„Fotografieren ist immer eine Jagd“ Sebastian Wells über seine Außenseiterrolle und die olympische Blase

Von Harald Pistorius

Seine Bilder aus Südkorea wird er sich nicht ins Zimmer hängen. Foto: Sebastian WellsSeine Bilder aus Südkorea wird er sich nicht ins Zimmer hängen. Foto: Sebastian Wells

Osnabrück. Mit dem Sportfoto des Jahres wurde er 2017 bekannt: Sebastian Wells ist immer auf der Suche nach dem besonderen Motiv abseits der klassischen Sportfotografie. Täglich hat der 21-Jährige während der Winterspiele für die NOZ eines davon präsentiert und die Geschichte dahinter erzählt. Im Interview erklärt der Berliner, wie er sie gefunden hat und warum er sich keines zu Hause aufhängen wird.

Herr Wells, Ihre Fotos sind anders als die normalen Sportfotos. Was ist der Schlüssel dazu?

Ziel der Sportfotografie ist es meist, entweder journalistisch das Sportgeschehen zu illustrieren oder die besondere Ästhetik des Sports in ein Bild zu bannen. Ich möchte bei meiner Arbeit auf den Massenveranstaltungen des Sports weder das eine noch das andere: Ich begreife die Großevents als Theaterbühne und versuche, die „Inszenierung“ nicht nur zu dokumentieren, sondern fotografisch zu kommentieren.

Wie finden Sie Ihre Motive? Ist das alles geplant, oder lassen Sie sich auch mal treiben und warten auf den Zufall?

Es ist neben einer guten Vorbereitung sehr wichtig, sich treiben zu lassen. Sonst fotografiert man nur, was man schon kennt und gesehen hat. Während eines ähnlichen Projektes zur Fußball-EM in Frankreich vor zwei Jahren sagte mir Hans Edinger, damals Fotoredakteur der Berliner Zeitung, immer wieder: „Sebastian, mach dich frei.“ Diese Worte, so einfach sie sein mögen, gehen mir auch heute immer wieder durch den Kopf, gerade dann, wenn es mir mal nicht gelingt, mich von zu festen Bildklischees zu lösen.

Sie sind bei Ihren Fotos oft an Stellen gegangen, von denen ich gedacht hätte, dass man dort gar nicht hin darf. Haben Sie die Ordner ausgetrickst oder war tatsächlich überall der Weg frei?

Einige Fotografen, die sogenannten „Pool“-Fotografen, die vornehmlich für große Nachrichten- und Fotoagenturen wie Reuters, Getty oder AP arbeiten, oder eben die Fernsehanstalten haben mitunter wesentlich vielfältigere Zugänge. Und wer Ordner austrickst, muss durchaus um seine Akkreditierung fürchten. Bei Olympia gibt es Regeln für alles. Viel wichtiger ist: Welchen Motiven schenke ich meine Aufmerksamkeit? Ich möchte in meinen Bildern nicht nur Momente einfrieren, sondern auch kleine Räume erschaffen, stille Ausschnitte aus dem großen Ganzen, die durch ihren bildnerischen Rahmen eine eigene kleine Realität erschaffen. Vielleicht entsteht dadurch das Gefühl, ich wäre an Orten, die sonst unzugänglich sind.

Fällt es Ihnen schwer, sich der Jagd der Sportfotografen nach dem besten klassischen Motiv zu entziehen?

Meine Vorlieben bezüglich der Beute sind möglicherweise etwas speziell, aber dennoch: Fotografieren ist immer eine Jagd, immer. Es geht darum, egal in welchem fotografischen Genre man sich bewegt und selbst beim „dilettantischen“ Selfie, sich Momente anzueignen, die vergehen. Ich mache im Prinzip nichts anderes, auch wenn mich das Rennen um topaktuelle Nachrichtenbilder wenig reizt.

Die Sport-Community – sowohl bei Fotografen als auch bei Athleten – spricht eine eigene Sprache und folgt eigenen ungeschriebenen Gesetzen. Wie fühlen Sie sich in dieser Welt als einer, der von sich sagt, er sei kein reiner Sportfotograf?

Ich bin ja nicht zufällig viel im Sport unterwegs. Früher habe ich Leichtathletik betrieben, war Läufer, und irgendwie lässt mich dieses Faible nach wie vor nicht los. Sicherlich verstehen nicht unbedingt alle Kollegen den Sinn meines Schaffens – zuweilen nicht mal ich selbst. „Machst du hier wieder deine komischen Bilder?“, fragte mich kürzlich ein geschätzter Kollege einer großen deutschen Nachrichtenagentur. Eine solche „Außenseiterrolle“, ein „Gegen den Strom“-Schwimmen, kann allerdings durchaus schön sein, weil ich sehr unabhängig bin.

Das waren Ihre ersten Winterspiele, Sie waren das erste Mal in Südkorea. Welche Vorstellungen sind eingetroffen, was hat Sie überrascht?

Ich bin überraschend wenig überrascht worden, was vor allem an der westlichen Prägung Südkoreas liegt. Abgesehen vom Essen, der Sprache oder der sehr funktionalen Stadtarchitektur gibt es im Grunde weniges, was Südkorea von westlichen Ländern unterscheidet. Das wird spätestens dann deutlich, wenn man auf großformatige Werbeplakate für Schönheits-Operationen stößt, deren Ziel es sein soll, Augen nach westlichem Vorbild umzuschneidern. Fairerweise muss ich aber auch zugeben, dass ich mich wenig außerhalb der olympischen Blase bewegt habe. Dass es dieser Blase fast immer gelingt, die eigentliche Realität des Gastgeberlandes nur tröpfchenweise durchsickern zu lassen, ist mir spätestens in Rio de Janeiro bewusst geworden.

Welche drei, vier Bilder aus Südkorea würden Sie zu Hause aufhängen?

Keines. Bei mir zu Hause hängen nur Bilder, die ich nicht gemacht habe. Ich möchte meine Arbeiten nicht zu wichtig nehmen und mich von den Künsten anderer inspirieren lassen.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Ich werde in Russland bei der Fußball-WM fotografieren. Die Arbeit bei den Großveranstaltungen sehe ich allerdings eher als einen zusammenhängenden Komplex. Es geht mir dabei fotografisch eigentlich immer um das gleiche Thema: die Inszenierung des Sports. Wichtiger ist mir zurzeit mein Abschlussprojekt an der Berliner Ostkreuzschule für Fotografie, an der ich seit drei Jahren studiere. Im Oktober ist die große Abschlussausstellung mit meiner Arbeit und der meiner Kommilitonen. Bis dahin ist noch viel zu tun.

Hier geht es zu seinen Bildern aus der ersten Woche in Südkorea.

Die Bilder der zweiten Woche finden Sie hier.

Der Außenseiter: Sebastian Wells fotografiert andere Motive als die meisten Fotografen. Foto: Sebastian Wells

Die letzte Woche Pyeongchang in Bildern gibt es hier.