„Ich möchte nicht noch mal 20 sein“ Ex-Profi Stich blickt auf 30 Jahre im Tennis zurück

Von Johannes Kapitza und Kristina Müller

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Hamburg. Vor knapp 21 Jahren beendete er seine aktive Karriere, jetzt spielt er auch seine letzten Showkämpfe. Im Interview spricht Michael Stich über die Hall of Fame, seine persönliche Checkliste und viele Jubiläen.

Herr Stich, Sie werden am 21. Juli in Newport (USA) als sechster Deutscher in die Hall of Fame des Tennissports aufgenommen – kam das für Sie aus dem Nichts?

Ich war 2007 und 2012 schon mal nominiert. Den Regularien entsprechend war es nun meine letzte Chance, aufgenommen zu werden.

Man gehört zu einem – „elitär“ ist das falsche Wort – sehr kleinen Kreis Menschen, die auf den Tennissport einen besonderen Einfluss gehabt haben. Nach der aktiven Karriere ist das das Schönste, was einem passieren kann

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Im Oktober werden Sie 50 und haben angekündigt, in diesem Jahr Ihre letzten Schaukämpfe zu spielen.

Irgendwann muss ich aufhören, auch mit den Schaukämpfen. Diese Erkenntnis habe ich schon ein paar Jahre. Es wird immer aufwendiger, sich fit zu halten und zu trainieren. Ich möchte nicht an den Tag kommen, an dem ich nicht mehr kann, weil das Knie oder die Schulter nicht mehr mitmacht. Ich habe jetzt nichts Akutes, aber man weiß nie, wann es kommt. Ich möchte selbst entscheiden können, wann ich aufhöre.Ich habe das Programm ja schon sehr reduziert: Die Champions Tour von der ATP mit drei Matches in vier Tagen würde ich nicht mehr hinkriegen. Da bräuchte ich eine Woche, bis ich mich davon erholt hätte.

Der 50. Geburtstag ist also ein guter Anlass für einen Schnitt?

Vor fünf Jahren habe ich in Paris bei den Legenden-Doppeln gespielt. Ich zusammen mit Peter McNamara, der damals 58 war, gegen John McEnroe und Adriano Panatta, der damals schon Anfang 60 war. Das hatte mit Tennis nicht mehr so richtig viel zu tun. Das war betreutes Tennis-Spielen. Ich will das für mich nicht und irgendwann muss man auch die Fans davon erlösen, einen zu sehen.

Was kommt denn nach der 50? Würde es Sie vielleicht auch reizen, als Trainer anzufangen?

Ich werde nur 50, aber deswegen verändert sich mein Leben nicht. Ich mache trotzdem die Dinge, die ich jetzt auch mache. Der Rothenbaum fällt zwar als Aufgabe weg, aber es wird natürlich andere Aufgaben geben. Meine Unternehmen, meine Beteiligungen, Vorträge halten, das mache ich alles nach wie vor. Ja, mich würde es reizen, jemandem Informationen oder Input zu geben, aber mich reizt es nicht, wieder Wochen durch die Welt zu reisen und auf Tennisplätzen zuhause zu sein. Das habe ich hinter mir.

Wenn Sie jetzt die letzten Schaumatches spielen, werden Sie da vielleicht noch ein bisschen sentimental?

Nein, dafür bin ich jetzt schon zu lange raus. Und es ist ja nicht so, dass ich den Tennisschläger ganz an die Wand hänge und sage: Ich habe nie wieder was mit Tennis zu tun. Ich werde immer versuchen, nach Wimbledon zu fahren. Durch die Aufnahme in die Hall of Fame ist es ja auch eine Verpflichtung, dass man die Tradition und die Historie des Sports mitgestaltet und die Netzwerke pflegt. Das möchte ich wahrnehmen. Unsere Generation macht das sehr schlecht, finde ich. Wir nehmen sehr wenig Anteil am Geschehen heute. Das müssen wir einfach besser machen.

Der 50. Geburtstag ist sicher auch ein Punkt der Rückschau: Wie blicken Sie auf Ihre Karriere zurück?

Das mache ich gar nicht so sehr an der Zahl 50 fest. Ich gucke mehr auf die Zeit, die seitdem vergangen ist. Ich habe vor 21 Jahren meine Karriere beendet. Der Wimbledonsieg ist 27 Jahre her. Da denke ich schon mal: Verdammt, das ist echt lang! Es war eine fantastische Zeit, die ich für nichts in der Welt missen möchte. Meine Zeit war, an anderen gemessen, relativ kurz, aber ich würde alles wieder genauso machen – außer dass ich noch die French Open gewinnen würde.

Sie hatten auch nach der aktiven Karriere immer eine Funktion im Tennis inne – wird sich das in Zukunft ändern?

Das wird sich auf jeden Fall ändern, allein schon, weil ich nicht mehr die Lizenz für das Turnier am Rothenbaum habe. Damit geht für mich eine Ära zu Ende, denn dieses Turnier hat mich mehr als 40 Jahre meines Lebens begleitet. Das ist für mich emotional noch mal ein Schnitt, aber wer weiß, was sich auftut? Vielleicht sucht Ralf Weber irgendwann mal einen anderen Turnierdirektor, weil er sich um die Firma kümmern muss. Der Weg von Hamburg nach Halle ist ja nicht so weit…

Sie schlagen unter anderem noch mal bei den Gerry Weber Open auf? Geplant war das nicht…

Ich habe Ralf Weber angerufen und gesagt: Es ist mein letztes Jahr dass ich in Halle aufschlagen könnte. Ich habe mich quasi selber eingeladen.

Welche Erinnerungen haben Sie an Halle, abgesehen von Ihrem Sieg 1994?

1993 war ich zum ersten Mal in Halle. Es war für uns damals faszinierend zu sehen, was da im positiven Sinne aus dem Boden gestampft worden ist – auch mit der Vision und der Idee, die dahinter stand. Meine Stiftungsarbeit ist in Halle unterstützt worden, es hatte was Familiäres und ich habe gerne die deutschen Turniere unterstützt. Für meine Wimbledon-Zeit war Halle nicht besonders gut, weil ich nach meinen ersten beiden Teilnahmen in Halle jeweils in der ersten Runde in Wimbledon verloren habe. Die Vorbereitung war nicht optimal, aber das lag eher an mir als an dem Turnier oder am Rasen in Halle.

Sie spielen bei der Champions Trophy mit Laura Siegemund.

Ja, ist unfair. Also nicht, weil ich nicht mit Laura spielen will, sondern weil wir gegen Tommy Haas und Julia Görges spielen. Und Tommy ist besser als ich – ein bisschen. Und Julia ist besser als Laura. Also irgendwie ist das kein faires Kräfteverhältnis. Wie war die Frage?

Was ist Ihre Ansage an Tommy?

Er weiß hoffentlich, worum es geht. Es ist Spaß, es ist Spiel, und wir sollen nicht nach 35 Minuten fertig sein. Also eine gute Stunde muss das schon dauern, über 60 Minuten muss er sich schon mit uns abgeben.

Zum zehnten Mal sind Sie jetzt dabei.

Ehrlich? Schon wieder ein Jubiläum. Es ist unfassbar. Meine Frau sagt schon: „Du feierst jedes Jahr irgendein komisches Jubiläum.“ So ist das, wenn man älter wird.

Wo sehen Sie das deutsche Tennis heute?

Angie Kerber und Julia Görges stehen in den Top Ten, dazu kommen Angies Erfolge vor zwei Jahren. Alexander Zverev hat 2017 ein fantastisches Jahr gehabt, da ist schon viel Hoffnung, dass da auch bei den Männern mal wieder ein deutscher Grand-Slam-Sieg hinzukommt. Dass wir im Davis-Cup die erste Runde gewonnen haben, ist auch positiv. Tennis ist, auch bei Kindern und Jugendlichen in den Vereinen, wieder ein wachsender Sport, und die Nachwuchsleute zeigen ihre Leistungen. Von daher ist da große Hoffnung, aber ich sage auch: Es wird nie wieder so sein, wie es zu der Zeit von Steffi und Boris und dann auch zu meiner Zeit noch war. Dieser Hype, dieses erste Mal, gibt es nur einmal. Ich vergleiche das mit der Formel 1: Sebastian Vettel kann noch fünfmal Weltmeister werden, aber Michael Schumacher war der erste deutsche Weltmeister und wird es immer bleiben. Das soll nicht die Leistung schmälern, aber diesen Hype gibt es eben nur einmal.

Heute muss man bei Facebook und Instagram mitmachen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Wären Sie heute gerne noch mal Tennisprofi oder sind Sie froh, dass Sie noch zu einer anderen Zeit gespielt haben?

Ich bin da anderer Meinung: Ich muss mich Facebook oder Instagram nicht unterwerfen. Das sind auch Zwänge, die die Spieler selber leben und bedienen wollen. Da bin ich schon sehr dankbar, dass ich nicht in dieser Zeit groß werde und spielen muss, wobei die Spielweise, die wir hatten, heute vielleicht ein bisschen Abwechslung schaffen würde. Aber wenn ich sehe, gegen welche Spieler ich spielen durfte: Das waren meine Kindheitsidole. Ich habe wirklich eine fantastische Zeit mitgemacht. Das würde ich nicht ändern wollen, und ich möchte auch nicht noch mal 20 sein und das alles noch mal durchmachen – einmal reicht mir.

Während Ihrer Karriere hätten Sie einiges zu posten gehabt, 1992 zum Beispiel: Innerhalb eines Monats haben Sie in Wimbledon im Doppel gewonnen und bei den Olympischen Spielen in Barcelona. Welcher Sieg hat mehr Bedeutung?

Die Goldmedaille hat sicherlich die größere Bedeutung in der Welt des Sports. Damals war das nicht so. Für uns Tennisspieler war Olympia nicht das große Ziel. Das waren immer die Grand Slams. Nach der Karriere haben wir dann alle begriffen, dass es nichts Größeres als eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gibt. Aber ich hatte auf meiner Checkliste meine Punkte, und dazu gehörte ein Grand-Slam-Sieg im Doppel. Den mit John McEnroe erreicht zu haben im bis heute längsten Finale der Wimbledon-Geschichte, ist eine tolle Erinnerung. Mein Vater hat mir zu Weihnachten die Aufnahme von einer VHS-Kassette auf DVD überspielt und geschenkt. Das ist schon lustig, wenn man sich das anguckt. Da merkt man, dass man älter geworden ist.

Das gilt wahrscheinlich auch für die gewonnen Pokale. Welche Rolle spielen die Trophäen heute in Ihrem Leben?

Die wichtigsten sechs bis acht wie Wimbledon, das ATP-Masters, der Davis-Cup und die Olympische Goldmedaille habe ich bei mir zuhause in einer großen Bücherwand.

Gibt es denn auf Ihrer Checkliste etwas, das Sie gerne abgehakt hätten, aber vielleicht…

… nicht erreicht habe? Also dass ich die French Open nicht gewonnen habe, war sicherlich die größte Enttäuschung für mich. Ich will jetzt nicht sagen, dass die French Open unbedingt ganz oben auf der Checkliste gestanden haben. Da stand nur Grand Slam Sieg drauf, aber dann will man ja noch mal mehr. Das ist das Einzige, was ich gerne ändern würde. Und vielleicht diesen berühmten Davis Cup gegen Russland damals. Mir ging es aber nicht darum, dieses Match zu gewinnen. Das Finale in Amerika wäre einfach ein Jahrhundertereignis gewesen. Das waren so die beiden Dinge, die so auf der Checkliste gerne einen Haken kriegen könnten.

Andere Leidenschaft: Hamburger SV. Das ist ja jetzt die letzten Jahre immer ein leidensfähiger Job gewesen. Wenn Sie sich zum 50. etwas wünschen könnten, was wäre das?

Ich bin ja nun kein Hardcore-Fan, ich bin Fan. Da gibt es welche, die jedes zweite Wochenende hintigern und ihre Dauerkarte haben, die sicherlich wesentlich mehr getroffen sind und mitleiden als ich das tue. Ich sehe es aus der sportlichen Sicht und man muss einfach akzeptieren, dass die Mannschaft die Qualität hat, für den Tabellenplatz, an dem sie jetzt steht. Wir spielen schon seit vier Jahren gegen den Abstieg. Grundsätzlich ist es so, dass sich in den letzten vier Jahren von außen betrachtet nichts verändert hat. Es ist definitiv nicht besser geworden. Und das ist für alle sehr frustrierend, aber am meisten für die, die da tagtäglich mit zu tun haben.


Michael Stich wird am 18. Oktober 1968 in Pinneberg geboren. Mit 20 Jahren beginnt er seine Karriere als Profi-Tennisspieler. Die Liste seiner Erfolge im Tennis ist lang: 1991 wird er in Wimbledon Grand Slam-Sieger, ein Jahr später gewinnt er im Doppel bei den Olympischen Spielen von Barcelona die bislang einzige deutsche Goldmedaille bei den Männern. 1993 erreicht seine Karriere mit dem ATP WM-Titel den Höhepunkt. Im gleichen Jahr schafft er es auf der Weltrangliste im Einzel auf den zweiten Rang, zwei Jahre zuvor steht er im Doppel auf Platz neun. Stich ist schon früh sozial engagiert: Bereits mit 25 Jahren gründet er eine Stiftung, die sich der AIDS-Aufklärung widmet. Seine aktive Karriere beendet er im Alter von 29 Jahren. Seit 2009 ist er Direktor des Tennisturniers am Hamburger Rothenbaum, seit 2010 auch beim weltgrößten Challengerturnier in Braunschweig. Als sechster Deutscher wird Stich 2018 in die Hall of Fame des Tennissports aufgenommen.

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