Zwei Sendungen im Ersten als Geschenk Herrenwitze im Hawaiihemd: Jürgen von der Lippe wird 70

Von Cornelia Wystrichowski, Cornelia Wystrichowski | 07.06.2018, 08:30 Uhr

Juni wird Entertainer Jürgen von der Lippe 70 Jahre alt. Die ARD würdigt ihn mit der Ausstrahlung seines Soloprogramms „Wie soll ich sagen...?“ und der Überraschungsshow „Mensch Jürgen!“.

Humor zwischen Hirn und Hose, zwischen Genital und Germanistikseminar: Jürgen von der Lippe pendelt mit Lust zwischen Schweinekram und Seneca, und seit einer Weile spielt er sogar Gott – in einem selbst verfassten Boulevardstück, mit dem er auf Tournee ist. Am 8. Juni wird der Entertainer mit dem altmodischen Vollbart und den weiten Hawaiihemden 70 Jahre alt, die ARD würdigt ihn mit der Ausstrahlung seines Soloprogramms „Wie soll ich sagen...?“ und der Überraschungsshow „Mensch Jürgen!“. Nette Geschenke, die aber eines nicht verschleiern können: Jürgen von der Lippes große Zeit als Fernsehstar ist schon lange vorbei.

In seiner Glanzzeit wurde der Meister des Herrenwitzes in einem Atemzug mit TV-Größen wie Rudi Carrell oder Thomas Gottschalk genannt. Ab 1989 moderierte er 90 Ausgaben der ARD-Spielshow „Geld oder Liebe“, bekam dafür sogar den Grimme-Preis. Doch 2001 machte der bekennende Hypochonder und Besserwisser einen verhängnisvollen Fehler: Er wechselte zu Sat1. Gleich sein erstes Projekt für den Privatsender, die Show „Blind Dinner“, war ein bitterer Flop. „Ich habe daraus gelernt, dass ich keinesfalls unfehlbar bin. Das ist etwas, was mir vorher nicht bekannt war“, sagt der Hobbykoch und begeisterte Zauberer.

Auch andere Formate waren kurzlebig, darunter seine WDR-Literaturshow „Was liest du?“. Damit er trotzdem noch vor Publikum über Bücher plaudern kann, ging er im Alter von 69 mit „Lippes Leselust“ unter die Youtuber.

Beklagen will er sich trotzdem nicht. „Ich hatte bis jetzt ein wirklich sehr schönes Leben“, sagt Jürgen von der Lippe, „habe den schönsten Beruf, der für mich denkbar ist, eine wunderbare Frau, die mich machen lässt, einfach jede Menge Glück.“

Bürgerlich heißt er Hans-Jürgen Hubert Dohrenkamp und kam 1948 in Bad Salzuflen als Sohn eines Barkeepers zur Welt. Als Kind war er katholischer Messdiener, später machte er eine Offiziersausbildung und war in den 70ern Gründungsmitglied der legendären Formation „Gebrüder Blattschuss“. Rasch merkte er, dass er mit Gitarre und Barhocker zugleich Geld verdienen und Spaß haben konnte, sein Germanistikstudium brach er ab.

Mit dem Stimmungssong „Guten Morgen, liebe Sorgen“ hatte Jürgen von der Lippe in den 80ern einen Riesenhit, im selben Jahrzehnt kam er zum Fernsehen. Mit schrägen Shows wie „So isses“ oder „Wat is“ profilierte er sich als Unikum der TV-Unterhaltung – ein Frechdachs wie er war in Zeiten, als noch Typen wie Hans-Joachim Kulenkampff und Wim Thoelke das Programm prägten, etwas ganz Besonderes. Lippes Bühnenoutfits hatten geradezu Kultstatus. Mehrere Hundert extra aus den USA importierte Hawaiihemden habe er im Lauf seiner Karriere bereits aufgetragen, schätzt er selber: „Das hat sich für mich zur Berufskleidung entwickelt und ist bequem. Mir ist es im Sakko im Fernsehen schlicht und ergreifend zu warm.“

Im Fernsehen ist es inzwischen zwar ruhig um Jürgen von der Lippe geworden. Doch der Kalender des Entertainers, der legendäre Sketche wie den „Blumenmann“ erfunden hat, ist nach wie vor proppenvoll – er hat an die 150 Bühnenauftritte und Lesungen im Jahr, demnächst startet er eine ausgedehnte Tournee mit seinem neuen Programm „Voll fett“.

Der Knick in seiner Fernsehkarriere, das lässt er gerne durchblicken, betrübt ihn deshalb nur bedingt. Jürgen von der Lippe, der von 1986 bis 1988 in zweiter Ehe mit Margarethe Schreinemakers verheiratet war und inzwischen wieder mit seiner ersten Frau zusammen ist, lebt seit Jahren in Berlin – zwischen Bergen von Büchern und einem eigenen Fitnessraum, mit dem er sich trotz seiner Leidenschaft für gutes Essen für seine Auftritte fit hält.