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08.03.2018, 08:59 Uhr KOLUMNE

Schluss mit den Kniefällen vor den Fans


Feuer frei, der Scheich zahlt die Zeche: Pariser Ultras zündelten beim Spiel Paris St. Germain gegen Real Madrid. Foto: WittersFeuer frei, der Scheich zahlt die Zeche: Pariser Ultras zündelten beim Spiel Paris St. Germain gegen Real Madrid. Foto: Witters

Frankfurt. Zu Gewalt aufrufende Plakate bleiben hängen, Beleidigungen werden oft nicht sanktioniert, Pyrotechnik wird gut geheißen. Gegen die Verrohung der Fans tun Fußballvereine zu wenig, findet unser Kolumnist und fordert ein Ende der Kniefälle vor den extremen Fans.

Der Reporter konnte es gar nicht oft genug erwähnen, es war ja schließlich kaum zu glauben. Der Scheich von Paris St. Germain hatte angekündigt, alle Strafen zu bezahlen, die die PSG-Fans beim überaus wichtigen Spiel gegen Real Madrid eventuell provozieren würden. Das ließen die sich nicht zweimal sagen.

Scheich billigt Pyro-Exzess

„Feuer frei“ für ein Pyro-Festival, das letztlich auch nicht zum Sieg auf dem Rasen führte. Egal, sie haben’s ja, die von Katar subventionierten Franzosen. Das bedenkliche Signal fällt in eine Zeit, wo hierzulande immer mehr Verbeugungen und Kniefälle vor einer zunehmend problematischer werdenden Fanklientel zu verzeichnen sind. Gerade hat sich der Frankfurter Präsident Peter Fischer für die Rücknahme der fünf Montagsspiele pro Saison ausgesprochen. Wäre das ein Triumph für die Tennisballwerfer, die den eigentlichen Grund der gewiss unvorteilhaften Ansetzungen (Schonung der Europa-League-Teilnehmer) geflissentlich ignorierten und nun durch Fischer, der wie alle Clubvertreter dafür gestimmt hat, ermutigt werden.

Vereine fallen auf die Knie vor Fans

Auch andere Vereine fallen auf die Knie. Zu Gewalt aufrufende Plakate in Hamburg lässt man lieber hängen, und wer nach dem Warum fragt, bekommt von HSV-Vorstand Heribert Bruchhagen zu hören: „Das kann nur einer fragen, der noch nie Verantwortung in einem Fußballverein getragen hat.“ Was für die meisten Menschen gilt. Viele müssen Kinder erziehen, und denen stellt sich diese Frage mit einiger Berechtigung.

Wozu Megaphone?

Ich für meinen Teil bin Fan eines Vereins, aber kein Ultra und erlaube mir im Namen der Mehrheit spätestens seit den Vorkommnissen von Köln, wo ein „Capo“ den VfB-Torhüter Ron-Robert Zieler aufs Übelste verunglimpft hat, die Frage: Wozu brauchen Fans eigentlich ein Megafon? Bekommen das jetzt auch Theater- oder Zirkusbesucher? In Köln ist das jedenfalls möglich – also beim Fußball –, vier wurden am Sonntag beantragt, und keiner schien zu prüfen, wem man da seine Stimme gibt. Dem hirnlosen Vorsänger der „Wilden Horde“, der sich nun mit Name und Foto auf den Titelseiten wiederfand, darf man sie nicht mehr geben. Da gibt es hoffentlich klare Kante vonseiten des Vereins und des DFB, der Ermittlungen angekündigt hat.

Vom Rudel gedeckt

Das Schlimme ist ja, dass derartige Vorkommnisse in der Regel vom Rudel gedeckt, teilweise mit dessen Einverständnis gemacht und garantiert niemals intern sanktioniert werden. Stadien waren nie Gebetsräume, auch wenn der Fußball für manchen Religion und sein Verein eine Ikone ist. Anfeuerungen und irgendwo noch witzige Schmähungen sind normal und gehören dazu, aber dass man den Bayern mal wieder die Lederhosen ausziehen solle, ist den Fanatikern von heute wohl zu soft.

„Hurensöhne“ singt der ganze Block

Nein, erklärte Feindbilder sind heutzutage Hurensöhne, in Hannover ist es gar der eigene Präsident – und das singt dann nicht nur einer, das singt der ganze Block. Wird ein gegnerischer Spieler wer weiß wie schwer gefoult, hat er es nicht anders verdient, vielleicht simuliert er sogar. Also singt der Chor: „Steh auf, du Sau!“

Die Verrohung der Gesellschaft, deren Schichten sich an jedem Wochenende im Stadion treffen, denn Fußball ist laut Fan-Sprecher Thomas Schneider angeblich „das letzte Lagerfeuer“, schreitet voran. Man muss sie anprangern, statt alles mit Leidenschaft zu entschuldigen. Und was hat es mit Leidenschaft zu tun, wenn ein Teil der aktiven Stuttgarter Fans ihren neuen Trainer schon vor dem ersten Spiel ablehnt und Trauerkarten vor dem Clubheim ablegt? Oder wenn die Wolfsburger ihren Bruno Labbadia schon nach dem zweiten Spiel mit Häme überschütten?

Es ist ein übersteigertes Verantwortungsgefühl oft sehr junger Menschen, für die ihr Verein Lebensinhalt ist. Dabei fügen sie ihm in ihrer Enttäuschung oft Schaden zu. Mit ihrem sinnfreien Song haben es die VfL-Fans in alle Medien geschafft („Wir steigen ab, wir kommen nie wieder – wir haben Bruno Labbadia“), ein Dutzend Krakeeler bestimmte die Nachberichterstattung. Das wird Nachahmer finden, die gegnerischen Fans werden sich auch ihren Spaß draus machen – jede Wette. Hilft das der Mannschaft, die schon mit dem dritten Trainer der Saison auskommen muss, wenn der gleich zur Begrüßung demontiert wird?

Das müsste mir mal jemand erklären. Ich glaube, ich würde es nicht verstehen, selbst wenn derjenige ein Megafon nähme.


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