Wacken 2014 Festival-Gründer Thomas Jensen über 25 Jahre Wacken

Von Marcus Tackenberg | 21.07.2014, 19:19 Uhr

Vom 31. Juli bis zum 2. August findet in Wacken zum 25. Mal das weltbekannte Metal-Festival W:O:A statt. Thomas Jensen hob das Open-Air aus der Taufe. Im Interview berichtet er über all die Fehler und Freuden, die er seitdem gemacht und erlebt hat.

Vom Aussehen her könnte er mit seinen langen Haaren und seinem massiven Körper glatt als Nachfahre von Seeräuber Klaus Störtebeker durchgehen. Thomas Jensen ist immerhin ein echter Wackinger. Nein, viel mehr. Der Mann ist Mitbegründer des legendären Metal-Festivals „W:O:A“ in Wacken, das vom 31. Juli bis zum 2. August zum 25. Mal auf den Wiesen der schleswig-holsteinischen Gemeinde stattfindet. Kurz zuvor kommt der Dokumentarfilm „Wacken 3D“ in die deutschen Kinos. Noch ein Grund mehr für ein Interview mit Jensen.

Herr Jensen, hätten Sie vor 25 Jahren gedacht, dass Wacken für Millionen Menschen so berühmt werden könnte wie London oder Paris?

(lacht) Nein. Wir sind selbst erstaunt, wie bekannt das Festival mittlerweile ist. Aus allen Ecken der Welt kommen die Besucher zu uns. Das ist schon fantastisch.

Wie würden Sie einem Ureinwohner im Amazonas das Phänomen Wacken beschreiben?

Um im Bild zu bleiben: Das ist die Zusammenkunft eines speziellen „Metal-Stammes“, der sich einmal im Jahr zu einer gigantischen Grillparty für die ganze Familie trifft. Wir haben in Wacken ein wirklich familiäres Gefühl füreinander. Du läufst da durch und wirst freundlich gegrüßt. Mittags beim Catering werden herzliche Gespräche geführt, nachträglich zum Geburtstag gratuliert, oder jemand berichtet, dass er ein weiteres Kind bekommen hat. Die Musik eint das alles, beziehungsweise bringt es auf den kleinsten gemeinsamen Nenner.

Worin besteht der Unterschied zu anderen Festivals?

Das Wacken-Festival wurde nicht am grünen Tisch oder am Reißbrett geplant. Wir haben ganz unbedarft angefangen, weil wir selber Party machen wollten, und sind später von den Leuten immer weiter getrieben worden – auch in Zeiten, als es finanziell nicht so toll aussah. Am Anfang wussten wir gar nicht, was wir da überhaupt machen. Zu der Zeit war Metal auch nicht gerade angesagt, sondern Grunge, Techno und Clubmusik. Wir waren für einige die Ewiggestrigen, die eine Party machen, zu der auch nur Ewiggestrige kommen. Heute ist Metal dagegen frisch und ein Massen-Phänomen. Für uns war Metal nie weg vom Fenster.

Was hat Ihnen das Vertrauen gegeben, den Weg konsequent zu gehen?

Das lag vor allem an den Fans. Wir haben von Beginn an eine gute Resonanz erhalten, auch wenn sich das finanziell nicht gerechnet hat. Aber die Leute haben uns gesagt: Jungs, was ihr macht, ist geil. Nach der Party haben wir natürlich die Arbeit mit dem Aufräumen gehabt. Wenn du eine große Sause feierst, musst du nachher auch den Müll wegräumen. Wir kommen aus der Region, dort kennt man uns, deswegen konnten wir uns anschließend auch nicht vom Acker machen. Dann wärst du mit Schimpf und Schande durchs Dorf gejagt worden. Uns war immer klar: Wir machen diese Veranstaltung in unserer Heimat. Wir können es uns nicht leisten, dort Mist zu bauen. Es hat einen Riesenspaß gemacht, auch wenn man total kaputt war und auf dem Zahnfleisch gekrochen ist. Aber es war kommerziell und finanziell in den Anfangsjahren einfach nicht erfolgreich.

Sie und Ihr Team hatten 350000 D-Mark Schulden. Was hat Ihnen die Kraft gegeben weiterzumachen?

Die Fans haben schon im September gefragt, wann sie im Folgejahr Urlaub nehmen müssten und wann sie dafür Karten kaufen könnten. Daraus entstand die Idee des X-mas-Tickets – also für alle, die noch vor Weihnachten Karten kaufen. Und weil die Leute uns schon das Vertrauen schenkten, packten wir ein T-Shirt mit drauf.

Ist heute üblich. Viele Festivals haben ein Early-Bird-Ticket.

Das kannten wir gar nicht. Wir waren mit die Ersten, die so etwas etabliert haben. Und die Fans fanden das klasse: Wenn du schon vor Weihnachten deine Tickets und das neue Wacken-Shirt hattest, zähltest du zur „Die-Hard-Gang“. Das hat sich in der Szene herumgesprochen und ist zu einer Kultur geworden. Mit der Kohle, die die Leute uns vor Weihnachten überwiesen haben, haben wir dann das Festival vom letzten Jahr bezahlt. Wir waren also oft hinten dran. Bei den Banken hätten wir kaum eine Finanzierung bekommen.

Gab es später mit wachsendem Erfolg das Gefühl, das Festival könnte Ihnen buchstäblich über den Kopf wachsen?

Wir haben bei anderen Veranstaltungen gesehen, dass Leute mit Enthusiasmus, Kreativität und der Verbindung zu einer Szene plötzlich außen vor waren, weil andere die Früchte ihrer Arbeit geerntet haben. Das war uns ein Graus. Mit unserer norddeutschen Sturheit haben wir uns gesagt: Na gut, dann müssen wir eben kämpfen wie angeschlagene Boxer (lacht). Auch wenn du zweimal auf die Bretter gehst, besteht die Kunst darin, vor dem Gong wieder aufzustehen.

Das klingt dramatisch ...

Wir sind ein paar Mal angezählt worden, aber wir haben ganz gute Nehmerqualitäten. Und wir sind bereit gewesen, unkonventionelle Wege zu gehen, und haben viel gelernt. Es war zum Beispiel ein Mysterium für mich, wie man buchhalterisch am Ende eine schwarze Null hinzaubern kann. Das hat ein paar Jahre gedauert. Bei einer Veranstaltung nur einmal im Jahr hast du auch nicht die Chance, oft zu üben (lacht). Bei einer Tournee mit 20 Shows kann ich während der Tour feinjustieren, und nach ein paar Gigs läuft es rund.

Wie war der Zuspruch der Wackener Bürger?

Immer sehr wohlwollend. Die Wackener haben uns gerade auch in den schwierigen Tagen mitgetragen. Seitdem das Festival eine internationale Bedeutung hat, sind sie noch zusätzlich stolz darauf.

Gab es nie Anzeigen oder Beschwerden von Wutbürgern?

Klar gab es das auch. Wir haben aber immer versucht, konstruktiv damit umzugehen und die Leute an einen Tisch zu holen. Wir versuchen, die Wackener einzuladen, sich das Festival angucken. Bei Metal hat der Mensch, der sich nicht mit der Materie auskennt, naturgemäß Berührungsängste oder Vorurteile. Da haben wir gegengesteuert und den Leuten immer offen und ehrlich gezeigt, was wir da machen.

Sieht halt für viele martialisch aus...

Metal und Rockmusik live haben eine unglaubliche Energie und Power. Wenn du Leute auf der Bühne hast wie Lemmy von Motörhead, Alice Cooper, Deep Purple oder Rammstein, haben diese Leute aber zugleich eine visuelle, sehr künstlerische Ausstrahlung. Es war uns wichtig, den Wackenern auch diese Seite zu zeigen.

Profitieren die Wackener vom W:O:A, weil Sie etwa Arbeitsplätze anbieten?

Das ist nur ein Nebeneffekt und zugleich überbewertet. Für den ganz normalen Wackener ändert sich wirtschaftlich relativ wenig. Wir unterstützen mittlerweile die Gemeinde, indem wir zum Beispiel das örtliche Freibad mitfinanzieren. Es wird ja immer schwerer für ländliche Kommunen, die Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Für Schleswig-Holstein sind wir schon ein wirtschaftlicher Faktor, aber das ist gar nicht unsere Motivation. Uns geht es immer noch in erster Linie um das Gemeinschaftsgefühl und die friedliche Party.

Woran liegt es, dass es grundsätzlich so friedlich abgeht?

Viele Fans sagen uns, sie hätten in Wacken das Gefühl, nach Hause zu kommen. Und das ist jetzt generationsübergreifend gewachsen. Die Älteren nehmen irgendwann die Jüngeren mit, oftmals sogar ihre eigenen Kinder. Da ist eine ganz spezielle Kultur gewachsen mit Menschen, die viele Verbindungen zueinander haben und viele Werte teilen. Wir sind eine Gemeinschaft, eine große Familie, die zusammen ein großes Grillfest, die fünfte Jahreszeit – wie wir sagen –, feiert. Es gibt keine Anonymität, keinen Stress bei uns. Die Leute wollen sich wohlfühlen und haben überhaupt keinen Bock auf Streit.

Hat was von Peter Pans Welt, wo jeder Kind sein darf...

Ja, durchaus. Oder auch Xanadu und Shangri-la. Aber danach musst du wieder ein Jahr warten.

Kann man auf dem W:O:A heiraten?

Haben wir bestimmt schon zweimal erlebt. Wir haben ja auch ein gutes Verhältnis zur Wackener Kirche. Wir sind grundsätzlich für alles offen, auch für durchgeknallte Ideen. Der Kinofilm „Wacken 3D“ gibt einem schon ganz gut das Gefühl, mittendrin zu sein. Wenn du von der Bühne in diese Gemeinschaft hineinguckst, ist das einfach sehr bewegend.

Haben Sie dem Filmteam um Regisseur Norbert Heitker Bedingungen gestellt, die unbedingt erfüllt werden mussten?

Das W:O:A ist unser Lebenswerk. Wacken hat einen gewissen Spirit, und der ist uns heilig. Wir verteidigen das natürlich mit Hauen und Stechen, wenn es sein muss. Die komplette Produktion hat das verstanden, und sie hat das respektiert. Uns war es wichtig, dass ein Dokument entsteht, das Wacken wiedergibt – und dann auch noch im Kino funktioniert. Norbert und seine Jungs haben ganze Arbeit geleistet!

Ist Wacken ohne Schlamm denkbar?

(lacht) Wir haben letztes Jahr gedacht, wir schaffen das mal ohne Regen und Schlamm. Es gibt aber tatsächlich mehr gute Wetterjahre als schlechte. Outdoor hat eben was von Schulausflug und Bundeswehrmanöver, wenn es richtig hart kommt. Wenn man gemeinsam bis zum Hals im Dreck gestanden hat, verbindet auch das Wetter miteinander.

Haben Sie eigentlich noch ein gutes Gehör?

Nein. Ich bin halt ein großer Motörhead-Freak und bin mit zu vielen Bands unterwegs gewesen. Hinzu kommt, dass ich ein ausgesprochener Ohr-Protection-Muffel bin. Gesund ist das nicht.

Stichwort Sicherheit: Wenn es Tote gäbe wie auf der Love-Parade oder in Roskilde, hätte auch Wacken seine Unschuld verloren. Wie versuchen Sie, das zu verhindern?

Wir versuchen schon seit Jahren, das bestmögliche Sicherheitsteam zusammenzustellen. Für uns gehören auch Polizei und Behörden dazu. Über die Jahre haben wir versucht, eine Gesprächskultur auf allen Ebenen mit allen Partnern zu etablieren, damit so etwas Schreckliches wie bei der Love-Parade in Duisburg praktisch ausgeschlossen ist. Wir haben zum Beispiel in diesem Jahr mit den Mitarbeitern eine groß angelegte Sicherheitsschulung in Ahrweiler gemacht – mit Unterstützung der Bundesregierung. Damit sind wir das erste Festival, das so etwas machen durfte, weil auch der Politik immer bewusster wird, wie wichtig das Thema Outdoor-Veranstaltungen ist.

Aber lässt sich das Risiko ausschließen? Die Love-Parade ist auch mehr als ein Dutzend Mal gut gegangen, bis es eskalierte…

Wir sind seit 25 Jahren am selben Ort und kennen jede Schraube. Trotzdem hinterfragen wir jedes Jahr aufs Neue jede einzelne Position und schauen uns auf anderen Festivals um, um nicht betriebsblind zu werden und um neue Anregungen zu bekommen. Das sieht der normale Fan nicht und soll er auch nicht sehen. Wenn hier die Familie zusammenkommt, dann will ich natürlich nicht, dass der Bruder, der Cousin, der Sohn oder die Tochter ein Leid erfährt. Die sollen sicher ankommen und wieder sicher nach Hause kommen. Wir arbeiten mit einem professionellen Team zusammen. Unser Chefnotarzt zum Beispiel ist ein sehr erfahrener Mann, der nebenbei eine Liebezum Festival entwickelt hat.

Wie läuft eigentlich das Projekt Metal-Kreuzfahrt?

Sehr gut. Die nächste Metal-Kreuzfahrt im April 2015 ist ja schon wieder ausverkauft. Wir versuchen, noch weitere Schiffe zu kapern (lacht).

Und das Seaside Festival in Aurich?

Aurich fand ich persönlich als Location immer top. Wir werden sicher kein Wacken irgendwo anders aufziehen. Aber das Seaside Festival in Aurich würde ich gern noch mal weiterverfolgen.

Wacken 3 D – Der Film“ kommt ab 24. Juli in die deutschen Kinos