Sie besucht fremde Lebenswelten Bettina Böttinger will aufklären

Von Susanne Haverkamp | 03.07.2013, 15:25 Uhr

Anstrengend sei es gewesen, sagt Bettina Böttinger. Aber auch extrem bereichernd. Und manchmal lustig. Denn für die fünf Folgen ihres neuen Formats „B. sucht“, das heute Abend startet, hat sie Menschen besucht, die in völlig anderen Lebenswelten stecken.

Zum Beispiel Luis, den Bettina Böttinger unter anderem zu Hause und im Fitness-Studio trifft. Er sieht aus wie ein ganzer Kerl: dicke Muckis, Dreitagebart, Motorradkluft. Dabei war Luis bis vor wenigen Jahren eine Frau, eine Frau, die in ihrem Körper so unglücklich war, dass sie kurz vor dem Selbstmord stand. Genau wie Pamela, der man die männliche Herkunft noch ansieht. Feuerwehrmann, Soldat, Vater von zwei Kindern. „Ich hab’s wirklich versucht“, sagt sie. Aber irgendwann ging es nicht mehr.

„Im falschen Körper“, so lautet der Titel der Auftaktsendung heute Abend. „Ich hatte natürlich auch so ein Bild von Transsexuellen im Kopf“, sagt Böttinger im Gespräch mit unserer Zeitung. „Aber ich habe durch die Begegnung mit Luis, Pamela und Jan viel gelernt. Zum Beispiel, dass es nicht um Mann oder Frau geht, sondern um Leben oder Tod.“

Böttinger präsentiert ihre Geschichten als „Ich-Erzählerin“. Man sieht sie unterwegs im Auto, als Sozius auf dem Motorrad oder auch als stille Beobachterin. Etwa als Pamela bei einem Besuch im Oldenburger Münsterland ihre Töchter trifft, die „Papa“ zu der Frau im Kleid sagen. Da hält sich die Reporterin zurück, und man sieht ihr an, dass sie bewegt ist.

Genauso wie in der Folge über Sexarbeit, als die 58-jährige Gundi plötzlich in Tränen ausbricht. „Da habe ich auch feuchte Augen bekommen.“ Oder bei „Hinter Gittern“, als Erhard, der insgesamt schon über 30 Jahre im Gefängnis sitzt, von seiner einzigen Hoffnung erzählt: in Freiheit sterben zu dürfen.

Oder als der Autist Julius, von dem Böttinger nicht immer wusste, ob er sie eigentlich wirklich wahrnimmt, sie am Schluss des Drehs mit einem „Danke, Bettina!“ überrascht. „Das sind Momente, die nehmen einen sehr mit – im doppelten Wortsinn“, erinnert sich Böttinger. „Ich bin jetzt echt durch.“

Eigentlich ist die Kölner Journalistin bekannt für Studio-Talk. Mit mehr oder weniger Prominenten warmherzig und auf Augenhöhe zu plaudern, das ist ihre Spezialität früher bei „B. trifft“ und heute beim „Kölner Treff“ . „Aber eigentlich habe ich ja mal als Reporterin angefangen, als Reporterin mit Leib und Seele“, sagt sie im Gespräch mit unserer Zeitung. Deshalb war sie gleich begeistert, als ein Kollege ihr Besuche in anderen Lebenswelten vorschlug.

„Meine Talkshows sind Unterhaltung, und das mache ich auch gerne“, sagt sie. „Aber eigentlich gibt es genug Unterhaltung im Fernsehen – da kann man auch mal etwas Ernsthaftes machen.“ Was nicht bedeutet, dass die Folgen nicht unterhaltsam wären. Aber sie sind eben auch berührend, überraschend und hintergründig. „Wir wollen durch die Begegnung mit diesen Menschen eben auch ein bisschen aufklären und Verständnis wecken“, sagt Böttinger. „Das ist doch auch die Aufgabe von Fernsehen.“

Allerdings eine Aufgabe, die ziemlich teuer ist. Für jede der fünf 30-minütigen Folgen wurden drei Personen mehrmals besucht, denn bei so sensiblen Themen ist es nicht einfach, Menschen dazu zu bringen, vor die Kamera zu treten. Deshalb macht Böttinger etwas, was sie selten tut. „Dass der WDR dieses Projekt unterstützt hat, war wirklich toll“, lobt sie. Auch die Kameraleute hätten Großes geleistet. „Wir hatten eine ganz spezielle Kamera dabei – mit der haben unsere Kameraleute wirklich gezaubert.“

Die Stärke der Reportagereihe liegt ganz sicher in der menschlichen Nähe, die jederzeit spürbar ist und sich wohltuend von manch oberflächlicher Befragung absetzt. „Wir sind uns durch die lange Zeit, die wir zusammen verbracht haben, wirklich nahegekommen“, sagt Bettina Böttinger und erzählt vom Kochabend mit der krebskranken Birte für die Folge „Küchenkünstler“.

Ja, Zeit schafft Möglichkeiten der Begegnung. Aber es liegt eben auch daran, wie Bettina Böttinger auf die Menschen zugeht: weder journalistisch-distanziert noch voyeuristisch-schmalzig, sondern ehrlich interessiert am Schicksal jedes Einzelnen. Und das nimmt einen sogar vom Sofa aus mit.

B. sucht“: neue Reportagereihe. Ab 4. Juli immer donnerstags um 22 Uhr im WDR.

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