Talken ohne Aktualitätsdruck Neue Talkshow bei n-tv: „Schreiber vor Ort“

Von Hendrik Steinkuhl | 09.06.2016, 08:00 Uhr

Bislang ist Constantin Schreiber vor allem der Mann, der versucht, den Deutschen die arabische Welt zu erklären – jetzt gibt ihm n-tv mit „Schreiber vor Ort“ eine Polit-Talkshow, in der sich der 36-Jährige zum ersten Mal vor heimischem Publikum beweisen kann.

Er sei froh, sagt Constantin Schreiber, dass er mit seiner neuen Talkshow nicht unter Aktualitätsdruck stehe – denn er wisse ja, wie verzweifelt Formate wie „Anne Will“ oft kurzfristig nach Gästen suchten und manchmal wahllos sein müssten, um die Runde vollzukriegen.

Wolfgang Bosbach werde bei ihm also nicht auftauchen? Nein, sagt Constantin Schreiber. Er kenne Bosbach persönlich und halte ihn für einen sehr netten Menschen und kompetenten Politiker. „Aber weil man ihn eben viel zu oft sieht, ist er kein Einschalter, sondern definitiv ein Abschalter.“ Sicherlich die wenigsten Moderatoren im deutschen Fernsehen würden sich der Presse gegenüber so äußern, denn die Angst vor Konsequenzen ist groß.

Dass ausgerechnet Constantin Schreiber von dieser Angst nicht befallen ist, mag einige überraschen. Der Mann ist 36, sieht gut und dabei noch einige Jahre jünger aus, vor der Kamera ist er stets ausgesprochen höflich, und wer nicht genau hinsieht, könnte diese Höflichkeit mit Harmlosigkeit verwechseln. Zum Glück weiß es sein Sender offenbar besser, und deshalb bekommt Constantin Schreiber auf n-tv seinen eigenen Polit-Talk „Schreiber vor Ort“. Einmal im Monat wird der Journalist aktuellen und relevanten Themen auf den Grund gehen, die Auftaktfolge läuft am 9. Juni um 17.10 Uhr.

„Schreiber vor Ort“ heißt das Format vor allem deshalb, weil sein Moderator gleichzeitig als Reporter agiert. Die erste Ausgabe der Sendung widmet sich dem Thema Terror und innere Sicherheit, und in Einspielern bekommt der Zuschauer unter anderem zu sehen, wie Constantin Schreiber einen Selbstverteidigungskurs und einen Schießstand besucht. „Es gibt eine nicht geringe Zahl von Menschen, die Waffen in Deutschland gerne legalisieren lassen würden“, sagt Schreiber. „Ich hatte mit dem Thema bislang überhaupt keine Berührungspunkte, und als Wehrdienstverweigerer hatte ich auch noch nie eine Waffe in der Hand.“

Durch den persönlichen Kontakt mit den Menschen, über deren Forderungen und Ängste er anschließend spreche, setze er sich als Moderator natürlich ganz anders mit einem Thema auseinander. Schreiber sieht das als Chance, ein viel tiefer gehendes politisches Format zu etablieren. Damit dieser Plan auch in Erfüllung geht, will Schreiber auch mit anderen Talkshowgesetzen brechen. „Mehr Gäste und mehr hochkarätige Gäste heißt nicht automatisch mehr Qualität.“

Mit unkonventionellen Fernsehformaten hat Constantin Schreiber Erfahrung. „Marhaba – Ankommen in Deutschland“ heißt sein n-tv-Format, mit dem er Fernsehen für Flüchtlinge macht – auf Deutsch und Arabisch, denn Schreiber, der einige Jahre in Syrien gelebt hat, spricht beide Sprachen fließend. Für „Marhaba“ hat er vor Kurzem den Grimme-Preis bekommen und sich damit seiner Einschätzung nach für ein Politformat qualifiziert. „Der Gewinn des Grimme-Preises und natürlich auch die Tatsache, dass Heiner Bremer seine Laufbahn beendet, hat n-tv sicher dazu veranlasst, jetzt dieses neue Format zu präsentieren.“

Interessant ist die Frage, wie lange es wohl noch dauern wird, bis Constantin Schreiber in Deutschland das sein wird, was er in Teilen der arabischen Welt schon längst ist: ein Star. Er moderiert unter anderem für Al Jazeera und den ägyptischen Sender ONtv, in Kairo blickt Schreiber von zahlreichen Plakatwänden, die sein Format „SciTech – Unsere Welt von morgen“ bewerben.

Bisher ist Schreiber hierzulande ein n-tv-Nachrichtensprecher und vor allem ein Experte für die arabische Welt, ein Versteher und Erklärer dieses für viele so fremden Kulturraums, aus dem die Mehrzahl der Flüchtlinge und die Mehrzahl der Terroristen kommen.

Wenn Schreiber nicht in „Marhaba“ als Vermittler zwischen den Welten tätig ist, fungiert er in derselben Rolle immer wieder als Talkshowgast. Mit „Schreiber vor Ort“ öffne er sich nun thematisch – und selbstbewusst sagt er, dass er ein Bedürfnis nach neuen Gesichtern in der politischen Berichterstattung im deutschen Fernsehen erkenne. Dass er sicherlich demnächst zu den bekanntesten dieser neuen Gesichter gehören möchte, muss er nicht extra betonen.

Schreiber vor Ort,Donnerstag, 9. Juni, 17.10 Uhr, n-tv