Schlankheitswahn auch bei Instagram und Co Warum „Germany‘s next Topmodel“ so gefährlich ist wie eh und je

Von Meike Baars | 23.02.2017, 19:02 Uhr

„Germany’s next Topmodel“ läuft in zwölfter Staffel. Und niemanden scheint das mehr groß zu stören. Dabei sei der propagierte Schlankheitswahn nach wie vor bedenklich für sehr junge Zuschauerinnen, sagt eine Psychologin. Denn mit vermeintlich perfekten Körpern vergleichen sich Mädchen inzwischen ständig – vor allem online.

Ist „Germany‘s next Topmodel“ (GNTM) jugendgefährdend? Das prüfte 2015 der Jugendmedienschutz und kam zu dem Ergebnis: Nein. Von der Pro-Sieben-Castingshow gehe keine „entwicklungsbeeinträchtigende Wirkung“ aus. Zuvor hatte jedoch eine Studie einen Zusammenhang zwischen Essstörungen und GNTM hergestellt. Nun läuft die Show weiter zur besten Sendezeit, inzwischen in der zwölften Staffel. Warum das alles andere als unbedenklich sei, erläutert Silja Vocks im Interview. Sie ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Uni Osnabrück und beschäftigt sich unter anderem mit dem Thema Essstörungen.

 Die Einschaltquote bei „Germany‘s next Topmodel“ ist zwar nicht mehr so hoch wie zu Beginn, aber bei den besonders jungen Zuschauern ist die Show nach wie vor sehr beliebt. Ist das ein Problem? 

Das junge Publikum schaut die Sendung in einer sehr vulnerablen Phase. In der Pubertät haben viele mit einem niedrigen Selbstwertgefühl zu kämpfen und sind unzufrieden mit ihrem sich verändernden Körper. Gleichzeitig reagieren Jugendliche stark auf Einflüsse von außen, sie achten stärker auf Darstellungen von Körpern. Zudem ist es das Alter, in dem sich Essstörungen erstmals zeigen. Magersucht tritt meist zwischen 12 und 23 zum ersten Mal auf. Bulimie zwischen 20 und 30.

 Was lernt ein Mädchen, das „Germany‘s next Topmodel“ schaut? 

Wie wichtig ein schlanker Körper für Erfolg und soziale Anerkennung ist. Das Credo: Du musst sehr stark auf dein Äußeres achten, damit du mithalten kannst und dazu gehörst. Schlank zu sein, ist die Grundvoraussetzung für Erfolg.

 Das bekommen junge Mädchen aber längst nicht mehr nur bei „Germany‘s next Topmodel“ vorgelebt. 

Das stimmt. Jugendliche sind heute ständig online. Und mit dem Smartphone entzieht sich das, was sie sich im Netz anschauen, noch mehr der Kontrolle von Eltern. Auf Fotoapps wie Instagram, aber auch in sozialen Netzwerken wird extreme Schlankheit propagiert. Wer dünn ist, erfährt dort Anerkennung und Lob. Es gibt Studien, die zeigen, dass eine Beschäftigung mit den Seiten und Apps kurzfristig zu einer Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper führt.

 Inwiefern hat sich das dort propagierte Körperideal gewandelt? 

Es geht immer noch um sehr schlanke Körper. Gleichzeitig sollen sie aber auch fit und definiert sein. Jetzt könnte man sagen: Das ist immerhin ein „gesunder“ Trend. Aber tatsächlich setzt auch das wieder eine massive Beschäftigung mit dem eigenen Körper und vermeintlichen Idealen voraus. Außerdem werden mit dem Ideal soziale Vergleichsprozesse in Gang gesetzt. Wer dabei das Gefühl bekommt, nicht mithalten zu können, bekommt ein niedrigeres Selbstwertgefühl. Früher gab es beispielsweise in Online-Foren und geschlossenen Gruppen sogenannte „Thinspirations“, mit denen sich Nutzerinnen gegenseitig motiviert haben, noch schlanker zu werden. Inzwischen geht der Trend hin zu „Fitspirations“, bei denen Mädchen ihren gestählten, schlanken Körper zeigen, um sich selbst und andere anzuspornen. Auch bei „Germany’s next Topmodel“ geht es nicht mehr um Size-Zero-Models. Aber immer noch um ein sehr schlankes Körperideal, das mit einer normalen Frauenfigur wenig zu tun hat.

 Würden Sie Eltern dazu raten, ihren Töchtern solche Apps und die Sendung „Germany‘s next Topmodel“ zu verbieten? 

Man kann das kaum verbieten, fürchte ich. Das ist die Lebensumgebung der Mädchen heute. Darüber sprechen sie und darüber tauschen sie sich aus. Aber Eltern sollten mit ihren Töchtern über die unrealistischen Ideale sprechen und sie problematisieren.

 Und wenn Töchter den Wunsch äußern, an der Sendung teilzunehmen? 

Das müssen Eltern selbst entscheiden, aber ich würde das nicht erlauben. Diese Bilder sind auf ewig online abrufbar. Die Kandidatinnen werden immer wieder kaum bekleidet gefilmt, teils in entwürdigenden Posen. Gleichzeitig müssen sie sich dem Voyeurismus der Zuschauer unterordnen, die nach immer extremeren Reaktionen verlangen, weil es sonst langweilig wird. Also werden bei den Fotoshootings immer härtere Mutproben verlangt. So würde ich mein Kind nicht sehen wollen.

 Bei „Germany‘s next Topmodel“ treten inzwischen junge Kandidatinnen an, die die Sendung seit der ersten Staffel verfolgen. Was macht es mit Mädchen, wenn sie das Schlankheitsideal schon im Grundschulalter eingetrichtert bekommen? 

Einige Studien zeigen, dass bereits die Hälfte der Mädchen zwischen sechs und zwölf Jahren mit ihrem Körper unzufrieden ist. Allerdings wurde bisher kaum untersucht, wie Kinder die Botschaften aus den Medien zu extremer Schlankheit verarbeiten. Es gibt aber erste Hinweise, dass sie auch in dieser Altersgruppe zu Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper führen. Möglicherweise werden die Kinder kurzfristig nichts Gravierendes an ihrem Essverhalten ändern, aber ich würde annehmen, dass in dem Alter Ideale bereits gesetzt werden, die möglicherweise später eine Rolle spielen und langfristig Einfluss auf das eigene Selbstwertgefühl und Körperbild haben können.

 Hat denn die Zahl der Patienten mit Essstörungen zugenommen? 

Seit Mitte der 1990er Jahre haben wir in etwa gleichbleibende Zahlen von Neuerkrankungen bei Bulimie und Magersucht. Insgesamt sind die Therapieerfolge bei Magersucht, aber auch zum Teil bei Bulimie, immer noch unbefriedigend. In einer Therapie wird versucht, das Selbstwertgefühl der Patientinnen von den Themen Figur und Gewicht zu entkoppeln. Ein ungeheuer schwerer Schritt, weil das die Themen sind, über die sich die Patientinnen hauptsächlich definieren. Je nach Studie und untersuchter Patientengruppe kann man grob festhalten, dass bis zu zehn Prozent der Anorexie-Patientinnen im Verlauf ihrer Erkrankung sterben, 30 Prozent bleiben chronisch krank, bei weiteren 30 Prozent bleibt die Erkrankung subklinisch problematisch. Nur 30 Prozent werden vollständig geheilt.