Schräges „Erkläre Chimäre“ „Tatort“ heute aus Münster: Boerne und Thiel als Ehepaar

Von Joachim Schmitz | 25.12.2015, 01:30 Uhr

Der „Tatort“ aus Münster ist heute so schräg wie selten: „Erkläre Chimäre“ macht Kommissar Thiel (Axel Prahl) und Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) zum schwulen (Schein-)Ehepaar.

Heidewitzka – was dieser Münster-„Tatort“ allein in den ersten zehn Minuten an humoristischem Brachial-Sperrfeuer auffährt, würde im altehrwürdigen Ohnsorg-Theater wohl für eine ganze Spielzeit reichen. Da rettet der nach Nadeshda Krusensterns (Friederike Kempter) Beförderungsfeier schwer angetrunkene Boerne dem an einem Häppchen erstickenden Thiel mittels Luftröhrenschnitt das Leben. Wenig später erklärt er dem röchelnden Kommissar, warum er ihn am Computer zu seinem Partner auf einem Hochzeitsfoto gemacht hat: Um sich bei einem schwulen und reichen Patenonkel aus Amerika einzuschleimen und ihn nach dessen Tod zu beerben.

Zwischendurch wird mal eben ein Obdachloser von einem SUV über den Haufen gefahren und schließlich auch noch in einem Kühlhaus ein ermordeter Brasilianer aufgefunden, der offensichtlich eine enge Verbindung zu Boernes Erbonkel Gustav hatte.

Grandios fehlbesetzt in der Onkel-Rolle: „Mr. Traumhotel“ Christian Kohlund , der eher rüberkommt wie ein Ernest Hemingway fürs Vorabendprogramm als wie ein schwuler älterer Herr aus Florida.

Wer’s dicke mag, wird bestens bedient. Denn natürlich steht der Onkel schon bald vor der Tür, und Thiel muss seine Dankbarkeit für den lebensrettenden Schnitt beweisen, indem er Boernes Ehemann spielt. Kaum zu glauben, dass das noch ein Krimi sein soll, in dem am Ende ein Täter überführt wird. So mancher Anhänger der reinen Lehre wird bei diesem „Tatort“ mit dem kryptischen Titel vermutlich auch einen Luftröhrenschnitt benötigen, das Stammpublikum der Münsteraner dagegen darf sich fertig machen zum Schenkelklopfen. Axel Prahl versteht diesen „Tatort“ allerdings auch als ein Statement pro Homo-Ehe , obwohl der zeitliche Zusammenhang von politischer Diskussion und „Tatort“-Ausstrahlung auch für ihn nicht vorherzusehen war: „Ich finde es bemerkenswert, dass wir plötzlich so ein top-aktuelles Thema haben,“ sagt Prahl im Gespräch mit unserer Redaktion. „Wir waren selbst ein wenig davon überrascht, dass gerade jetzt in der Politik die Homo-Ehe und die Gleichstellung der Homosexuellen debattiert wird. Unser Fall fällt damit auf fruchtbaren Boden.“ Für ihn persönlich sei der aktuelle „Tatort“ auf jeden Fall „eine Gelegenheit, für die völlige Gleichstellung der Homosexuellen das Wort zu ergreifen“, sagte Prahl weiter: „,Erkläre Chimäre‘ ist aus meiner Sicht ein positives Dafürhalten. Ich selbst habe recht viele homosexuelle Freunde, die auch schon sehr früh, nachdem es juristisch möglich wurde, eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingegangen sind. Jeder muss selbst wissen und entscheiden können, wie er glücklich wird, deswegen befürworte ich natürlich die Homo-Ehe.“

Im Krimi ist die homosexuelle Komponente – wie soll’s bei einem „Tatort“ aus Münster auch anders ein – vor allem eine humoristische. Das war auch für Axel Prahl während des Drehs in Münster und Köln nicht anders: „Es waren wirklich sehr lustige Dreharbeiten. Vor allem wenn Christian Kohlund als Onkelchen kam, mein Gesicht in seine Hände nahm und zum Kuss ansetzte, habe ich mich manchmal vor Lachen nicht wieder eingekriegt.“

Der eigentliche Kriminalfall ist eher was fürs Märchenbuch: Der Onkel ist nicht nur schwul, wohlhabend und offensichtlich von seiner Krebserkrankung genesen, sondern auch noch ein formidabler Schatzsucher, der vor der Küste Kubas eine Kiste teuersten Champagners des Jahrgangs 1829 aus einem Schiffswrack geborgen hat.

Und der tote Brasilianer ist nicht nur sein Geliebter, sondern auch derjenige, der das flüssige Gold einem Weinhändler in Münster verhökern sollte. Menschenskinder, so klein ist die Welt also, dass Brasilien, Kuba, Florida und Münster auf einen Bierdeckel passen.

Dem Darsteller des Kommissars gefällt der Krimi natürlich: „Auch wenn ich selbst mitspiele und Eigenlob eigentlich stinkt - ich finde diesen ,Tatort‘ wirklich sehr gelungen,“ sagt Axel Prahl. „Eine schöne Geschichte und auf jeden Fall FSK 12 – das kann man sich ganz getrost auch mit Kindern ansehen.“

Francois Werner vom Internet-Portal „Tatort-Fundus“ sieht in „Erkläre Chimäre“ einen „ganz normalen Münster-Tatort“: „Er ist wieder voll von Gags und Sprüchen und wird sicher wieder gut unterhalten.“ Einen Einwand hat der Experte aber auch: „Natürlich will ich unterhalten werden, und ich kann auch über den einen oder anderen Spruch lauthals lachen oder schmunzeln. Aber der Krimi soll mich auch fesseln, mich rätseln lassen und ein wenig detektivisch beanspruchen oder herausfordern.“ Daran hapere es ein wenig.

Bleibt die Frage nach der Quote. Gibt es erneut einen Rekordwert für den Münster-„Tatort“? Axel Prahl ist da skeptisch: „Am Sonntag soll es verdammt schönes Wetter geben, da dürfte die Quote dann nicht ganz so toll ausfallen. Aber ich halte ohnehin nichts davon, die Quote als Maßstab für Qualität oder Beliebtheit zu nehmen. Das sollte man auch inhaltlich betrachten.“

Bald auch im Kino

Auf den ersten Kino-„Tatort“ werden die Fans nach Prahls Worten noch ein wenig warten müssen: „Wir sind auf jeden Fall dran, dieses Feld zu beharken. Und da sollten wir uns auch die Zeit nehmen, etwas richtig Gutes daraus zu machen. Die Zuschauer sollten schon erkennen können, warum es eine Notwendigkeit gibt, ins Kino zu gehen, um diesen ,Tatort‘ zu sehen. Da braucht es erst mal einen entsprechenden Fall, vermutlich ein höheres Budget und auch eine ganz andere Bildsprache. Ein Til Schweiger-,Tatort‘ ist mit seiner ganzen Action sicher auch so fürs Kino geeignet, der Münster-,Tatort‘ aber ist eine ganz andere Gattung, kommt etwas britisch daher und ist daher eine andersartige Herausforderung.“

 Hier gibt‘s einen Trailer zu „Erkläre Chimäre“: 

  • Sonntag, 31. Mai 2015
  • 20.15 Uhr, ARD
  • Wiederholung: 21.45 und 23.45 Uhr, Einsfestival
  • Mit: Axel Prahl, Jan Josef Liefers, Christian Kohlund, Friederike Kempter, ChrisTine Urspruch, Mechthild Großmann, Claus D. Clausnitzer

Ist die Zeit reif für einen schwulen „Tatort“-Kommissar? Diese Frage beantworten wir am Sonntagabend auf www.noz.de/medien 

 Tatort: Erkläre Chimäre, ARD, Sonntag, 31. Mai, 20.15 Uhr.