„Alle anderen sind ja noch da“ Einblicke zum Trainerwechsel bei den Sportfreunden Lotte

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Lotte. Der Obmann? Gewohnt wortkarg. Der Interimstrainer? Betont leutselig. Der Kapitän? Noch sehr zurückhaltend. Der neue Coach? Noch nicht in Sicht. Am Tag nach der Trennung von Michael Boris herrschte – von außen betrachtet – Ruhe auf dem verwaisten Vereinsgelände des Fußball-Regionalligisten Sportfreunde Lotte. Hinter den Kulissen aber wird viel geredet, verhandelt – und taktiert.

„Es tut sich was, natürlich. Es tut sich sogar ganz viel“, sagt Macher Manfred Wilke. Was aber genau geschieht bei der Suche eines neuen Cheftrainers, darüber schweigt sich der Fußball-Obmann der Sportfreunde beharrlich aus. Das ist sein gutes Recht als Entscheider und als derjenige, der jährlich eine nicht unbedeutende sechsstellige Summe in seinen Klub steckt. Das ist aber auch der Stil dieses Unternehmers, der eher über Autorität führt als über Offenheit, der eher auf klare Ansagen in der Hierarchie setzt als auf potenziell ungeordnete Debatten im Team. „Wir suchen nur einen Cheftrainer, haben keinen Entscheidungsdruck. Alle anderen sind ja noch da, das wird sich nicht ändern“, so Wilke.

Mit allen anderen meint Wilke nicht nur die Spieler, sondern auch das restliche Funktionsteam um Torwarttrainer Bastian Görrissen und den bisherigen Co-Trainer Frank Döpper, der am Mittwoch – bis auf Weiteres – die Übungseinheiten leiten soll. Was zuerst verwundert angesichts der Tatsache, dass der 43-Jährige ein Vertrauensmann von Boris ist: Schon bei den Sportfreunden Siegen – nächster Gegner in der Regonalliga, bei dem Boris am Abend nach dem Abgang in Lotte seine Rückkehr verkündete – hatten sie zusammengearbeitet, ebenso bei der U23 des FC Schalke 04. „Dass der Micha zuletzt nicht immer glücklich war in Lotte, ist ja bekannt“, sagt Döpper und ergänzt: „Ich habe hier bis zum Sommer Vertrag, fühle mich wohl, würde weitermachen und bleibe auch gern Co-Trainer, wenn der Manni einen neuen Chef findet.“

Der Manni und der Micha – es sind typische Worte für den umgänglichen Rheinländer, der einst als Rechtsaußen für Leverkusen II, Fortuna und Viktoria Köln sowie Preußen Münster kickte. Bisher war der UEFA-B-Lizenz-Inhaber auch für die Offensivtaktik zuständig, während Boris mit seiner Torwart-Vergangenheit „sehr gut defensiv kann“, wie der Ex-Trainer nach dem 1:1 bei Tabellenführer Viktoria Köln selbst sagte.

Auch wenn Boris die Brisanz etwas herausnahm, indem er in Siegen ankündigte, am Sonntag nicht in Lotte auf der Bank zu sitzen und seinen neuen alten Job offiziell erst am Montag anzutreten: Die Situation, dass sich die Duzfreunde nun auf einmal als Gegner gegenüberstehen könnten, ist mehr als bizarr. „So etwas gibt es wohl nur im Fußball“, sagt Kapitän Mark Zeh. Der Sportfreund, als Führungsspieler im Sommer von Boris aus Siegen nach Lotte gelotst, sagt wie Döpper, dass er nichts davon gewusst und die Trennung vom Trainer ihn überrascht habe. „Zumal es bis auf das das 0:1 in Verl zuletzt ja bergauf gegangen ist meiner Meinung nach mit zehn Spielen ohne Niederlage. Aber die Verantwortlichen werden wohl ihre Gründe gehabt haben.“

Welche das sind, ist offiziell nicht zu erfahren. Der dreizeiligen Mitteilung des Vereines zur Trennung fehlt auch die sonst eigentlich obligatorische Danksagung an den ehemaligen Mitarbeiter für das Engagement – was nahelegt, dass mehr im Argen gelegen hat als ausbleibender sportlicher Erfolg. Der Bruch zwischen Wilke und Boris wurde spätestens im September offensichtlich, als sich der Fußballlehrer beschwerte, Wilke habe Spieler verpflichtet, die er selbst nicht wollte.

Der zeitliche Ablauf der letzten Tage zeigt zudem an, dass sich Boris nicht passiv verhalten hat, was seinen Wechsel betrifft. Sein Folgeengagement beim Tabellenvorletzten bis 2017 – dort pikanterweise verkündet zwei Tage nach dem ersten Heimsieg des danach entlassenen Siegener Trainers Matthias Hagner – ermöglichte Wilke wohl die Trennung von Boris ohne finanzielle Belastungen. Döpper ist noch da. Wie lange er bleiben wird, hängt sicher weniger von Fragen des Geldes, sondern eher von den Vorstellungen des neuen Trainers ab.

Boris ist seit dem entscheidenden Gespräch mit Wilke am Montagmorgen trotz mehrerer Versuche für diese Redaktion nicht erreichbar. Verabschiedet von den Lotter Spielern hat er sich am Montagmorgen und bis Dienstagabend nicht. Es sieht wie eine Flucht aus, zurück in das gemachte Nest. Bezüglich seines selbst gesteckten Zieles Dritte Liga ist es – zumindest zunächst – ebenfalls ein Schritt zurück.


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