„Spüre schon ein bisschen Genugtuung“ Kugelstoßer Ralf Bartels bekommt nachträglich die Silbermedaille

Von Andreas Kornes

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Kugelstoßer Ralf Bartels spricht im Interview über seine späte Genugtuung und die aktuelle Doping-Diskussion im Profisport. Foto: WittersKugelstoßer Ralf Bartels spricht im Interview über seine späte Genugtuung und die aktuelle Doping-Diskussion im Profisport. Foto: Witters

Osnabrück. Acht Jahre nach der Hallen-WM in Doha/Katar bekommt der damals drittplatzierte Kugelstoßer Ralf Bartels am heutigen Freitag während der Hallen-WM in Birmingham nachträglich die Silbermedaille überreicht. Im Interview spricht der 40-Jährige über die späte Genugtuung.

Bei Nachkontrollen werden Dopingsünder auch noch Jahre später entlarvt. Wie finden Sie es, dass die um Medaillen betrogenen Sportler nachträglich geehrt werden?

Ralf Bartels: Ich finde das gut. Das ist ja das, was man ganz ehrlich erreicht hat. Dass das dann in dieser Form noch einmal gewürdigt wird, finde ich richtig gut.

Bei der Hallen-WM in Doha 2010 gewann der Weißrusse Andrej Michnewitsch Silber, Sie Bronze. Michnewitsch wurde 2013 lebenslang gesperrt. Seit wann wissen Sie, dass Sie WM-Silber nachträglich überreicht bekommen?

Ich habe ja vor drei Jahren schon EM-Silber aus Barcelona 2010 nachgereicht bekommen. Auch da war Andrej Michnewitsch vor mir. Der europäische Verband ist da ein bisschen schneller. Damals stand schon fest, dass ich auch WM-Silber noch bekomme. Der Weltverband IAAF hat sich nur ein bisschen mehr Zeit gelassen, dafür einen würdigen Rahmen zu finden.

Wie ist dann der Ablauf heute?

Ich fliege in der Früh nach Birmingham. Die Ehrung findet am Nachmittag statt. Mit Nationalhymne und Flagge.

Verspüren Sie Genugtuung oder Ärger darüber, dass Sie damals um Silber betrogen worden sind?

Ich hatte ja den riesengroßen Vorteil, dass ich damals eh schon auf dem Treppchen gestanden bin. Sportler, denen das verwehrt geblieben ist, gehen das gefühlsmäßig sicher ein bisschen anders an. Ich spüre aber schon eine gewisse Genugtuung. Und Freude darüber, dass man unter fairen Bedingungen eine Leistung gebracht hat, die zu Silber gereicht hat. Das wird jetzt honoriert.

Müssen Sie eigentlich Ihre Bronzemedaille mitnehmen und dann gegen Silber tauschen?

Ich habe das tatsächlich gefragt. Aber mein Ansprechpartner beim Deutschen Leichtathletik-Verband wusste das auch nicht so genau. Ich nehme sie vorsichtshalber mal mit. Normalerweise ist es ja so, dass man die alte Medaille abgibt und dafür dann die neue bekommt.

Was ist Ihnen von der WM damals vor allem in Erinnerung geblieben?

Die Freude. Und dass wir danach ein bisschen feiern konnten. David Storl hatte damals seine ersten Schritte im Erwachsenenbereich gemacht. Weil die WM in Doha war, war es nicht ganz so einfach, mal ein Bierchen zu trinken. Der Wettkampf selbst war spannend, das Feld war richtig stark. Und ich habe damals mit 21,44 Metern meine Lebensbestleistung aufgestellt. Ich habe nie weiter gestoßen.

Bei der Siegerehrung danach gratuliert man sich ja höflich. Wie erinnern Sie sich daran?

Michnewitsch war ja 2001 schon einmal auffällig gewesen, deshalb hatte das alles einen eher faden Beigeschmack. Wir sind aber professionell miteinander umgegangen, haben uns auf dem Treppchen gratuliert und das war’s. Mit dem Amerikaner Christian Cantwell, der damals gewonnen hat, wäre ich eher ein Bier trinken gegangen als mit dem Herrn Michnewitsch.

Jetzt findet in Birmingham wieder eine Hallen-Weltmeisterschaft statt. Wie gefällt Ihnen dieser Rahmen für Ihre Ehrung?

Ich muss ehrlich sagen, dass es mich sehr überrascht hat, dass es in diesem Rahmen stattfindet. Die EM-Medaille gab es damals am Rande einer Jugendmeisterschaft. Dass mich der Weltverband jetzt nach Birmingham einlädt, freut mich wirklich sehr. So kann ich auch die WM mitverfolgen. Ich habe extra gefragt, ob ich mir auch das Finale der Männer anschauen kann, und das wurde mir ermöglicht.

Diese nachträglichen Siegerehrungen sind eine Wiedergutmachung, lenken aber den Blick natürlich auch auf das Thema Doping. Glauben Sie noch an einen sauberen Sport?

Natürlich glaube ich daran, denn ich habe ja sauber gearbeitet. Das zeigt, dass man auch ohne Doping gute Leistungen bringen kann. Die ganze Dopingdiskussion ist aber natürlich notwendig. Ich finde die internationalen Verbände, also der IAAF und das IOC, müssten deutlich stringenter damit umgehen.

Was meinen Sie damit?

Ich finde es eine Farce, dass das IOC Russland rehabilitiert, obwohl bei den Olympischen Winterspielen wieder zwei Dopingfälle aus dem russischen Team kamen. Es gab ja die Diskussion, ob sie überhaupt daraus gelernt haben. Ich vermisse einfach Reue. Das ist ja nicht nur im Wintersport so, das geht in den Sommersportarten weiter. Ich finde, da sollte viel rigoroser durchgegriffen werden, damit der Sport wieder glaubwürdiger wird. Es ist klar, dass beim Ausschluss einer ganzen Nation immer auch saubere Sportler betroffen sind. Auch russische Athleten sind sauber und haben einen vernünftigen Leistungsaufbau. Aber trotzdem muss man sanktionieren, wenn Verbände eine derartige Häufigkeit an Dopingfällen haben.

Heute wird zumindest in Ihrem Fall nachträglich für Gerechtigkeit gesorgt. Empfinden Sie das auch so?

Ja, aber natürlich auch nicht ganz. Ich werde häufig gefragt, ob ich jetzt auch die Prämien von damals bekomme. Nein, bekomme ich nicht. Aber ich bin zu der WM eingeladen worden, bekomme Silber und kann mir die Wettkämpfe anschauen. Darüber freue ich mich wirklich sehr.


Acht Jahre nach der Hallen-WM in Doha/Katar bekommt der damals drittplatzierte Kugelstoßer Ralf Bartels am Nachmittag des 2. März 2018 während der Hallen-WM in Birmingham nachträglich die Silbermedaille überreicht. Der heute 40 Jahre alte Neubrandenburger rückt für den Weißrussen Andrej Michnewitsch nach, der wegen Dopings disqualifiziert wurde und Silber verlor.

Neben Bartels, Kugelstoß-Europameister von 2006, werden in der Arena Birmingham fünf weitere Athleten nachträglich ihre Medaillen erhalten. Einige andere können nicht nach England kommen; die IAAF will deshalb mit den nationalen Verbänden eine passende Gelegenheit für die nachträglichen Ehrungen finden.

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