Zeitreise mit Trillerpfeife „Signor Rossi“ – die Abenteuer eines kleinen Angestellten und seines Hundes

Von Tobias Sunderdiek | 04.06.2012, 11:30 Uhr

Was wäre das Fernsehen ohne seine Serien? Etliche von ihnen liefen über viele Jahre, manche haben ihr Ende längst noch nicht erreicht, jede Menge genießen längst Kultstatus. Unter dem Titel „Die Legende lebt!“ erinnern wir in einer neuen Serie an beliebte TV-Serien.

Was für ein Paar! Ein kleiner Angestellter und sein treuer Begleiter, ein Hund, wollen aus dem tristen Alltagstrott ausbrechen und Abenteuer erleben. Was Ihnen dank Zauberei und Träumereien auch gelingt. Jedoch nur, um am Ende wieder zur alten Existenz zurückzukehren. Die italienische Zeichentrickserie „Signor Rossi“ war eindeutig ein Kind der 70er-Jahre: Sie zeigte ein stetes Aufbegehren gegen das Dasein als Lohnsklave, Klassenkampf fürs Kinderzimmer. Der jedoch, und da treffen sich Tragik und Komik, immer wieder scheiterte.

„Endlich Ruhe!“ Nach anstrengender Arbeit hat sich Herr Rossi seine Entspannung redlich verdient. Als Akkordarbeiter in einer Fischkonservenfabrik von seinem Chef mit Argwohn beäugt, füllt er Sardinen in Blechkonserven. Zur Arbeit muss er mit dem übervollen Bus fahren, die Pause ist knapp bemessen, abends flimmert der Fernseher.

Zu traurig – findet auch eine plötzlich erscheinende Fee. Sie schenkt Herrn Rossi eine Zauber-Trillerpfeife, mit der er in verschiedene Zeitalter reisen kann. Zunächst stumm, dann immer beredter, kommt auch Nachbarshund Gastone (im Original: Harold) mit. Um jedoch gleich in der ersten Episode in der Steinzeit gegen Dinosaurier und im alten Rom gegen Gladiatoren kämpfen zu müssen. Sowie gegen den römischen Kaiser, der – natürlich – die herrischen Züge von Herrn Rossis Boss trägt. Und ihm auch in anderen Folgen als Diktator oder Raubtierkapitalist begegnet. Entweder als spanischer Pirat oder als mittelalterlicher, kopfabschlagender König.

Der Gefahr entkommen Rossi und Gastone stets durch die rechtzeitige Rückkehr in die Jetztzeit (oder in späteren Folgen aus Träumen in die Realität). Da erscheint dann die kleinbürgerliche Existenz plötzlich wie ein rettender Anker, die bescheidene Hütte neben der Villa seines Chefs wie eine Oase der Gemütlichkeit. Bis zur nächsten Folge, wenn die Tretmühle der täglichen Fronarbeit alte Sehnsüchte und neue Fluchten beschert – etwa ins alte Ägypten, in den Wilden Westen, als Filmstar oder Astronaut – und auch diese Träumereien jedesmal an der Realität zerplatzen. Karl Marx hatte also doch Recht: Geschichte wiederholt sich.

Ein tragikomischer Held also, der übrigens, so will es die Anekdote, aus verletztem Stolz entstand: Weil seine frühen Arbeiten beim Zeichentrickfestival von Annecy abgelehnt wurden, schuf Bruno Bozzetto 1960 mit der Figur des ständig nörgelnden „Herrn Rossi“ eine Karikatur, die die Züge des damaligen Festivaldirektors tragen sollen. Umso erstaunlicher also, dass ausgerechnet sein erster Rossi-Film „Herr Rossi erhält einen Oscar“(!) dort prompt präsentiert wurde.

„Ja, Herr Rossi sucht das Glück/Sucht ein kleines Stück vom Glück“. Ähnlich wie das berühmte „Mah Na Na“ aus der „Sesamstraße“ oder das Lied von „Pippi Langstrumpf“ war der von Franco Godi komponierte Titelsong in den 70ern und 80ern ein echter Schlager auf den Schulhöfen. Spätere Cover-Versionen der Girl-Band „Die Moulinettes“ und der Nu-Jazz-Formation De-Phazz erklangen ab den 90er-Jahren gar in Diskotheken. Wobei der 1999 veröffentlichte Original-Soundtrack besonders als Vinylpressung zum teuren Sammlerstück geworden ist. Wohl auch, weil er, so ein Kritiker, „klinge wie ein Kindergeburtstag in der Irrenanstalt“. Auch in den USA hatte „Mister Rossi“ sonderbare Fans: Wegen der psychedelisch anmutenden Reisen Rossis wurde die Serie zum Kulthit in der Drogenszene. Wahrlich: Ein televisionärer Trip.

Und heute? Der inzwischen 74-jährige Mailänder Bruno Bozzetto hat zwar viele weitere Zeichentrickfilme gedreht (sein Musikfilm „Allegro non troppo“ verzeichnete auch einen Gastauftritt von Herrn Rossi), doch am bekanntesten bleiben seine zwischen 1975 und 1977 entstandenen TV-Serien um Herrn Rossi.

Laut Bozzetto bleibt der Figur ihr altmodischer Charme, eine Wiederauflage ist nicht geplant. Zumal, so Bozzetto, Herr Rossi sich inzwischen „auf einer Hühnerfarm nahe der österreichischen Grenze“ zur Ruhe gesetzt haben soll. Hoffen wir, dass er wenigstens da endlich sein Glück gefunden hat. Verdient hätte er es.

DVDs mit den Abenteuern des Signor Rossi sind im KSM-Verleih erschienen ( www.ksmfilm.de ).