„Ein frisches Brot fehlt mir ab und zu“ Basketballer Theis über den Traum NBA und ein Celtics-Tattoo

Von Dean Walle


Osnabrück. Im vergangenen Sommer wechselte Basketballer Daniel Theis als fünfter Deutscher in die NBA. Im Interview spricht der gebürtige Braunschweiger über das Gefühl, für ein Topteam wie die Boston Celtics zu spielen, den kalten US-Winter und seinen Freund Dennis Schröder.

Herr Theis, wie ist das Gefühl nach Jahren in der Bundesliga endlich in der NBA angekommen zu sein?

Sehr gut. Es hat ein paar Wochen gedauert, bis ich mich richtig eingefunden habe. Natürlich ist eine ganz neue Situation für mich. Die Celtics haben ein ganz neues Team aufgebaut. Wir haben meines Wissens zehn neue Spieler im Kader. Vielleicht war das aber auch ein bisschen mein Glück. Wir haben alle bei null angefangen. Jeder musste das neue System erst mal lernen. Deswegen habe ich mich auch sehr schnell wohl gefühlt.

Stichwort Theis, Theis Baby (in Anlehnung an den Song „Ice, Ice Baby“ des Rappers Vanilla Ice). Was sagen Sie zu den Fans, die Sie mit diesem Spruch begrüßen?

Ja die Fans haben immer ihre eigenen Ideen und mit den sozialen Netzwerken verbreitet sich heutzutage alles auch sehr schnell. Es ist natürlich klasse und irgendwie witzig.

Die Boston Celtics sind nicht irgendein Verein, sondern der Rekordmeister. Larry Bird, Bill Russell, Paul Pierce, um nur einige zu nennen, haben das Trikot mit dem Kleeblatt getragen. Wie ist es für Sie, gerade bei so einer legendären Franchise gelandet zu sein?

Das ist schon was ganz besonderes. Die Geschichte, die man mit dem Klub verbindet, mit den ganzen Titeln und so. Die großen Spieler, die dort gespielt haben; wie zum Beispiel Larry Bird, Kevin Garnett und Paul Pierce. Und jetzt bauen sie hier wieder ein Team auf, dass um die Meisterschaft mitspielen soll. Das ist noch mal ein kleines i-Tüpfelchen, wenn man in die NBA geht und dann bei einem Team spielt, dass das Ziel hat, die Meisterschaft zu gewinnen.

Hatten Sie vor Beginn der Saison erwartet, dass Sie so viele Spielanteile bekommen würden?

Es war sehr schwierig, überhaupt etwas zu erwarten. Das ist ja nicht so, dass man hier herkommt und der Coach Dir Spielanteile verspricht. So nach dem Motto: „Du spielst jetzt 20 Minuten“ oder so. Es war einfach mein Glück, dass wir so viele neue Spieler hatten. So dass alle von Anfang an auf dem gleichen Stand waren. Ich kenne meine Stärken und Schwächen. Und ich kenne meine Rolle. Ich spiele ja jetzt schon ein bisschen länger professionell Basketball. Das war dann auch der Grund, warum ich mich so gut in das Team eingefügt habe.

Beschreiben Sie uns einmal ihren ersten Einsatz bei den Celtics. Es war ja gleichzeitig das Spiel, in dem Gordon Hayward sich so schrecklich schwer verletzt hat…

Es war natürlich erst mal Aufregung da. In Cleveland zu spielen. Gegen LeBron James und die Cavaliers. Gorden Haywards erstes Spiel für die Celtics. Kyrie Irving in seinem ersten Spiel für die Celtics. Und dann diese heftige Verletzung. Das war für uns alle sehr schockierend. Es war das einzige Spiel, wo ich gar nicht zum Einsatz gekommen bin. Aber unser Coach hat mir nach dem Spiel gesagt, dass ich mir keine Gedanken machen soll. Dass ich noch genug Chancen bekommen würde. Insgesamt war es eine schwierige Woche für uns als Team. Das nächste Heimspiel hatten wir dann ja auch noch verloren. Aber danach haben wir es geschafft, eine Serie mit 17 Siegen in Folge hinzulegen. Das hat keiner erwartet, dass wir so eine unglaubliche Siegesserie hinlegen würden. Und überhaupt generell, dass wir so gut starten würden. Mit einem ganz neuen Team.

Kneifen Sie sich zwischendurch mal, um zu glauben, dass Sie mit Superstars wie LeBron James auf dem Spielfeld stehen? Und mit einem Kyrie Irving in einer Mannschaft zu spielen?

Ja, diese Momente gab es tatsächlich schon. Wenn man in der Kabine auf und abläuft und Al Horford neben einem steht, der schon elf Jahre in der NBA gespielt hat. Kyrie Irving natürlich. Der hat bereits eine Meisterschaft mit den Cleveland Cavaliers gewonnen. Das ist ein riesiger Name im Basketball. Wenn man mit diesen Leuten im gleichen Locker Room sitzt, Und mit denen dann das erste Mal spielt, ist das natürlich Wahnsinn.

Haben Sie das Gefühl, dass diese Spieler Ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen, und Sie auch sonst ernst nehmen?

Al Horford ist vielleicht das Beste, was mir in der Hinsicht bisher in meiner Karriere passiert ist. Als ich damals nach Bamberg kam, war es ähnlich. Da war Nikos Zisis Teil unserer Mannschaft. Der hatte bereits alles in Europa gewonnen. Nikos hat auch viele jüngere Spieler an die Hand genommen und gesagt, was man machen sollte und was nicht. Al ist genau so ein Typ. Er hat gleich zu Beginn sehr viel mit mir gesprochen. Er sagt mir immer wieder, was ich besser machen kann. Er und Aron Baynes sind die beiden, mit denen ich auch außerhalb des Spielfeldes am meisten unternehme. Das hilft mir extrem weiter.

Was machen Sie am All-Star Wochenende (16. bis 18. Februar), da Sie es ja nicht ins Rising Stars Team der besten Jungprofis geschafft haben?

Da habe ich zum Glück endlich mal ein paar Tage frei. Diese Zeit werde ich mit meiner Familie verbringen. Um ein bisschen Abstand zum Basketball zu bekommen.

Wie groß war die Umstellung von Deutschland in die USA für Sie? Vermissen Sie irgendwas aus Deutschland?

Meine Frau und ich sind da einer Meinung: Es gibt so Sachen, die sind einfach schwer zu ersetzen. Gutes Brot und Brötchen. In den USA ist das okay, aber eben nicht ganz so der hohe Standard wie bei uns. Ein schönes, frisches, warmes Brot, das fehlt mir schon ab und zu. Die deutsche Mentalität ist ja schon so, dass immer alles geregelt ist, alles nach Zeitplan. Hier ist alles ein bisschen lockerer. Ansonsten muss ich sagen, haben wir uns hier in Boston sehr gut eingelebt. Wir haben uns hier von Anfang an heimisch gefühlt, und daran hat sich auch seitdem nichts geändert.

Wie kommen Sie mit dem kalten Winter des Nordostens der USA zurecht?

Das war hart. Die Leute in Boston hatten mir zwar schon gesagt, dass es durchaus mal sehr kalt werden kann. Das wird es bei uns in Deutschland ja auch.Es gibt auch schon mal Schnee, und es ist kalt und windig. Aber als dann in Boston diese Winterwochen kamen, da war es teilweise -22 Grad kalt und der Schnee ging bis zu den Knien, das war schon Scheiße.

Beschreiben Sie mal Ihre Freundschaft mit Dennis Schröder. Sie kommen ja beide aus Braunschweig...

Wir haben über die letzten Jahre hinweg immer den Kontakt gehalten. Dennis ist ja auch nach der Saison immer zu mir nach Bamberg gekommen. Dazu jedes Mal der Sommer mit der Nationalmannschaft. Da hatten wir bereits immer darüber gesprochen, dass wir vielleicht eines Tages mal zusammen in der NBA spielen würden. Der Kontakt ist weiterhin da. Die beiden Male, die wir diese Saison bisher in Atlanta gegen einander gespielt haben, waren wir zusammen was Essen. Auch sonst sprechen wir eigentlich relativ viel, so weit es die Zeit zulässt. Die sind viel unterwegs und wir ja auch. Kurze Nachrichten sind aber immer drin.

Thema Nationalmannschaft. Bundestrainer Henrik Rödl sagte vor einigen Wochen, dass Schröder und Sie die Stützen des Teams seien. Haben Sie beide denn nach so einer langen Saison überhaupt Lust, im Sommer für die Nationalmannschaft die Knochen hinzuhalten?

Wir haben auf jeden Fall vor, im Sommer zusammen für die Nationalmannschaft an den Start zu gehen. Natürlich kann ich nur für mich sprechen. Aber Dennis will eigentlich auch immer Nationalmannschaft spielen. Die Fenster sind natürlich blöd gelegt für die Euroleague Spieler. Wegen des Konflikts zwischen der Euroleague und der FIBA können viele Nationalspieler nicht mitspielen. Das gleiche gilt ja auch für die NBA Spieler. Aber wenn die Zeitfenster da sind, ich glaube das ist im Juni und dann wieder im September, dann wäre ich dabei. Coach Brad Stevens und die Boston Celtics sind offen dafür. Sie hatten mir auch letztes Jahr schon gesagt, dass es das Beste gewesen sei, was ich hätte machen können. Dass man nach so einem großen internationalen Turnier in die Vorbereitung kommt, dann ist man sofort in einem Fluss. Und das hat mir letzten Sommer sehr geholfen. Ich will unbedingt weiter für die Nationalmannschaft spielen.

Viele Rookies sind zur Mitte der Saison wegen der extrem hohen Belastungen durch das Spielen und Reisen so platt, dass sie in eine sprichwörtliche Mauer laufen. Spüren Sie bereits diese Müdigkeit? Und was ist für die Celtics diese Saison drin?

Letzte Saison in Bamberg hatten wir auch 75 Spiele und es wurde zudem noch viel mehr und härter trainiert als in der NBA. Es sind schon sehr viele Spiele hier. Man muss halt das Große und Ganze sehen. Wir spielen bisher eine sehr, sehr gute Saison, und da kann man nach drei Spielen nicht alles schwarz malen. Klar, wir wollen bis zu den Playoffs natürlich den ersten oder zweiten Platz in unserer Konferenz halten. In den Playoffs werden die Karten dann wieder ganz neu gemischt. Das gilt in jeder Liga. Egal ob Bundesliga, NBA oder sonst wo. Da zählt insofern Deine Platzierung eigentlich gar nichts. Egal ob Du als Erster oder Achter in die Playoffs gehst. Da gibt es keine leichten Spiele mehr. Jetzt gilt erst mal, immer mit 100 Prozent in die Partie zu gehen. Gegen Cleveland und Toronto sind alle immer hoch motiviert, aber auch gegen die anderen Teams muss man immer seine Leistung bringen. Selbst gegen Teams wie New Orleans oder Orlando. Manchmal nimmt man diese Teams auf die leichte Schulter und denkt, es reichen auch 90 Prozent, aber das ist eben nicht so. So etwas darf uns in den Playoffs natürlich erst gar nicht passieren.

Zurück in die NBA: Können Sie es mit den Celtics in die NBA Finals schaffen oder sogar im Juni den Titel gewinnen?

Der Osten ist dieses Jahr sehr stark – mit den Toronto Raptors. Die Philadelphia 76ers haben ein junges Team, sind aber auch sehr gut. LeBron James stand auch nicht umsonst sieben Jahre in Folge in den NBA Finals. Die Cleveland Cavaliers sind also auch stark. Wenn die Playoffs anfangen, muss man von Runde zu Runde schauen. Das Ziel ist natürlich, die Conference Finals oder sogar die NBA Finals zu erreichen.

Boston ist eine absolut sportverrückte Stadt und hat im Football, Basketball, Baseball und Eishockey Topteams. Wenn Sie durch die Stadt gehen, werden Sie mittlerweile erkannt?

Es wird schon mehr. Als wir neulich beim Spiel der New England Patriots waren, kamen schon eine Menge Leute auf mich zu. Die haben mir viel Glück für die Saison gewünscht. Und uns dazu gratuliert, wie wir bis jetzt in der Saison gespielt haben. Boston ist halt eine riesen Sportstadt. Alle Sportarten sind miteinander verbunden. Red Sox, New England Patriots, Bruins und die Celtics. Das macht Boston zu einer ganz besonderen Stadt.

Sie haben bereits viel Farbe auf Ihrem Arm, sprich Tätowierungen. Haben Sie schon ein Boston-Celtics-Tattoo oder denken Sie darüber nach, eins stechen zu lassen?

Ich habe letzten Sommer meinen Arm gemacht, aber noch ein bisschen Platz gelassen. Wenn eine Meisterschaft kommt, würde ich mir das auf jeden Fall machen lassen.