Nicht spielen, erst mal arbeiten Lotte setzt kurzfristig auf Kampf, braucht aber langfristig eine spielerische Steigerung

Von Benjamin Kraus

Getunnelt: Torschütze Bernd Rosinger mit dem Beinschuss gegen den Bochumer Fabian Holthaus.Foto: Manfred MrugallaGetunnelt: Torschütze Bernd Rosinger mit dem Beinschuss gegen den Bochumer Fabian Holthaus.Foto: Manfred Mrugalla

Lotte. Es klingt ein wenig nach Trotz, fast schon nach Verweigerung. Aber es ist eine Maßnahme, die erfolgreich ist, weil sie den angestauten Frust in Energie freisetzt: „Wir hören einfach mal kurz auf, Fußball zu spielen“, erklärte Trainer Michael Boris nach dem 1:0 gegen den VfL Bochum II – bewusst überspitzt – die Wandlung in Taktik und Einstellung bei den Sportfreunden Lotte.

Wie groß Ärger und Druck für Boris zuletzt nach dem Fehlstart in die Fußball-Regionalliga West gewesen sind, verdeutlicht der private Einblick, die er in der Erleichterung nach dem Sieg gegen Bochum zum Besten gab: „Jetzt wird mein Sohn seine Zimmertür nicht abschließen, wenn ich nach Hause komme. So wie ich zuletzt drauf war, hat er das immer gemacht. Er musste ja Angst haben, dass ich ihm vorwerfe, dass er falsch atmet.“ Seinen Galgenhumor hat der Fußballlehrer nicht verloren.

In seinem Job war die Benennung der Defizite nach sechs Ligaspielen ohne Sieg weit sachlicher erfolgt. „Wir haben den Fokus verändert: Kreativspieler raus, Einstellungsspieler rein, mehr Zweikämpfe und Laufleistung, weniger Glanz am Ball“, umschrieb Boris die Neuausrichtung seiner Elf, geprägt von Verteidiger Tim Wendel auf der Sechs und Arbeitern wie Henning Grieneisen auf dem Flügel. „Auch am Samstag in Oberhausen werden wir dem Gegner bei der Spieleröffnung erst mehr Raum lassen“, kündigte der Trainer an.

Gegen Bochum war die veränderte Spielphilosophie ein Schlüssel zum Sieg. „Es ist enorm wichtig, sich endlich belohnt zu haben, um Sicherheit zu bekommen“, sagte Kapitän Mark Zeh. „Wir gehen mit höherer Eigenmotivation in die Trainingswoche“, ergänzte Boris. Dass aber zumindest langfristig – nicht nur angesichts der hohen Ansprüche in Lotte – auch eine fußballerische Entwicklung einsetzen muss, weiß der Trainer. Denn die größte Baustelle ist das Offensivspiel: Sechs Tore aus sieben Partien sind eher die Bilanz eines Absteigers als eines potenziellen Spitzenteams.

Nur an den Stürmern festmachen will Boris diesen Fakt aber auf keinen Fall. „Benedikt Koep hat zuletzt zwei Tore vorgelegt, Bernd Rosinger zweimal getroffen“, glaubt der Trainer, dass es in vorderster Front keine Qualitätsabstriche im Vergleich zur letzten Saison gebe, was auf den Flügeln und aus der Tiefe nach den Abgängen von Kevin Freiberger und Amir Shapourzadeh anders sei. „Wir müssen die jungen Spieler hinsichtlich Aggressivität und Handlungsschnelligkeit weiterentwickeln“, macht Boris auch den zuletzt weniger berücksichtigten Deniz Cicek, Kevin Pires-Rodrigues und Stipe Batarilo-Cerdic Mut für kommende Einsätze.

Zunächst aber soll in Oberhausen gearbeitet werden. „Dort sind wir klarer Außenseiter, aber auch da kann man punkten“, rechnet sich Zeh durchaus etwas aus.


Das komplette Statement von Mark Zeh nach dem 1:0 gegen Bochum II:

Wir wussten, dass das ein sehr schweres Spiel werden würde. Wenn man einmal da steht, wo wir momentan stehen, ist jedes Spiel schwer. Da muss man einfach erst mal die Punkte holen um wieder Sicherheit zu bekommen. Mit dem Einsatz heute und dem Willen unbedingt den Dreier zu holen, haben wir es uns in der zweiten Halbzeit verdient.

Das Wort Abstiegskampf kommt vielleicht noch ein bisschen früh. Wir müssen jetzt von Spiel zu Spiel gucken. Das haben wir getan, jetzt fahren wir nach Oberhausen. Dort sind wir klarer Außenseiter, da die Truppe weit vor uns steht, aber auch da kann man punkten.

Die Fans, alle im Umfeld aber auch die Mannschaft intern: Es war einfach niemand zufrieden und dann fängt man auch an an sich zu zweifeln. Obwohl man immer so viel investiert haben wir einfach nicht gewonnen. In den ersten Spielen haben wir ja auch viel investiert, da war sicher keine Mannschaft zu sehen die aufgibt oder lustlos spielt. Für die Mannschaft ist es enorm wichtig sich endlich belohnt zu haben.

Wir müssen genau da weiter machen, wo wir heute aufgehört haben. Wir müssen immer mehr machen als unser Gegner, weil die Tore nicht immer einfach so reinfallen. Viel muss man in dieser Liga erzwingen.