hellbraunen Lederschuh zum dunkelblauen Anzug am Spielfeldrand eingeführt, als Otto Rehhagel noch Ballonseide trug. Er hat den Deutschen ein Vermächtnis hinter lassen. Wer kann noch aus Herzogs Ruckrede zitieren? Trapattonis „Flasche leer“ und sein „habe fertig“ dagegen haben in den Köpfen überlebt.


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