Serienmörder im Interview Digitalsender A&E zeigt „Protokolle des Bösen“

Von Marcel Kawentel, Marcel Kawentel | 24.09.2016, 10:14 Uhr

Romuald Karmakars „Der Totmacher“ von 1995 ist wohl das Paradebeispiel des kammerspielartigen Mörderporträts. Nach diesem Prinzip verfilmt der Digitalsender A&E mit „Protokolle des Bösen“ Originalinterviews des Profilers Stephan Harbort mit verurteilten Serienmördern – dargestellt von Stars wie Uwe Ochsenknecht und Michaela May.

„Ein Atomkraftwerk in die Luft sprengen,“ sagt der Mann mit gelangweilter Stimme auf die Frage, was er nach seiner Entlassung tun wolle. Der Mann ist Daniel Küster, der „Oma-Killer“, gespielt von Uwe Ochsenknecht. Er heißt nicht wirklich so, Namen und Orte wurden geändert, ansonsten aber folgt „Protokolle des Bösen“ den Originalinterviews des Kriminalisten und Profilers Stephan Harbort , der teils über Wochen und Monate ein enges Verhältnis zu den Serienmördern aufgebaut hat um der Frage nachzugehen, warum Menschen morden. Kriminalhauptkommissar Harbort ist Dienststellenleiter der Kripo in Düsseldorf und entwickelte international anerkannte Fahndungsmethoden zur Überführung von Serienmördern. Seit Mitte der 1990er-Jahre führte er mit über 50 verurteilten Serienmördern Interviews in Justizvollzugsanstalten und psychiatrischen Krankenhäusern.

Keine nachgestellten Szenen„Die Gespräche sind allein beim Lesen schon so dicht, dass man keine Bilder der Taten oder Re-Enactment braucht,“ schildert Producer Emanuel Rotstein im Gespräch mit unserer Redaktion seinen ersten Eindruck von Harborts Aufzeichnungen. „Wir achten bei unseren Eigenproduktionen darauf Formate und Erzählweisen zu finden, die es so noch nicht im Fernsehen gab,“ so Rotstein über den nonfiktionalen DigitalsenderA&E(ursprünglich Arts & Entertainment), der seit 2014 in Deutschland ausstrahlt und digital über Kabel, Satellit, IP- und Mobil-TV empfangbar ist.

„Mir gefiel die Herangehensweise bereits verurteile Täter, die nichts mehr zu verlieren haben, ganz ehrlich über ihre Biographien und Beweggründe sprechen zu lassen,“ sagt Rotstein zu „Protokolle des Bösen“. Auch die Schauspieler ließen sich laut Rotstein schnell von der Idee überzeugen echte Mörder zu spielen.

So nah am Original wie möglich„Wir haben uns sehr eng mit Stephan Harbort ausgetauscht, wie er die Täter erlebt hat - wer könnte von der Statur, der Erzählweise passen?“ erzählt Rotstein über die Auswahl der Darsteller. „Wir wollten so nah am Original wie möglich sein.“ Der Cast kann sich sehen lassen: Neben Uwe Ochsenknecht spielen Michaela May, Fritz Wepper, Sven Martinek und Detlef Bothe.

„Zu den Anfängen der Schauspielerei zurückzukehren, in einem sehr reduzierten Setting, kammerspielartig inszeniert, hat die Darsteller sofort überzeugt,“ so Rotstein. „Das zweite Argument war: wir orientieren uns eins zu eins an den Verhörprotokollen, das hatten die Darsteller so noch nie gemacht.“ Die größte logistische Herausforderung war allerdings die sehr kurze Drehzeit von nur einem Tag pro Folge. Trotzdem stellt man bei A&E hohe Ansprüche.

„HBO hat mit ‚The Jinx‘ vorgelegt, Netflix mit ‚Making a Murderer‘ . Wir wollten gar nicht etwas Ähnliches machen, denn wir haben etwas Einzigartiges mit diesen Gesprächen,“ glaubt Emanuel Rotstein. „Aber in der Bildsprache und dem Production Value wollten wir uns an den großen US-Produktionen orientieren.“

„Fernsehen, das wir selber gerne sehen“Ungewöhnlich für sogenannte Factual-Crime-Formate, also Krimiformate, die wahre Geschichten erzählen, ist das gänzliche Fehlen von nachgestellten Szenen. Der Gesprächsfluss wird lediglich unterbrochen durch Erläuterungen des Kriminalisten Harbort, der in die Kamera spricht und dem Zuschauer sein Vorgehen erklärt. Trotzdem reißt die Spannung nicht ab, bestätigte laut Emanuel Rotstein das Publikum beim Krimifestival München, wo „Protokolle des Bösen“ testweise vorgeführt wurde. Eine klare Zielgruppe hat der Sender für das Format interessanterweise nicht definiert.

„Wir haben bei unseren Produktionen keinen bestimmten Zuschauer vor Augen, wir machen Fernsehen, das wir selber gerne sehen würden,“ erklärt Emanuel Rotstein. Die Untergrenze setzt er dennoch bei 18 Jahren an. „Auch, wenn man die Bilder nicht vor Augen hat, die Aussagen der Täter über ihre Taten sind für Jugendliche nicht geeignet.“

 „Protokolle des Bösen“ startet am 24.9. um 21.50 Uhr bei A&E mit zunächst fünf halbstündigen Folgen.