„Die Zweifel waren schon da“ Roger Federer über seine Rückkehr, Grand-Slam-Titel und Olympia 2020

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Rotterdam. Tennisstar Roger Federer hat bei den Australian Open seinen 20. Grand-Slam-Titel gewonnen. Drei Wochen später wurde der Schweizer die älteste Nummer eins der Welt. Im Interview spricht der 36-Jährige über seine Grand-Slam-Titel, seine Rekorde und über Olympia 2020 in Tokio.

Bei den 26. Gerry Weber Open in Halle wird Rekordspieler Roger Feder wieder aufschlagen. Das Rasenturnier findet vom 16. bis zum 24. Juni 2018 statt. Bei der Jubiläumsausgabe im vergangenen Jahr feierte der Tennis-Superstar dort seinen neunten Titelgewinn.

Herr Federer, welchen Stellenwert hat es für Sie, die älteste Nummer eins aller Zeiten zu sein?

Das bedeutet mir viel. Ansonsten hätte ich auch nicht an dem Turnier in Rotterdam teilgenommen. Manche Experten haben gesagt, dass ich alles total umgekrempelt hätte, um in Rotterdam dabei zu sein. Ich hatte aber schon Ende des vergangenen Jahres im Hinterkopf, dass ich vielleicht dort spiele und nicht in Dubai. Aber noch mehr ist es ein Dank an die gesamte Mannschaft und die Coaches über all die Jahre. Sie haben mich nach vorne gepusht, sie haben mir geholfen, sie haben mich inspiriert und motiviert. So ist es für alle noch mal ein Moment, bei dem man ganz oben auf dem Treppchen ist. Das ist schon ganz speziell. Es ist ein Rekord.

Und das ist nicht der erste Rekord in diesem noch jungen Jahr. War der 20. Grand-Slam-Titel in Melbourne etwas Besonderes für Sie?

Im letzten Jahr in Australien musste ich so hart für den Titel kämpfen, da ist der Zusammenbruch vor Freude nach der Zeremonie gekommen, als ich meine Freunde und Familie gesehen habe. In diesem Jahr bin ich vergleichsweise locker ins Finale gekommen, nachdem das Halbfinale nach eineinhalb Sätzen abgebrochen wurde. Es war einfach etwas anderes. Jeder Sieg hat seine eigene Geschichte. Im Finale war ich im Gegensatz zum Vorjahr der Favorit. Als es dann vorbei war, hat sich der Druck entladen. Ich hatte es geschafft. Es war ein wunderbares Gefühl.

Wie lange hält so ein Glücksgefühl an?

Im vergangenen Jahr sehr lange. Von Australien bis mehr oder weniger Wimbledon. Und dann wieder von Wimbledon bis Australien. Ich habe das Jahr als sehr kurz empfunden. Natürlich brauchte ich die Siege in Schanghai, Miami, Indian Wells, Halle und Basel, die mich diese Welle weiter haben reiten lassen.

Schielen Sie noch auf andere Bestmarken?

Entweder es passiert, oder es passiert nicht. Ich habe jetzt aber nicht irgendwelche Rekorde, die mich beschäftigen. Wenn, dann kommen sie von alleine.

Was reizt Sie, weiterhin auf diesem Niveau zu spielen?

Das kann man nicht auf einen Punkt bringen. Vielleicht es sich selbst zu beweisen, dass man nach 15 Jahren immer noch Titel holen kann. Die Freude, vor einem Publikum antreten zu dürfen. Wie oft das noch so sein wird, ist schon seit mehreren Jahren ungewiss. Denn ich gehe Jahr für Jahr. Der Spaß am Training. Die Siege gegen die Topspieler und die Vorbereitung auf die ganz großen Turniere, die mir wichtig sind und mir immer wichtiger werden. Fast alle Turniere sind mir wichtig, weil ich einfach weniger davon spiele.

Gibt es noch etwas?

Dann schaue ich, ob ich mich in irgendwelchen Formen immer noch weiterentwickeln kann. Den Input, den ich über all die Jahre von meinen Coaches bekommen habe, versuche ich auszuprobieren und umzusetzen. Ich habe das Gefühl, dass ich heute anders spiele als vielleicht noch vor drei, vier Jahren. Nach der Verletzung 2016 sowieso. Das war wie eine Unterbrechung, eine Neuorientierung.

Sie waren in dem Jahr sehr lange verletzt. Hatten Sie Zweifel, das Topniveau wieder zu erreichen?

Ja, das ist aber total normal. Es wäre ein Witz, wenn nicht. Die Zweifel, ob ich noch mal zurückkomme, waren schon da und auch berechtigt. Aber die Angst, dass ich nie mehr Tennis spielen würde, war nicht da. Ich wusste schon, dass ich sicher irgendwie noch mal Turniere spielen könnte. Davon war ich überzeugt. Ich wusste, dass ich irgendwann wieder bei 100 Prozent sein würde.

Wie haben Sie das geschafft?

Als ich die Entscheidung getroffen habe, sechs Monate Pause zu machen, habe ich schon das Gefühl gehabt, dass das viel Zeit ist. Deswegen muss man geduldig sein, seinem Team und seinem Prozess vertrauen. Aber das ist schwierig, weil man auch nervös ist. Gleichzeitig musst du sehr positiv bleiben. Ich habe viel gelernt, auch von mir selber.

Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Ich habe die Lust, nicht den Drang, mich verbessern zu wollen, und sehe den Gleichstand als Rückschritt an. Ich bin demütig, ehrlich zu mir selbst und zu meinem Team. Und ich habe eine Kämpfernatur, die vielleicht nicht immer so zum Vorschein kommt. Sie hat mir aber in den Momenten geholfen, die nicht so einfach waren und in denen ich Schmerzen hatte. Ich glaube, das hat mir schon etliche Siege und zum Schluss auch Turniersiege gebracht.

Haben Sie noch sportliche Ziele?

Ja, auf jeden Fall. Man weiß ja, was möglich ist. Man ist aber auch realistisch, sowohl im negativen als auch im positiven Sinne. Es ist immer gut, seine eigenen Stärken und Schwächen zu kennen.

Sind die Olympischen Spiele 2020 in Tokio noch ein Thema?

Tokio ist gar nicht in meinem Kopf. Wenn es passiert und der Moment kommt, dann ist das super. Aber es ist kein Ziel, das ich mir vor Augen geführt habe, wie zum Beispiel die Spiele in Rio 2016 oder in London 2012. Nach meiner Verletzung will ich nicht zweieinhalb Jahre vorausdenken. Aber, dass ich dann noch spiele, könnte schon sein. Es wäre noch mal cool.

Im vergangenen Jahr haben Sie die French Open ausgelassen. Spielen Sie dieses Jahr wieder in Paris?

Es könnte sein. Das muss ich mir aber gut überlegen, weil es auch zwei Belagwechsel sind. Im letzten Jahr habe das erste Mal einen Grand Slam nicht gespielt, obwohl ich fit war. Es sieht eher danach aus, dass ich weniger auf Sand spielen werde. Die Entscheidung wird aber erst nach Indian Wells fallen.

Der Deutsche Alexander Zverev ist ein junger, talentierter Spieler. Der ganz große Durchbruch blieb ihm bei den Grand Slams aber bisher verwehrt. Was hemmt ihn noch?

Ich habe das Gefühl, dass er sich vielleicht ein bisschen zu hohe Ziele setzt, was allerdings auch gut und wichtig ist. Weil er die Turniere in Rom und Montréal gewonnen hat, denkt er vielleicht auch, dass er nun einen Grand Slam gewinnen sollte. Das ist ein logischer Prozess im Kopf. Aber wenn du schon an das Halbfinale oder Finale denkst, du aber noch in der zweiten Runde bei ein Satz beide und bei Breakpoint hinten bist, dann ist es schwer, normal zu spielen.

Haben Sie einen Rat für ihn?

Er sollte nicht in Panik verfallen oder sich zu sehr unter Druck setzen. Ich musste auch erst verstehen, dass ich mich Punkt für Punkt, Game für Game, Satz für Satz und Runde für Runde konzentrieren muss. Er wird das herausfinden. Dafür ist er ein zu guter Spieler. Wenn er weiterhin gut trainiert, wird er seine Chancen bekommen, Grand Slams zu gewinnen.

Dieses Interview ist in einer kleinen Gesprächsrunde mit wenigen Pressevertretern entstanden.


Roger Federer wird am 8. August 1981 im schweizerischen Basel geboren. Der Sohn einer Südafrikanerin und eines Schweizers ist einer der größten Tennisspieler alle Zeiten. Der 36-Jährige gewann 20 Grand-Slam-Titel – so viele wie kein anderer. Allein in Wimbledon triumphierte er achtmal. Die US Open gewann er von 2004 bis 2008 fünfmal hintereinander, die Australian Open insgesamt sechsmal und die French Open einmal. 2004, 2005, 2006, 2007 und 2009 stand der sympathische Schweizer an der Spitze der Weltrangliste. Das schaffte er 2018 ein weiteres Mal – und ist damit die älteste Nummer eins aller Zeiten. Federer war 2003 „Schweizer des Jahres“. Vier Jahre später erschien sein Konterfei auf einer Briefmarke – er ist der erste lebende Schweizer, dem diese Ehre zuteilwurde. Vier Jahre in Folge (2005–2008) wurde er zum Weltsportler des Jahres gewählt. Im April 2009 heiratete er seine Freundin Mirka Vavrinec, früher selbst Tennisprofi. Vier Monate später kamen die Zwillingstöchter Myla und Charlene zur Welt. 2014 bekam die Familie Zuwachs mit den beiden Zwillingssöhnen Lenny und Leo.

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