Zverev beraten, aber nicht coachen Becker und Rittner sind im deutschen Tennis auf gemeinsamer Mission

Von Susanne Fetter


Kamen .Da sitzen zwei, die sich verstehen. Barbara Rittner und Boris Becker lachen sich an. Und immer wieder betonen sie, wie eng sie im Austausch stehen. Am Samstag waren die Köpfe des deutschen Frauen- und Männertennis beim Verbandstag des Westfälischen Tennisverbandes – und sie waren in Plauderlaune.

Natürlich. Es ist das Thema, das am meisten interessiert. „Herr Becker, trainieren Sie nun Alexander Zverev?“ Nach der Trennung des derzeit besten deutschen Tennisspielers von seinem Trainer Juan Carlos Ferrero haben sich die Gerüchte so schnell verbreitet wie Grippeviren in einer Hausarzt-Praxis.

Becker lacht, so wie nur er es tut. Er kneift die Augen ganz eng zusammen, und doch funkeln sie durch die engen Schlitze hindurch. Dann setzt er ein breites Grinsen auf. „Nein, sein Vater bleibt Saschas Trainer“, sagt Becker. Er selbst will seinen Job als TV-Experte und beim Deutschen Tennisbund (DTB) behalten. Aber er berate „unseren Klassenbesten“, wie Becker ihn gerne nennt, ab und an. Man kennt sich schon lange, man versteht sich, man vertraut sich. „Aber ich fühle mich in meiner Rolle beim DTB sehr wohl.“

Becker nimmt seine Rolle ernst

Und so wie Becker da neben Rittner sitzt, glaubt man das. Im September wurden sie als „Head of Women’s“ und Head of Men’s Tennis“ installiert. Rittner wechselte auf bekanntem Terrain die Seite. Die langjährige Fed-Cup-Trainerin ist nun mehr Koordinatorin. „Ich kümmere mich jetzt verstärkt um den Jugendbereich“, betont sie. Becker kehrte nach langer Abwesenheit zurück ins deutsche Tennis.

Zuvor gab es Zeiten, in denen es den Anschein hatte, dieses behandele seine Legende ähnlich wie der FC Bayern Lothar Matthäus. Doch die erfolgreiche Zusammenarbeit Beckers mit dem Serben Novak Djokovic führte zu einem Umdenken – auf beiden Seiten. Während der Olympischen Spiele 2016 in Rio, so erzählt Becker, sei er als Betreuer von Djokovic akkreditiert gewesen. „Ich habe als Erstes Barbara Rittner gesehen und ihre Mädels und bin ständig mit ihnen zusammen gewesen, aber immer wieder musste ich zurück ins serbische Haus“, sagt Becker, „das hat sich falsch angefühlt.“

Dann kam der DTB auf ihn zu. Und es fühlte sich richtig an. Becker nimmt seine Rolle ernst. Er hat alle Bundesstützpunkte besucht, er geht zu Jugendsichtungen. Er spricht mit den Spielern. Und sie hören ihm zu. Ihm und Rittner. Das betonen beide.

Was kommt nach Kerber, Lisicki und Co.?

Die 44-Jährige, die drei WTA-Turniere in ihrer Karriere gewann und es bis zur Nummer 23. in der Welt geschafft hat, hat sich diesen Status noch mehr durch ihre Erfolge als Trainerin erarbeitet. Vor etwa zehn Jahren zog sie eine Generation zusammen, die bis heute für Erfolg im deutschen Frauen-Tennis steht. Angelique Kerber, Andrea Petkovic, Sabine Lisicki, Julia Görges – aber was kommt danach?

Es ist die Frage, die Rittner und Becker mit am meisten beschäftigt. Bei den Männern gibt es mit Zverev einen Topspieler. „Aber bei den 15 bis 17-Jährigen ist eine Lücke. Ich habe noch nicht herausgefunden, wieso das so ist“, sagt Becker, „aber wenn ich es weiß, dann werde ich es ändern.“

Becker will mit Rittner das deutsche Tennis voranbringen

Wenn Becker Sätze wie diesen sagt, hören ihn nicht nur die jungen Spieler, sondern alle Generationen. Weil er Boris Becker ist. Wenn er einen Raum betritt, dann hat er die Aufmerksamkeit, dann schweigen alle und schauen erst einmal auf ihn. Auch in Kamen. „Boris, Anfang der 80er habe ich dich spielen sehen, was meinst du…“, leitet ein älterer Mann eine Frage in der Stadthalle an Becker ein. Dann entschuldigt er sich. „Boris, Sie muss es natürlich heißen“, sagt er. Und Herr Becker? Der antwortet entspannt: „Das Du ist schon in Ordnung. Sie kennen mich ja schon so lange.“

Und sie sollen ihn noch einmal auf eine neue Art kennenlernen. Becker will mit Rittner das deutsche Tennis weiter voranbringen. Die nächsten Aufgaben stehen schon an. Anfang April spielen die deutschen Männer im Davis-Cup-Viertelfinale in Spanien. Die Frauen spielen in Stuttgart Ende April gegen Tschechien um den Finaleinzug. „Alle haben zugesagt“, verkünden sowohl Rittner als auch Becker. Heißt, kommt nichts dazwischen, tritt die Bestbesetzung an.

Das war nicht immer so.

Bei den Frauen spielte in der letzten Runde die dritte Garde – und kam sensationell weiter. Die Pause für die Topspielerinnen war vereinbart, betont Rittner. Sie hat Verständnis dafür, doch ab jetzt geht es darum, den Titel im Nationenwettbewerb zu gewinnen. Da sollen alle kommen. Und wenn Becker und Rittner rufen, so scheint es, dann klappt das auch.