Die Entscheidung der Regelhüter Nach mehreren Monaten Testphase: IFAB berät über den Videobeweis

Von dpa

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Blick in den „Kölner Keller“: Hier sitzen die deutschen Videoschiedsrichter. Foto: dpaBlick in den „Kölner Keller“: Hier sitzen die deutschen Videoschiedsrichter. Foto: dpa

Zürich. Die Regelhüter des Weltfußballs treffen am Samstag eine wegweisende Entscheidung. Nach mehreren Monaten Testphase dürfte der Videobeweis in die Fußball-Regeln aufgenommen werden. Trotz andauernder Kritik in der Bundesliga scheint sich FIFA-Boss Infantino durchzusetzen.

Noch läuft die Testphase zum Videoschiedsrichter in der Bundesliga und zahlreichen anderen internationalen Wettbewerben – mit heftigen Debatten als regelmäßiger Begleiterscheinung. Dennoch wird über die Zukunft des viel diskutierten Projekts am Samstag entschieden, wenn die Vertreter des International Association Football Board (IFAB) in Zürich zusammenkommen. Die Anzeichen für eine Aufnahme ins Fußball-Regelwerk sind eindeutig.

Wer oder was ist eigentlich das International Football Association Board?

Das IFAB wurde bereits 1886 von den britischen Fußball-Verbänden gegründet, die sich als Hüter und Entwickler der Fußball-Regeln verstanden. Der erst später gegründete Weltverband FIFA wurde 1913 in das Gremium integriert. Die vier britischen Verbände aus England, Wales, Schottland und Nordirland haben je einen Sitz, die FIFA stellt vier stimmberechtigte Vertreter, die jedoch traditionell en bloc abstimmen. Für Änderungen im Regelwerk sind mindestens sechs von acht Stimmen notwendig. Lange galt das IFAB gerade unter der Führung des damaligen FIFA-Chefs Joseph Blatter als konservativ. Am Donnerstag meldete sich der gesperrte Ex-Boss mit einem Appell gegen den Videobeweis. Mittlerweile zeigt man sich beim IFAB unter dem neuen FIFA-Chef Gianni Infantino aber für Änderungen und Neuerungen offen.

Was entscheidet das IFAB am Samstag?

Nach fast einem Jahr intensiven Probelaufs beraten die Regelhüter des Weltfußballs über die Ergebnisse der Testphase des Videobeweises in vielen Ländern. Letztlich geht es darum, ob die Möglichkeit des Videobeweises in die Fußball-Regeln aufgenommen wird oder nicht. Die heftigen Diskussionen in der Bundesliga werden bei der Sitzung in Zürich allerdings nur eine Randerscheinung sein, wenn überhaupt. Strittige Einzelfälle sind aus Sicht der Fußball-Entscheider ärgerlich, aber in der Summe aller Eingriffe der Video-Schiedsrichter marginal. Bislang sind technische Hilfsmittel jenseits der Torlinientechnik im Regelwerk nicht vorgesehen.

Wo liegen die Tücken des Videobeweises?

Der Videobeweis war das große Aufregerthema der laufenden Bundesliga-Saison: Wirrwarr für die Fans, Unklarheit bei den Spielern und erboste Trainer wie Funktionäre. Die Entscheidungen der Video-Referees aus einem Kellerraum in Köln wirkten nicht stringent. Auch beim Confederations Cup ging schon vieles durcheinander, als Schiedsrichter und Videoassistenten sich offenbar sprachlich nicht verständigen konnten. Auch in England gab es am Mittwochabend Ärger, als der Videoassistent beim Sieg der Tottenham Hotspur im FA Cup für mehrere Spielunterbrechungen sorgte. Wichtig ist eine klare Beschränkung auf vier Spielszenen: Torentscheidung, Rote Karte, Abseits und Spielerverwechslung sowie die klare Beschränkung auf einen Eingriff des Videoassistenten bei offensichtlichen Fehlentscheidungen des Referees.

Was spricht überhaupt für den Videobeweis?

Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge warb am Montag nochmals für den Videobeweis. Er mache das Spiel „besser, seriöser und fairer“. Die Statistiken des IFAB geben ihm recht. 98,8 Prozent aller Entscheidungen seien korrekt, hieß es von der Projektgruppe in einer Zwischenauswertung.Auch Infantino pocht auf das Argument einer höheren Gerechtigkeit. Möglicherweise gibt es auch monetäre Aspekte. FIFA-Marketingchef Philippe Le Floc’h deutete eher beiläufig an, dass man mit Technologieunternehmen in Gesprächen über eine Vermarktung der Technikentwicklung sei.

Wird der Videobeweis zur Pflicht?

Wohl nicht. Der Einsatz von Videoreferees wäre in vielen Ländern personell wie strukturell schwierig umzusetzen. Vermutlich wird das IFAB ein generelles Ja für die technische Hilfe aussprechen, die Umsetzung dann aber den Verbänden überlassen. So könnte FIFA-Chef Infantino sein Projekt bei der WM zum Einsatz bringen, Skeptiker wie UEFA-Boss Aleksander Ceferin hingegen für die Champions League die weiteren Entwicklungen abwarten.

Wann fällt die Entscheidung über einen WM-Einsatz?

Das dürfte schnell gehen. Auf der Agenda des FIFA-Councils am 15. und 16. März in Bogotá steht das Thema. Das FIFA-Gremium kommt danach erst wieder wenige Tage vor dem WM-Anpfiff am 10. Juli in Moskau zusammen. Das wäre für einen Entscheid viel zu knapp. Infantino könnte den Entschluss auch in seinem Präsidialbüro fällen lassen, doch ein Votum des Councils würde eine höhere Legitimation bedeuten. Mit einem klaren Ja in Bogotá ist zu rechnen.

Wie verhält sich der deutsche Fußball in der Frage?

Der DFB musste im Testlauf ordentlich nachjustieren. Schiedsrichter-Leiter Hellmut Krug verlor sogar seinen Posten, weil Kommunikationsdefizite offenbar wurden. Seither läuft das Projekt besser und die deutschen Spitzenfunktionäre sprechen sich für eine generelle Einführung in der Bundesliga aus. DFL-Chef Christian Seifert wünscht sich den Videoreferee auch in der 2. Liga. Im Pokal dürfte der Videobeweis nicht von der ersten Runde an angewendet werden, aber spätestens ab dem Achtelfinale wie in dieser Saison.


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