Von Picasso bis Paula Modersohn Große Kunst im Kino: Ein Filmgenre startet durch

Von Dr. Stefan Lüddemann | 17.12.2016, 07:00 Uhr

Picasso, Pollock und Frida Kahlo waren schon da. Jetzt stürmt Paula Modersohn-Becker die Kinos. Künstlerfilme haben Konjunktur. Kein Wunder: Künstlerbiografien stehen für den Traum von der Selbstverwirklichung.

Die Staffelei auf dem Rücken, den Blumenhut auf dem krausen Haar: So geht Paula Modersohn-Becker ihren Weg ins neue Künstlerleben. Zumindest der von Regisseur Christian Schwochow gedrehte Film „Paula - Mein Leben soll ein Fest sein“, der am 15. Dezember 2016 in den Kinos gestartet ist, zeigt den Kampf der jungen Paula gegen alle Konventionen einer Zeit, die Frauen als Künstlerinnen noch nicht akzeptieren wollte, als Bilderbogen berauschend schöner Aufnahmen aus Worpswede bei Bremen und Paris. Von der Künstlerkolonie im Moor in die Metropole an der Seine führt ein Parcours, der seine Konflikte und Abstürze kennt, aber auf ein klar markiertes Ziel zuführt - die Selbstverwirklichung eines Menschen, der um sein Ziel weiß. Hier weiterlesen: Wie gut ist der neue Film über Paula Modersohn-Becker? 

Mehrere Künstlerfilme am Start

Paula Modersohn-Becker geht nicht allein an den Start. Allein im Jahr 2016 kommen auch Kinofilme über Egon Schiele und Paul Cézanne heraus. In den Jahren davor liegen große Publikumserfolge von verfilmten Künstlerbiografien. Filme wie „Turner - Meister des Lichts“ (2014) mit Timothy Spall in der Hauptrolle, „Frida“ (2002) mit Blockbuster-Star Salma Hayek als mexikanische Maler-Ikone Frida Kahlo oder der seinerzeit durchschlagend erfolgreiche Streifen „Mein Mann Picasso“ (1996) mit Anthony Hopkins („Das Schweigen der Lämmer“) in der Rolle des Jahrhundertkünstlers Pablo Picasso. Allein diese Beispiele belegen das anhaltende Interesse des Kinos an den Leitfiguren der künstlerischen Moderne. Hier weiterlesen: Herforder Museum Marta zeigt Fotos von Frida Kahlo .

Blockbuster in den Museen

Aber gilt nicht gerade avantgardistische Kunst als unzugänglich und schwer verstehbar? Der anhaltende Hype um Künstlerfiguren im Kino bezeugt das Gegenteil. Wer das Leben von Künstlerinnen und Künstlern verfilmt, muss ihre Bekanntheit beim großen Publikum voraussetzen. Das gilt auch für die Bilder und Skulpturen von Könnern von van Gogh bis Picasso. Allerdings kennt nicht nur der Film das Format des Blockbusters. Die ganz großen Publikumskracher, Blockbuster eben, werden seit Jahren auch in Museen angeboten. Die Riesenausstellungen zu praktisch allen Mandarinen der modernen Kunst von Claude Monet bis Pablo Picasso haben über Jahre ein Millionenpublikum begeistert - und dieses Publikum bestens über Kunst informiert. Hier weiterlesen: Künstlerpaare zwischen Symbiose und Konkurrenz. 

Karriere als Königsweg

Genau darauf können Regisseure nun bauen. Sie verwenden prominente Künstlernamen nicht nur als zugkräftige Filmthemen, sie erzählen auch deren Karriere als Königsweg zu einem Leben, in dem die Selbstverwirklichung gelingt. Künstlerfilme sind längst zu Leitmedium und Erkennungszeichen der Erlebnisgesellschaft avanciert. Kreativität erscheint dabei nicht länger als Drama, Zwang oder Leistungsdruck, sondern als Fluidum einer gesteigerten Existenz der tausend Wahlmöglichkeiten. Künstlerinnen und Künstler haben auch im Film ihre Frustrationen und Abstürze zu verkraften. Am Ende gelingt ihnen allen aber, was die Filmfigur Paula Modersohn-Becker für ihr Dasein fordert - dass es ein kurzes, aber intensives Fest der verwirklichten Träume und der freien Liebe sein möge. Hier weiterlesen: Stiller Star der Kunst - Düsseldorf inszeniert Agnes Martin .

Das kreative Leben als Fest

Nicht nur das Leben der Paula Modersohn-Becker erscheint in dieser Perspektive als unablässige Folge von Festen, Spaziergängen und Kahnpartien. Auch in „Meine Zeit mit Cézanne“ (2016) zeichnet Schauspieler Guillaume Gallienne den Maler Paul Cézanne als bärbeißigen, letztlich aber umgänglichen Kumpan, der ganz nebenbei ein künstlerisches Werk von Weltrang produziert. Im Kinofilm erscheint das Leben der Künstler in der Optik farbenfrohen Lifestyles. Unsicherheiten, Versagensängste, Konkurrenzkämpfe, kurz, alles, was die tatsächliche Geschichte der Avantgarden kennzeichnet, wird zur Episode geglättet. Entsprechend hat sich das Bild des Künstlers im Kinofilm selbst über die Jahre grundlegend verändert. Hier weiterlesen: Filmklassiker im Museum - „Letztes Jahr in Marienbad“. 

Kampf der Kraftnaturen

Kirk Douglas und Anthony Quinn lieferten sich als Vincent van Gogh und Paul Gauguin in dem 1956 gedrehten Film „Vincent van Gogh. Ein Leben in Leidenschaft“ noch einen hitzigen Kampf der Kraftnaturen. Auch jener Egon Schiele, den Mathieu Carrière 1981 in dem Streifen mit dem bezeichnenden Titel „Egon Schiele. Exzesse“ an der Seite von Jane Birkin verkörperte, wies entschieden mehr Abgründigkeit auf als Noah Saavedra in der gleichen Rolle 2016. „Egon Schiele. Tod und Mädchen“, die aktuelle Version der Geschichte von dem Genie der noch heute verstörend morbiden Aktbilder, entfaltet das Künstlerdrama als geglätteten Bilderbogen. Mehr nicht. Hier weiterlesen: Braver Film über Egon Schiele. 

Der neue Dokumentarfilm

So weit, so geschönt? Beileibe nicht, denn in den letzten Jahren bekommt der Künstler-Kinofilm Konkurrenz von Dokumentarfilmen, die Künstler der Gegenwart selbst in Aktion zeigen. Das Genre schien seit dem legendären Streifen „Der Mythos Picasso“, der 1956 den malenden Künstler-Titanen live zeigte, oder Hans Namuths 1951 entstandenen Aufnahmen des malenden Jackson Pollock aus dem Kino verschwunden zu sein. Zuletzt sorgten aber Filme wie „Gerhard Richter - Painting“ (2011) und „The Artist is present“ (2012) über Performance-Star Marina Abramovic für eine Renaissance des Genres. Kunst im großen Kino: Diese Geschichte ist noch lange nicht zu Ende. Hier weiterlesen: Kontrollierte Ekstasen - der Film über Gerhard Richter .