„Tierisch abeghoben“ auf Arte Brillante BBC-Dokumentation über das Fliegen

Von Tom Heise, Tom Heise | 13.06.2016, 07:25 Uhr

Die Schwerkraft zu überwinden und sich federleicht durch die Lüfte zu bewegen, ist ein uralter Menschheitstraum. Mittels Maschinen ist der Mensch diesem Ideal näher, wenn auch nicht nahe gekommen. Wie sich Tiere den Luftraum erobern, zeigt die brillante, dreiteilige BBC-Dokumentation „Tierisch abgehoben“.

Die Schwerkraft zu überwinden und sich federleicht durch die Lüfte zu bewegen, ist ein uralter Menschheitstraum. Mittels Maschinen ist der Mensch diesem Ideal näher, wenn auch nicht nahe gekommen. Wie sich Tiere den Luftraum erobern, zeigt die brillante, dreiteilige BBC-Dokumentation „Tierisch abgehoben“. Eine spannende, sehenswerte Alternative zur Fußball-Europameisterschaft.   

Wir sehen einen Karakal, eine afroasiatische, mittelgroße Katze, die auch unter dem Namen Wüstenluchs geläufig ist. Wir hören einen Countdown wie bei einem Raketenstart auf Cape Canaveral. Plötzlich hebt das Tier ab, fliegt scheinbar endlos durch die Luft, versucht Beute in einem Baum zu schlagen. Dann holt die Schwerkraft das Tier zur Erde zurück. „Houston – wir haben ein Problem!“ Die Landung. Wie schafft es der Karakal bloß, nicht krachend auf dem Rücken zu landen?

Die von dem renommierten Naturfilmer Simon Bell produzierte BBC-Dokumentation „Tierisch abgehoben“ startet in ihrem ersten Teil „Wenn Tiere fliegen“ spektakulär. In gestochen scharfen Slow-Motion-Bildern wird der Flug des Karakal gezeigt. Und es wird die Technik erklärt, die es dem Tier ermöglicht, so explosiv abzuheben, um anschließend doch „weich“ zu landen. Der Karakal (wie alle Katzen) dreht seinen Oberkörper im, seinen Unterkörper hingegen gegen den Uhrzeigersinn. So gelingt es dem Wüstenluchs, auf seinen Pfoten zu landen.

Ansprechende Dramaturgie

In den ersten 45 Minuten der dreiteiligen Reihe, die Arte an drei aufeinanderfolgenden Tagen immer um 19.30 Uhr ausstrahlt, geht es um Kreaturen, die ohne Flügel fliegen. Der Zuschauer sieht eine Paradiesschmuckbaumnatter im Segelflug, erfährt von der effizienten Flugfortbewegung des Kängeru, verfolgt fliegende Fische, bei denen Flossen zu Flügeln werden, und lernt, wie Hörnchen mit ihrer Flughaut eine Notbremsung vollführen können.

Die Dokumentation ist brillant bebildert. Dies war bei einer BBC-Produktion zu erwarten. Schließlich zeichnen sich deren Tierfilme seit Jahrzehnten durch ihre hohe visuelle Qualität aus. Darüber hinaus ermöglicht moderne Kameratechnik es, immer spektakulärere Bilder einzufangen, an denen man sich kaum sattsehen kann. Zum Genuss wird der Dreiteiler durch seine Gestaltung. Computeranimationen erklären anschaulich die verschiedenen Flugtechniken. Der Kommentar ist fundiert, aber unaufdringlich und verständlich. Diskret unterstützt die unterlegte Musik das Gezeigte. Humorvolle Einfälle wie der oben erwähnte Countdown oder andere amüsante Soundeffekte lockern die Reihe auf. Und mit dem Schnitt gelingt den Machern eine ansprechende Dramaturgie.

Rasant

Widmet sich der erste Teil den Lebewesen, die nur temporär den Luftraum für sich beanspruchen können, geht es in „Meister der Schwerkraft“ und „Ein Flügelschlag genügt“ um die wahren Künstler der Lüfte. Dass sich hier auch der japanische Hirschkäfer wiederfindet, überrascht. Schließlich ist er mit seinen zehn Gramm Lebendgewicht ein absoluter Riese unter den Käfern. Doch auch dieser „Koloss“ schafft es, die Schwerkraft zu überwinden. Langsam, aber beeindruckend.

Rasant wird es bei den Falken und Basstölpeln. Letztere schlagen bei der Sardinenjagd mit über 100 Stundenkilometern auf der Wasseroberfläche ein. Warum sie bei diesem Aufprall nicht ihr Leben lassen, zeigen Bilder aus dem Windkanal. Ein Falke hingegen kann die Länge eines Fußballfeldes mit seinen 360 km/h in einer Sekunde überwinden, während der Kolibri mit waghalsigen, wendungsreichen Flugmanövern die schnellste Balz im Tierreich vollführt.

Geheimnis des Schwarmflugs

Schwerkraft, Auftrieb und Luftwiderstand sind die drei Faktoren, um die es immer wieder geht. Die Filme zeigen, wer sich effizient durch die Lüfte schwingt und welche Kreaturen einen Kräfte zehrenden Aufwand betreiben müssen, um abzuheben. Als Zuschauer ist man einmal mehr fasziniert vom evolutionären Einfallsreichtum und staunt über die fantastischen Flugtechniken von Säugetieren, Vögeln oder Insekten.

Die Dokumentation hat viele Höhepunkte zu bieten. Unbedingt dazu gehört die Sequenz, in der ein Sperber auf der Jagd gezeigt wird. In irrsinniger Geschwindigkeit fliegt der Betrachter mit dem Vogel um Hindernisse und fühlt sich fast „vogelfrei“. Am Ende des dritten Teils aber wird das erst kürzlich aufgedeckte, verblüffend simple Geheimnis des komplexen Schwarmflugs gelüftet. Hier sei so viel verraten: jedes Tier muss sich nur an drei einfache Regeln halten. Einfach abgehoben! Einfach tierisch! Eben „Tierisch abgehoben“.

„Tierisch abgehoben“

Teil 1 „Wenn Tiere fliegen“, Montag 13.6., 19.30 Uhr, Arte

Teil 2 „Meister der Schwerkraft“, Dienstag 14.6., 19.30 Uhr, Arte

Teil 3 „Ein Flügelschlag genügt“, Mittwoch 15.6., 19.30 Uhr, Arte