Teamgeist, Torhüter, Trainer Das zeichnet die deutsche Eishockey-Mannschaft aus

Von Marco Scheinhof

Der Halbfinal-Sieg gegen Kanada ist verdient. Foto: WittersDer Halbfinal-Sieg gegen Kanada ist verdient. Foto: Witters

Gangneug. Franz Reindl kennt sich mit Wundern aus. 1976 war der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) bei der Bronzemedaille von Innsbruck dabei. Er sagt: „Ja, wir können auch jetzt von einem Wunder reden.“ Deutschland steht im Finale gegen Russland. Alles scheint möglich. Doch was zeichnet eigentlich diese deutsche Mannschaft aus?

Der Teamgeist: „Die Einheit ist der große Erfolgsfaktor“, sagt Bundestrainer Marco Sturm. Individuell sind andere Nationen sicherlich besser besetzt. Es ist jedoch beeindruckend, wie sich die deutschen Spieler verausgaben, wie sie sich in jeden Schuss des Gegners werfen. „Das ist gesundheitsgefährdend, das endet oft mit einer Verletzung“, sagt Reindl. Schmerzen, Prellungen, all das. Es ist aber auch wichtig, um den Torhüter zu entlasten. Und es ist ein Zeichen des unbändigen Willens. Den hat die deutsche Mannschaft. Franz Reindl sagt: „Das Team ist bereit. Als ich in die Kabine kam, habe ich die Augen funkeln sehen, da herrscht keine Zufriedenheit.“ Jetzt wollen alle noch mehr. (Weiterlesen: Deutsches Eishockey-Team im Olympia-Finale)

Der Trainer: Marco Sturm hat vor drei Jahren die Nationalmannschaft am Tiefpunkt übernommen. Das Team hatte unter Pat Cortina die Olympischen Spiele 2014 verpasst, es waren schwere Zeiten. Sturm, der ehemalige NHL-Spieler, war als Trainer noch unerfahren und erst 36 Jahre alt. Doch alleine durch seine Erfahrung schauen die Spieler zu ihm auf. 1006 NHL-Spiele für San Jose, Boston, Washington, Los Angeles, Vancouver und Florida sprechen für sich. Die Spieler kommen wieder gerne zur Nationalmannschaft, nachdem es noch unter Cortina 20 oder mehr Absagen gegeben hatte. „Er kann alle Spieler motivieren und begeistern. Man merkt seinen Ehrgeiz. Genau so etwas brauchen wir“, sagt Patrick Reimer. Kurz vor den Olympischen Spielen wurde zudem der Vertrag mit Sturm bis 2022 verlängert. Ein Zeichen des Vertrauens, von beiden Seiten.

Der Torhüter: Danny aus den Birken hat sich während des Turniers zur Nummer eins entwickelt. Er spielt derzeit in München, seine Ausbildung genoss er in Mannheim und beim damaligen Kooperationspartner Heilbronner Falken. Zu seinen Anfangszeiten hatte er es schwer, doch er entwickelte sich eindrucksvoll. Bei der Heim-WM 2017 zeigte er nicht seine beste Leistung. Bei Olympia steigert er sich von Spiel zu Spiel. Ein starker Torhüter ist die Basis für Überraschungen. (Weiterlesen: Deutsches Eishockey-Team gewinnt – und alle jubeln mit)

Die Stars: Auch ohne die Unterstützung aus der nordamerikanischen NHL – die Liga unterbricht ihre Saison für Olympia nicht – hat die deutsche Mannschaft erfahrene und überdurchschnittliche Spieler. Kapitän Marcel Goc, Abwehrass Christian Ehrhoff, der gebürtige Villingen-Schwenninger Yannic Seidenberg oder Stürmer Dominik Kahun. Der erzielte gegen Schweden einen äußerst sehenswerten Treffer. Seidenberg brachte die Mannschaft in der Verlängerung gegen die Schweiz ins Viertelfinale. Die Mischung passt. Allen macht es großen Spaß, das ist unübersehbar.

Das Konzept: DEB-Präsident Franz Reindl und DEB-Sportdirektor Stefan Schaidnagel haben viele Reformen angestoßen, die vor allem die Nachwuchsarbeit verbessern sollen. Mit der Deutschen Eishockey-Liga wurde zudem ein neuer Vertrag über acht Jahre geschlossen, der auch finanzielle Unterstützung erhält. Das Ziel soll sein, dass mehr deutsche Spieler bei den DEL-Clubs unter Vertrag stehen. „Jeder muss begreifen, dass die Nationalmannschaft das Aushängeschild ist“, sagt Franz Reindl. Hat die Erfolg, fällt vieles leichter. Mit der Unterstützung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) sind die Eishockey-Verantwortlichen zufrieden, „es kann aber natürlich immer mehr sein“, so DEB-Sportdirektor Schaidnagel. Das Reformprojekt trägt den Namen „Powerplay 26“, was bedeuten soll, dass das Nationalteam ab 2026 wieder um Medaillen kämpfen soll. Dass es jetzt so schnell geht, überrascht viele.