Serie: Bestes Radio Moderator Dieter Kassel: Jedes Wort sitzt

Von Hendrik Steinkuhl | 12.07.2014, 10:54 Uhr

Jenseits des Dudelfunks ist das deutsche Radio gesegnet mit guten Moderatoren – doch einer spielt eine Liga höher als alle anderen. „Deutschlandradio“-Moderator Dieter Kassel findet selbst im hohen Sprechtempo immer die richtigen Worte: Er ist forsch, selbstironisch und entspannt. Eine Verbeugung vor einem Mann, der jedes Thema hörenswert macht.

Als der Anrufer, ein Münchner Urologe, seinen Standpunkt ausführlich dargelegt hat, drängt ihn Moderator Dieter Kassel höflich dazu, jetzt bitte die Leitung frei zu machen. „Herr Staudte, wollen wir an dieser Stelle einfach sagen: We agree to disagree?“ Herr Staudte will noch ein bisschen weiterquasseln, doch Kassel unterbricht ihn erst freundlich und beendet das Gespräch dann auf die denkbar schönste Weise: „Herr Staudte, wenn ich je einen Urologen brauche, werde ich nach München fahren.“

Dieter Kassel ist der König von Radiodeutschland, und seine Königsdisziplin ist das charmante Anrufer-Abwürgen. Während viele Sendungen durch das unregulierte Gequatsche von Laien unerträglich werden, macht Kassels Stimme der Vernunft das Telefonat mit dem Hörer nicht selten zu einem Vergnügen. Noch ein Beispiel? Als eine Anruferin seinen Studiogast ständig unterbricht, sagt er im angedeuteten Gouvernanten-Ton: „Frau Butin, jetzt bitte benehmen, sonst ist Schluss. Da bin ich streng!“

Anrufer wollen erzählen

Seit 15 Jahren moderiert Dieter Kassel die „Deutschlandradio-Kultur“-Sendung „ Radiofeuilleton – Im Gespräch “, in der er meist ein oder zwei Studiogäste zu einem Thema befragt. Die Anrufer, die dem Konzept nach ebenfalls Fragen an die Gäste stellen sollen, haben sich seiner Beobachtung nach in dieser Zeit verändert: „Die meisten Leute wollen nur ihre eigene Geschichte erzählen und von dem anderen nichts wissen. Und das ist über die Jahre deutlich schlimmer geworden.“

Spricht da ein Misanthrop? Ganz im Gegenteil. Niemand interessiert sich so sehr für seine Anrufer wie Dieter Kassel, was schon damit beginnt, dass er von jedem Gesprächspartner unbedingt wissen möchte, woher er kommt. Kein Moderator im deutschen Hörfunk verbreitet überdies so viel ungekünstelte gute Laune. Kassel ist das Gegenteil der hysterischen „Moderationsdarsteller“ (Zitat Kassel), die einem auf vielen Privatsendern ihre antrainierte Lebensfreude entgegenbrüllen.

Nur Knappes über Kassel

Um die Lobhudelei fortzusetzen: In seinen Moderationen macht sich Dieter Kassel zwar immer wieder selbst zum Thema, doch nicht für einen Moment schiebt er sich in den Vordergrund und lässt uns glauben, Moderation wäre ein anderes Wort für Selbstbespiegelung. Wenn Kassel über Kassel spricht, dann immer knapp. In einem Interview mit der Philosophin Nicole Karafyllis, die in einem Buch das Putzen zur Kulturtechnik erklärt hat, stellt er die Frage, für wen der Mensch eigentlich putzt: „Ich hatte mal eine Phase, da war ich natürlich sehr viel jünger als heute, da habe ich immer nur geputzt, wenn ich Frauenbesuch bekam.“

Wie von diesem Mann nicht anders zu erwarten, sind seine Selbstreferenzen nicht nur Mittel zum Gag, sondern Ausdruck einer Haltung. „Wenn Sie von einem Menschen, mit dem Sie sich unterhalten, Informationen erwarten, dann müssen Sie auch Informationen geben“, sagt er. Da seine Selbstauskünfte oft ironiegetränkt sind und er sich dem heiligen Ernst grundsätzlich verweigert, ist sein Stil viel eher britisch als deutsch. Die guten Moderatoren der BBC seien seine Vorbilder, sagt er. Diesen Vorbildern kann er locker das Wasser reichen, sagen wir.

Um das Bild vom Radiokönig abzurunden: Dieter Kassel ein Meister der Vermittlung. Als sensibler Journalist mag man das Wort „runterbrechen“ nicht mehr hören. Doch genau das gelingt Kassel mit jedem noch so komplizierten Thema exzellent.

Hohes Sprechtempo

Wer tatsächlich Anstoß an ihm nimmt, den stört in der Regel Kassels hohes Sprechtempo. Doch weil jedes Wort sitzt und sich der Moderator niemals in Nebensatzgirlanden verheddert, mag man den empörten Hörer vorsichtig fragen: Ist vielleicht nicht er zu schnell, sondern du zu langsam?

Wer Dieter Kassel live hören will, kann das momentan nur in der „Deutschlandradio-Kultur“-Frühsendung „ Studio 9 am Morgen “ tun. Das samstägliche „Radiofeuilleton“ heißt seit Kurzem „Im Gespräch“ und wird mindestens bis September nicht mehr von Kassel moderiert. „Das ist weder von mir noch vom Sender eine gewollte Entscheidung, sondern ergibt sich leider aus Zeitgründen.“

Gibt man auf www.dradio.de den Namen Dieter Kassel ein, findet der Radiofreund aber zum Glück eine große Zahl früherer und ausnahmslos hörenswerter Sendungen.