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Winterspiele in Pyeongchang 17 Tage Olympia: Der Sport im Ringen mit Politik und Justiz

Von dpa

Die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang dauern 17 Tage an. Foto: Daniel KarmannDie Olympischen Winterspiele in Pyeongchang dauern 17 Tage an. Foto: Daniel Karmann

Pyeongchang. Die XXIII. Olympischen Winterspiele waren im Vorfeld überlagert vom Streit um das Startrecht russischer Athleten und von der heiklen politischen Lage in Korea. Jetzt übernimmt der Sport die Bühne. Das deutsche Team hat ein Ziel: Besser als in Sotschi abschneiden.

Die russischen Eheleute Anastassija Brysgalowa und Alexander Kruschelnizki gehörten zu den ersten Sportlern, die am Donnerstagmorgen in ihren olympischen Wettkampf gingen - noch vor der Eröffnungsfeier, die am Freitagabend im fünfeckigen Stadion von Pyeongchang stattfindet.

Die beiden starteten als Mitglieder des Teams „Olympischer Athleten aus Russland“ in den neuen Mixed-Wettbewerb im Curling. Statt der Nationaltrikots trugen sie weiße Polohemden und schwarze Hosen. Falls Brysgalowa/Kruschelnizki wider Erwarten und trotz der 3:9-Auftakt-Niederlage gegen ein US-amerikanisches Duo doch noch Gold holen, wird für sie weder die russische Fahne gehisst noch wird die Hymne gespielt.

Die Folgen der vom Manipulationssystem der Gastgeber geprägten Spiele 2014 in Sotschi sind jetzt, da die Wettkämpfe beginnen, besonders sichtbar. Statt Russland startet ein Team „OAR“. So hatte es das Internationale Olympische Komitee verfügt. Bis zuletzt stand nicht fest, wie viele Russen überhaupt in Pyeongchang antreten dürfen. Der Sportgerichtshof CAS beschäftigte sich tagelang mit Klagen russischer Athleten, die noch auf die Teilnehmerliste drängten.

Doping war eines der Kernthemen im Vorfeld der Spiele. Auch vom ersten Gastspiel Olympias in Südkorea - 1988 fanden in Seoul die Sommerspiele statt - blieb vor allem der Dopingfall des kanadischen Sprinters Ben Johnson in Erinnerung. Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), forderte zuletzt, dass Pyeongchang ein Kontrapunkt zu den früheren Spielen wird: „Das Fair Play muss nun zum Markenzeichen der Spiele werden.“

Dass sich beschwingte Vorfreude noch nicht einstellen wollte, mag zum einen am Dauerthema Doping liegen. Zum anderen ist Südkorea bislang - abgesehen von Eisschnelllauf und Shorttrack - aber auch keine echte Wintersportnation. Immerhin: Alle Wettkampfstätten wurden rechtzeitig fertig, das Budget liegt bei zehn Milliarden Euro und damit in anderen Dimensionen als die rund 50 Milliarden von Sotschi.

Überlagert werden die Spiele vom politischen Konflikt auf der koreanischen Halbinsel. Einen Tag vor der feierlichen Eröffnung hielt Nordkorea noch eine Militärparade ab. Ein Bild, das nach den jüngsten Annäherungen an Seoul vor den Olympischen Winterspielen nicht so recht passte. Auch erteilte das Außenministerium in Pjöngjang möglichen Gesprächen zwischen den ranghohen Delegationen aus Nordkorea und den USA am Rande der Winterspiele eine Absage.

Immerhin schickt Nordkorea knapp zwei Dutzend Athleten nach Pyeongchang starten. Die Mannschaften aus Nord und Süd marschieren bei der Eröffnungsfeier zusammen ein. Es gibt ein gemeinsames Eishockeyteam bei den Frauen. Am Unterhaltungsprogramm beteiligen sich die Nachbarn mit Cheerleadern und einem Orchester. Im Rahmen der Winterspiele soll auch zum ersten Mal ein Mitglied der seit drei Generationen in Nordkorea herrschenden Kim-Familie nach Südkorea kommen. Machthaber Kim Jong Un will seine jüngere Schwester zu Olympia beordern.

Der Papst erkennt im gemeinschaftlichen Team Koreas Hoffnung „auf eine Welt, in der die Konflikte friedlich mittels Dialog und gegenseitigem Respekt gelöst werden“. Ob diese Hoffnung auch noch berechtigt ist, wenn das olympische Feuer nach 17 Tagen am 25. Februar erlischt und die Nordkoreaner wieder heimreisen?

Doch nach der Eröffnung soll ganz allein der Sport im Vordergrund stehen. „Wir glauben, dass es Zeit für euch ist, sich auf den Sport zu fokussieren und auf das, für das ihr in den vergangenen Jahren so hart gearbeitet habt“, schrieb die IOC-Athletenkommission in einem offenen Brief.

Das deutsche Team, das am Freitag vom Nordischen Kombinierer Eric Frenzel als Fahnenträger in das Stadion geführt wird, wäre schon zufrieden, wenn es zumindest besser als in Sotschi abschneiden würde.

Damals gab es nur 19 Medaillen (davon acht goldene) statt der erhofften 30. Deutschland strebt in Pyeongchang mit 154 Sportlerinnen und Sportlern zurück in den Kreis der führenden Wintersport-Nationen. Chef de Mission Dirk Schimmelpfennig meint, dass die deutsche Mannschaft „an jedem olympischen Tag die Chance hat, Medaillen zu gewinnen“.

Im Fokus dabei wieder die traditionellen Sportarten, allen voran die Biathleten um die siebenmalige Weltmeisterin Laura Dahlmeier. Für die deutschen Rodler, Bobfahrer und Skeleton-Piloten stehen die Chancen gut, genauso für die Skispringer. Auch die Nordischen Kombinierer, das Eislauf-Paar Aljona Savchenko/Bruno Massot sowie die erstarkten alpinen Skirennläufer stehen im Blickpunkt.

Die nach den Spielen 2010 in Vancouver angekündigte Offensive in jüngeren Sportarten wie Freestyle oder Snowboard fand hingegen nur begrenzt statt. Dennoch hat das Team mit Parallel-Snowboarderin Ramona Hofmeister an der Spitze große Ambitionen.

Die knapp 3000 Athleten müssen sich in Asien zum Teil an ungewöhnliche Wettkampfzeiten gewöhnen, damit Olympia die wichtigen Fernsehmärkte in Europa und Nordamerika bedienen kann. So beginnt Dahlmeiers erstes Biathlon-Rennen, der Sprint über 7,5 Kilometer, am Samstag erst um 20.15 Uhr Ortszeit, 12.15 Uhr ist es dann in Deutschland. Die Skispringer fangen auf der Normalschanze sogar erst um 21.35 Uhr koreanischer Zeit an. Das Publikum in Deutschland darf sich hingegen mit einer Herren-Abfahrt am Sonntag um 3 Uhr (MEZ) in der Frühe anfreunden.

Nun Pyeongchang, danach Tokio und Peking - die anstehenden zwei Winterspiele und die Sommerspiele 2020 finden im Umkreis von nur 2000 Kilometern statt. Die Austragungsorte sind Ausdruck der wachsenden Bedeutung Asiens in der Welt des Sports, aber auch der Olympia-Skepsis in Europa.

Zur Erinnerung: Zu den Gegenkandidaten Pyeongchangs gehörte bei der Vergabe 2011 neben Annecy in Frankreich auch München, das krachend scheiterte. Anschließend kamen reihenweise Bewerbungen aus Mitteleuropa nicht richtig in Gang, weil die Vorbehalte gegen den Gigantismus der Spiele gewachsen sind.