Heute Abend im TV "Shooting the Mafia" - ARD zeigt Porträt einer mutigen Fotografin

Von Frank Jürgens | 07.08.2019, 08:00 Uhr

Mit ihrem Film „Shooting the Mafia“ (Das Erste, Mittwoch, 22.45 Uhr) über die Fotografin Letizia Battaglia gelingt Kim Longinotto nicht nur das Porträt einer außergewöhnlichen Frau, sondern auch ein Gesellschaftsporträt Siziliens im jahrzehntelangen Kampf gegen das Krebsgeschwür namens Mafia.

Viel zu lange lebt Letizia Battaglia ein fremdbestimmtes Leben. Geboren in Palermo, verbringt sie ihre frühe Kindheit zunächst in Triest. Nach ihrer Rückkehr dann der Schock. Ihr Vater schickt sie auf eine Klosterschule. Nachmittags darf sie das Haus nicht verlassen. Alte sizilianische Tradition.

Fotografie als Ausdrucksform

Um den Zwängen des Elternhauses zu entkommen, heiratet sie bereits im Alter von 16 Jahren und bekommt drei Kinder. Aber frei ist sie noch immer nicht. Sie würde zwar gerne studieren. Doch dieser Wunsch wird ihr verwehrt. Erst nach einer schweren Krankheit und der Scheidung im Jahre 1971 entdeckt sie im Alter von 40 Jahren die Fotografie als Ausdrucksform für sich. Heute gilt das Ausnahmetalent als namhafteste Fotografin Siziliens, wenn nicht Italiens und darüber hinaus als wichtigste Chronistin der unzähligen Mafiamorde.

„Die Kamera war die Chance meines Lebens“, sagt Battaglia gleich zu Beginn in der Dokumentation „Shooting the Mafia“ von Kim Longinotto. „Ich habe angefangen, ich selbst zu sein“. Dabei möchte sie eigentlich Journalistin werden. Doch die Tageszeitung „L'Ora“ schickt sie nach ein paar Jahren in Mailand mit einer Kamera zurück in ihre Heimat, wo Battaglia ihre Gesellschaftsreportagen mit Fotos schmücken soll. Damit gelingen ihr schon früh erschütternde Momentaufnahmen. Fotos von Krieg spielenden Kinder in Mafia-Posen. Fotos, die Armut und Hoffnungslosigkeit widerspiegeln. Gesichter der Angst.

Zurückhaltende Observation

Auch wenn bereits früh Bilder von Mafia-Morden eingeblendet werden, lässt sich Filmautorin Longinotto Zeit, bis sie in das zentrale Thema ihres Filmes „Shooting the Mafia“ vordringt. Mit zurückhaltenden Mitteln observiert sie zunächst ihre Protagonistin, lässt die Zuschauer ausführlich an Battaglias Emanzipationsprozess teilhaben. Daran, wie sie beispielsweise ihren ersten Liebhaber, den neunzehn Jahre jüngeren Nuklearphysiker Franco Zecchin kennen und lieben lernt, der ihr von Mailand nach Palermo folgt. Auch heute noch fühlen sich die beiden einander verbunden, wie der Film belegt. Ein lockeres Tischgespräch der beiden über die gemeinsame Vergangenheit, über Palermo, die Fotografie und die Mafia verrät mehr, als es jeder Off-Erzähler könnte.

Es ist diese zurückhaltende Beobachtungsgabe, mit der es Longinotto („Dreamcatcher“) wie in all ihren Dokumentarfilmen gelingt, Nähe zu erzeugen. Für dramaturgische Spannung sorgt in „Shooting the Mafia“ hingegen alleine schon die Chronologie der folgenden Ereignisse im Leben der passionierten Fotografin Battaglia. Der erste Mafia-Mord, den sie an ihrem dritten Arbeitstag als Fotografin mit der Kamera festhalten muss. All die weiteren unzähligen Leichen. Von Kugeln durchsiebte Männer, Frauen und sogar Kinder.

Lebensgefährliche Fotos

Als lebensgefährlich beschreibt Battaglia insbesondere jene Fotos, die sie bei Beerdigungen macht. Zahlreiche Anfeindungen und Todesdrohungen gegen sie sind die Folge. Aber sie lässt sich nicht beirren in ihrem Kampf gegen die Mafia. Nur an den Mammutprozessen, in deren Verlauf hunderte Mafiosi verurteilt wurden, habe sie aus persönlichen Gründen nicht teilnehmen können, bedauert sie im Film. Doch die folgenden Morde an Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino im Jahre 1992, Racheakte an den Verurteilungen, bestärken sie bis heute in ihrem Kampf gegen die Mafia.

Filmautorin Longinotto gelingt mit „Shooting the Mafia“ gleich ein doppeltes Porträt. Über das Porträt der außergewöhnlichen Fotografin Battaglia entfaltet sich das Bild einer vom Krebsgeschwür der Mafia durchsetzten sizilianischen Gesellschaft.

Betrachtet man Battaglias Fotografien, die nicht nur „Blut, Blut, Blut“ zeigen, wie sie es manchmal formuliert, dann lässt sich über den Zeitraum der letzten 40 Jahre jedoch ein hoffnungsvoller gesellschaftlicher Wandel erkennen. Sizilien, so scheint es, hat sich emanzipiert von der Mafia. Ist viel freier geworden. Nicht zuletzt auch dank Letizia Battaglia als furchtlose Vorreiterin im Kampf gegen die unehrenwerte Gesellschaft.

„Shooting the Mafia“. Das Erste, Mittwoch, 07. August, 22.45 Uhr.