TV-Sex ist kaum noch ein Thema Warum das Fernsehen weniger auf Nacktheit setzt

Von Tilmann T. Gangloff | 21.05.2018, 19:55 Uhr

Sex findet sich reichlich im Internet. Im Fernsehen sich damit alos kaum mehr Aufmerksamkeit erregen. Fernsehfilmchefinnen bestreiten allerdings die These von einem neuen Puritanismus.

Die Werbung weiß das schon lange: Nackte Haut erhöht die Aufmerksamkeit. Deshalb hatten die meisten klassischen TV-Skandale mit Sex zu tun. Den Auftakt dieser Chronik bildete 1961 die entblößte Brust von Romy Schneider in „Die Sendung der Lysistrata“ (ARD). In den Siebzigern gerieten angesichts der nackten Brüste von Ingrid Steeger im Comedyformat „Klimbim“ nur noch männliche Jugendliche in Wallung. Mittlerweile findet sich das alles – und noch viel mehr – im Internet; es lohnt sich für das Fernsehen nicht mehr, noch auf diese Weise Aufmerksamkeit zu erregen. Wurden Autoren früher bei Drehbuchbesprechungen regelmäßig aufgefordert, noch eine knackige Sexszene einzubauen, findet der Sex im Fernsehfilm heute in der Regel unter der Decke statt.

Veränderte Männerrolle

Ursache, glaubt Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger, sei ein neuer Puritanismus: „Sex im Film oder in der Werbung war das Symbol eines den Sinnen und der Welt zugewandten Lebens, in dem Lust und Genuss im Vordergrund standen. Diese Zeiten sind vorbei; nackte Haut hat für viele Zielgruppen keinen Reizwert mehr, und natürlich hat sich auch in den Redaktionen das Bild der Geschlechterrollen geändert.“ Deshalb ist TV-Sex auch für die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen der Privatsender laut Geschäftsführer Joachim von Gottberg kaum noch ein Thema. Die Ursachen für die Zurückhaltung der TV-Sender sieht er unter anderem in einer Veränderung der Männerrolle: „Wenn bei der FSF ein Ausschuss mehrheitlich männlich besetzt ist, haben Sexfilme deutlich schlechtere Karten, weil Männer in einer Art vorauseilendem Gehorsam viel empfindlicher reagieren; Frauen sehen das meist deutlich lockerer.“

These vom neuen TV-Puritanismus

Dazu passt, dass die These vom neuen TV-Puritanismus von gleich mehreren Fernsehfilmchefinnen bestritten wird. Heike Hempel, stellvertretende Programmdirektorin des ZDF, Barbara Buhl, Leiterin der WDR-Programmgruppe Fernsehfilm und Kino, und Barbara Biermann, Leiterin der SWR-Hauptabteilung Film und Doku, bezweifeln übereinstimmend, dass Nacktheit aus dem Fernsehen verschwinde. Besonders deutlich wird Christine Strobl, Geschäftsführerin der unter anderem für die Donnerstags- und Freitagsfilme im „Ersten“ verantwortlichen ARD-Tochter Degeto: „Das ist Nonsens. Nacktheit findet ganz selbstverständlich statt, wenn sie erzählerisch Sinn macht. Nacktheit des Tabubruchs wegen oder aus voyeuristischen Gründen interessiert uns nicht.“ Hempel widerspricht zudem der Vermutung, Frauen in Schlüsselpositionen hätten maßgeblichen Anteil daran, dass es weniger Nacktheit gebe.

Es gehe in den Filmen und Serien immer darum, „wie Körperlichkeit, Sinnlichkeit und Sexualität erzählt werden; und wie die Haltung der Figuren dazu ist.“ Biermann zählt eine ganze Reihe jüngerer SWR-Produktionen auf, „die ganz offen mit Nacktheit und Sexualität umgehen“, darunter der Stuttgarter RAF-„Tatort“ von Dominik Graf („Der rote Schatten“). Buhl bestätigt immerhin, dass sich „durch ein verändertes Rollenverständnis von Männern und Frauen auch die Darstellung von Sexualität verändert hat. Heute wird anders erzählt als in früheren Fernsehfilmen.“ Yvonne Weber, Redaktionsleitung Deutsche Fiction bei ProSiebenSat.1, kann der These schon eher folgen und bringt einen ganz anderen Aspekt ins Spiel: „Wir erleben immer häufiger, dass viele Schauspieler Vorbehalte haben, sich nackt zu zeigen, denn inzwischen weiß jedes Kind: einmal im Netz, immer im Netz.“

Nacktheit braucht Vertrauen

Gerade für Schauspielerinnen wäre weniger Nacktheit im Fernsehen vermutlich eine gute Nachricht; fast immer sind sie es, die sich unter die Dusche stellen müssen. So etwas sei nie einfach, bestätigt Barbara Auer: „Buchstäblich nackt zu sein – und das ja immer inmitten angezogener Menschen am Set –, erfordert viel Mut.“ Voraussetzung dafür seien „absolutes Vertrauen und eine eindeutige Verabredung.“

Schauspielerinnen berichten allerdings auch von Fällen, in denen sich Regisseure nicht an diese Verabredungen gehalten hätten, weil zum Beispiel versichert worden sei, dass die Nacktheit im Film nur zu erahnen sei – „und dann ist doch alles zu sehen gewesen.“ Eine andere stellt fest: „Niemand sagt dir, dass du deiner Karriere schadest, wenn du dich nicht ausziehst, aber das ist auch gar nicht nötig, weil du dir diese Frage selbst stellst.“

Hans-Werner Meyer, Vorstandsmitglied im Bundesverband Schauspiel hofft trotzdem, dass „die Zeiten, in denen ein Regisseur eine Schauspielerin unter Druck setzt, damit sie sich auszieht, vorbei sind.“ Etwaige Zusammenhänge zwischen einem Rückgang der Nacktheit und der „Mee too“-Debatte weist TV-Kritikerin Klaudia Wick (Deutsche Kinemathek) jedoch zurück: „Es gibt einen missbräuchlichen Umgang mit Frauen am Set, weil männliche Regisseure offenbar der Meinung sind, es sei für ihren Film von Vorteil, wenn es auch hinter der Kamera erotisch knistert. Die Frage, ob die Filme jetzt prüder werden, weil Schauspielerinnen sich gegen diesen Missbrauch wehren, empört mich, denn sie vermischt zwei völlig unterschiedliche Dinge. Es geht darum, dass sich die Schauspielerin am Set sicher und selbstbestimmt fühlen kann. Nackt und angezogen.“