Tag 9 Ausgedschungelt: Nachruf auf Ramona Leiß

Von Daniel Benedict | 22.01.2012, 12:30 Uhr

Warum hat sie das nur getan? Mit Ramona Leiß wurde gestern das größte Rätsel aus der aktuellen Dschungelstaffel gewählt. Bis zuletzt bleibt unbegreiflich, was sie bei RTL zu suchen hatte.

Neun Tage lang wurde Leiß von RTL als missvergnügte Kontroll-Tante verkauft. In wütender Willkürherrschaft scheuchte sie den Rest des Camps herum, klagte und verteilte sinnlose Rügen. Obwohl die Zigaretten im Urwald rationiert sind, sah die ehemalige ZDF-Moderatorin im Zusammenschnitt wie eine Kettenraucherin aus, die älter wirkte als ihre 54 Jahre. Im Gedächtnis bleibt Leiß als erschöpfte Frau, die vornübergebeugt auf der Pritsche sitzt und durch den Rauch ihrer Kippe verächtlich alle herabschaut. Ein krasser Widerspruch zu ihrem Image, das noch der Show-Vorspann bedient: Hier wässert eine strahlende Ramona im Dirndl die Blumen. Kaum einer dürfte sie heute sympathisch finden. Auch im Camp scheint nach der Entscheidung nur Brigitte Nielsen den Anstand für die konventionellen Beileidsfloskeln zu besitzen.

Was wollte sie hier?

Keiner der elf Kandidaten konnte seine Fans mit dem Einzug ins Ekel-Format mehr verprellen als Ramona Leiß. Keiner brach stärker mit der eigenen Rolle. Leiß kommt von Bayerischen Rundfunk, sie hat die „Aktuelle Schaubude“ und die „Knoff-Hoff-Show“ moderiert, war das Gesicht des ZDF-Fernsehgartens und ist zweifache Trägerin der Hermann-Löns-Medaille für ihre Verdienste ums Volkstümliche. Über einen gemeinsamen Sohn ist sie mit einem der großen Fische im Medienteich verbunden – mit Fred Kogel, der erst Unterhaltungschef beim ZDF war, in der Geschäftsführung von Sat.1 und Kirch Media saß, Aufsichtsrat der Constantin Film wurde und nun die Harald-Schmidt-Show produziert. Ramona Leiß hat Schlager getextet und Kinderbücher geschrieben. Eine Schallplatte von ihr heißt „Liebe mich“. So eine Frau hat im Dschungelcamp nichts zu suchen. Heldin der Dschungelprüfungen Einmal hat Leiß eine richtig gute Figur gemacht – als sie mit Vincent Raven die bislang ekelhafteste Dschungelprüfung durchgezogen hat und anders als er sogar jeden ekligen Bissen verzehrte. Beim „Weihnachtsmarkt des Grauens“ hat sie Kotzfrucht getrunken, Eingeweide der Meeräsche zerkaut, Mehlwürmer und Schweine-Anus gegessen, würgend, aber ohne eine Show draus zu machen. Gewohnt grantig, aber unglaublich taff. Ihre zweite Dschungelprüfung mit Ailton war dann unspektakulär. Ihre Hoffnung danach: Jetzt könne die „Bild“ sie nicht mehr als Loser abstempeln.

Intimes Tagebuch im Urwald

„Ich hab mich erst geoutet, als ich fünfzig war.“ Noch ganz früh in der Show erzählt Ramona Leiß von ihrem lesbisches Leben im Verborgenen. Wenn sie sich mit 50 geoutet hat, ist das erst vier Jahre her. Ihren Karriereknick führt Leiß – leider im Gespräch mit der frivolen FKK-Micaela – auf ihre Sexualität zurück. In den Interview-Einspielern spricht sie hinterher über gleichgeschlechtlichen Sex, über die öffentliche Wahrnehmung von Schwulen und Lesben. War Aufklärung ihr Anliegen? Oder wollte Ramona Ließ ihren Ruf bewusst zerstören? Weil sie das biedere Image im Nachhinein unaufrichtig findet? Oder weil sie das Gefühl hat, dass die Fans sich zum falschesten Zeitpunkt von ihr abgewendet haben? In der RTL-Inszenierung bleibt all das undeutlich - zumal der Sender ihr gerade in die letzte Sendung bizarre Bilder eingeschnitten hat: einen Heulkrampf an der Schulter eines Urwald-Statisten, ihr wirres Psychologisieren über eine überbehütete Kindheit, die sie nun im Dschungel überwinden wolle. Unterm Strich bleibt festzuhalten: Die Geschichte von Ramona Leiß geht über das hinaus, was das RTL-Format in seiner künstlichen Ironie bewältigen kann. Hier hat der Sender schon im Casting versagt.

Keine Witze über Ramona Leiß!

Hat sie erreicht, was sie sich vorgenommen hatte? Was auch immer die 54-Jährige hier wollte – sie zählt auf jeden Fall zu den Kandidaten, über die man sich das Witzeln verbietet. Zu den wenigen Momenten, bei denen der Zuschauer in dieser Staffel von heißer Scham überflutet wurde, gehören ihre Appelle vor dem Telefon-Voting. Zweimal saß da eine völlig andere Ramona als die vom Lagerfeuer. Auf einmal war sie wieder die professionelle ZDF-Unterhalterin, die in burschikoser Herzlichkeit für ihre eigene Sache spricht: „Rufen Sie für mich an“. In diesen zwei Auftritten wurde das Hässliche des Dschungelcamps wieder spürbar: Für manche Kandidaten geht es in der Sendung wirklich um etwas – und ob es gelingt, darüber entscheidet nichts als meine eigene bequeme Sympathie oder Antipathie, für all jene die sich hier zum Clown machen.