Heute Abend im ARD-Programm Tatort "Du allein" aus Stuttgart: Abschied von Carolina Vera

Von Joachim Schmitz | 24.05.2020, 10:04 Uhr

Was für ein Tatort aus Stuttgart: 25. Fall für Richy Müller und Felix Klare als Lannert und Bootz, letzter Fall für Carolina Vera als Staatsanwältin Álvarez, erster Tatort und Krimi überhaupt für Regisseurin Friederike Jehn. Ein spannender Fall, der wie eine reine Crime-Story daherkommt und doch eine zweite Ebene hat.

Es ist die Zeit der Debütantinnen. Erst letzten Sonntag legte die Regisseurin Isa Prahl mit dem Kölner Tatort „Gefangen“ ihren ersten Tatort vor. Zwei Monate zuvor war – ebenfalls aus Köln – die Episode „Niemals ohne mich“ ausgestrahlt worden, gedreht von Tatort-Neuling Nina Wolfram. Nun folgt aus Stuttgart das dritte Tatort-Regiedebüt einer Frau innerhalb von zwei Monaten: Friederike Jehn (43) inszenierte die Folge „Du allein“ – es ist der stärkste der drei Krimis.

Dieser Tatort sei überhaupt ihre erste Begegnung mit dem Genre Krimi gewesen, erzählt, die 43-Jährige im Info des Südwestrundfunks (SWR). „Und sofort hat mich das Drama dahinter gereizt. Es hat mir sozusagen den Weg zu dem Krimi gezeigt. Während beim Drama zählt, was am emotionalsten ist, ist beim Krimi die Spannung ausschlaggebend.“

Friederike Jehn fand es in diesem Fall spannend, darüber nachzudenken, was „am gemeinsten“ ist. „Also die Kombination aus Spannung und Emotion.“ Krimi, so die Erkenntnis der Regisseurin, sei „ein tolles Genre, weil man hinter der Spannung die Emotion verstecken kann“.

Zurückgreifen konnte die Debütantin für ihren Tatort auf das Drehbuch eines Altmeisters. Wolfgang Stauch (52) ist bei Tatort und Polizeiruf 110 ein ganz alter Hase und hat bereits die Vorlagen für weit über ein Dutzend Sonntagskrimis im Ersten geliefert. Diesmal dreht sich seine Geschichte um eine rätselhafte Mordserie in Stuttgart, die zunächst mal gar nicht wie eine Serie rüberkommt.

Die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) finden morgens in der Post einen Briefumschlag „An die Ermittler im heutigen Mordfall“ – und wissen noch gar nicht, was geschehen ist. Der Inhalt des Briefes besteht aus einer einzigen Ziffer: 1. Und wo eine 1 ist, gibt es oft auch eine 2 und eine 3.

Es trifft eine Journalistin. Scheinbar wahllos wird die Frau auf offener Straße erschossen. Am Tatort finden die Ermittler eine Patronenhülse mit einer eingravierten 1. Kurz darauf geht eine Lösegeldforderung über drei Millionen Euro ein – ansonsten werde in Stuttgart ein Mensch nach dem anderen sterben. Als die Geldübergabe mit Bootz als Boten scheitert, nimmt die Serie ihren Lauf. Und erste Indizien deuten auf eine Frau als Täterin.

Nach und nach erkennt man als Zuschauer, warum der Regisseurin die Geschichte so gut gefallen hat. Denn hinter der oberflächlichen Spannung, der Jagd auf einen mordenden Erpresser, verbergen sich ein Drama und Emotionen. So verständlich wie ein Kölner Tatort ist diese Folge nicht, sie erfordert schon ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit. Denn irgendwann bekommt ein „einfacher“ Kriminalfall eine gesellschaftliche Dimension. Nach einer Stunde weiß der Zuschauer, wer’s war – aber nicht, wie’s weitergeht.

Auch mit dem 25. Fall des von Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt ins Leben gerufenen Teams Lannert/Bootz beweist der Stuttgarter Tatort, dass er in der Spitzengruppe mitspielt. Fans müssen sich allerdings auf eine personelle Änderung einstellen: Carolina Vera gibt mit „Du allein“ ihre Abschiedsvorstellung als Staatsanwältin Emilia Álvarez.

Im Film ist davon nichts zu sehen. Keine Andeutung, keine Verabschiedung, erst recht kein Mord. All diese Möglichkeiten hat sie dem Drehbuchautor gar nicht eröffnet – denn sie habe sich erst nach Abschluss der Dreharbeiten zum Ausstieg entschieden, berichtet eine Sprecherin des SWR auf Anfrage unserer Redaktion. Gründe dafür kann sie nicht benennen.

Als mögliche Nachfolgerin drängt sich Isabel Schosnig in der Rolle der Andrea Botros auf. Die ist zwar keine Staatsanwältin, setzt bei ihrem Einstand im Ermittlerteam aber eine sehr markante Duftmarke. Botros sei zwar nur als Episodenfigur geschrieben worden und habe auch nichts mit dem Ausstand der Staatsanwältin zu tun, erklärt die SWR-Sprecherin. Potenzial für eine dauerhafte Rolle aber hat diese Figur allemal. Noch eine Tatort-Debütantin, die überzeugt.

Auch wenn’s erst Frühling ist, geht es für den Tatort schon auf die Zielgerade vor der Sommerpause. Nach „Du allein“, folgen noch eine Episode aus Weimar am Pfingstmontag und eine aus München am 7. Juni. Nach einem Rostocker Polizeiruf 110 am 14. Juni reißt dann das Sommerloch auf. Corona lässt grüßen – in Zeiten, in denen nicht gedreht werden kann, muss auch der Tatort hamstern.

Tatort: Du allein. Das Erste, Sonntag, 24. Mai 2020, 20.15 Uhr.

Wertung: 5 von 6 Sternen