Schauspielerin liebt das Dösen Annette Frier über Lukas Podolski, Kinder und Karneval

Von Joachim Schmitz | 28.03.2015, 05:16 Uhr

Annette Frier ist ein Kölner Original wie Lukas Podolski. Aber die Komödiantin ist selbst dem Karneval gegenüber nicht unkritisch. Dass es keinen Motivwagen zu Charlie Hebdo gab, fand sie überhaupt nicht gut.

Die Frau hat was, vor allem Humor. Annette Frier begeistert in unterschiedlichsten Rollen ihr Fernsehpublikum (am 12. April wieder in der „Müttermafia“ im ZDF), steht in Berlin auf der Theaterbühne am Kurfürstendamm und versorgt so ganz nebenbei auch noch ihre Zwillinge. In einem Kölner Café sprechen wir über Köln, Karneval, Kinder – und Träume. Davon hat sie einen ganz besonders witzigen parat:

Frau Frier, beginnen wir mit dem großen Satz eines berühmten Kölners: „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel.“

Oooh, der Luki.

Sagen Sie Luki? Nicht Poldi?

Der Luki (lacht). Wann kommt der denn wieder zurück?

Das fragen sich vermutlich viele Kölner: Lukas Podolski saß und sitzt in London und Mailand auf der Bank...

Ja, der sitzt sich da den Arsch platt. Dabei hatten wir mit ihm so Großartiges vor. Wir wollten für die letzte Folge von „Danni Lowinski“ eine Szene drehen, in der ich Lukas Podolski in der Bahn treffe. Ich wollte ihn auf Polnisch fragen: Wann wird der Effzeh mal wieder Deutscher Meister. Und er sollte auf Polnisch antworten: Das wissen nur der liebe Gott und ich. Er wollte auch mitmachen, aber es ging eben nicht wegen seiner Verpflichtungen bei Arsenal. Leider, leider.

Das muss den Kölnern doch wehtun: Der Luki oder Poldi in London und Mailand auf der Bank, und der Effzeh schießt so gut wie keine Tore.

Total. Obwohl: Für Effzeh-Verhältnisse sind wir alle ganz gut drauf, man konnte sogar richtig Karneval feiern. Für mich war ja das Lustigste, als Lukas bei Bayern München gespielt hat und hier in Köln ein Tor gegen den Effzeh schoss – da haben 30000 Kölner gejubelt. Da hat wahrscheinlich sogar Uli Hoeneß gedacht: Was ist das denn für ein Karnevalsverein? (lacht) Das war so lustig – die haben gejubelt, als wäre ein Tor für Köln gefallen. Wenn man diesen Verein beschreiben möchte, dann so.

Köln muss ja schon eine ganze Weile ohne Podolski auskommen – und jetzt auch noch immer häufiger ohne Annette Frier, weil die monatelang in Berlin Theater spielt.

Ja, das ist schon verdammt hart (lacht). Aber ich muss schon sagen: Es ist richtig schön, in der Hauptstadt am Ku’damm Theater zu spielen. Dabei hatte ich es schon fünfmal abgesagt mit der Begründung, dass ich zwei kleine Kinder habe und nur in Köln spielen kann. Aber jetzt freu ich mich schon wieder, Mitte April geht’s wieder los mit „Eine Familie“. Wir überlegen sogar, ob wir nächstes Jahr einen Abstecher machen und das Stück dann auch mal in Köln spielen.

Die Zwillinge haben Sie ja immer noch. Wie machen Sie es denn mit denen, wenn Sie drei Monate in Berlin spielen?

Meine Tochter ist zurzeit noch im Kindergarten, die kommt erst im Sommer in die Schule, deshalb war sie jetzt mit mir in Berlin, während die Männer hier einen auf Jungs-WG gemacht haben. Mein Sohn ist ja schon in der ersten Klasse.

War Ihre Tochter gerne mit in Berlin?

Das ist immer auch eine Frage der Moderation. Es ist ein Unterschied, ob man sagt „Die Mama geht schon wieder arbeiten“ oder aber „Wir machen was ganz Tolles: Du fährst drei Wochen mit der Mama nach Berlin, das wird so was von cool“ (lacht). Es war aber auch wirklich toll. Ich hatte ja abends erst Vorstellung, da konnten wir morgens zum Reiten nach Oranienburg fahren und solche Sachen. Normalerweise gibt man die Kinder morgens im Kindergarten ab und sieht sie dann bis vier Uhr nicht.

Was für ’ne Sorte Mutter sind Sie denn? Typ Helikopter-Mama?

Wahrscheinlich nicht. Ich glaube, dass ich überhaupt keine schlechte Mutter bin. Ich liebe meine Kinder über alles und bin auch jederzeit für meine Kinder erreichbar. Mein Mann kann zu Hause arbeiten, das ist natürlich ein Riesenglück. Deswegen haben meine Kinder keine Mangelerscheinungen – trotz der vielen Arbeit, die ich natürlich wahnsinnig gerne mache. Ich kann mich ja nicht damit herausreden, dass ich die Miete nicht bezahlen könnte, wenn ich weniger arbeite. Den einen oder anderen Film oder jetzt auch so ein Theaterstück könnte ich natürlich mal knicken, um mit dem Hintern zu Hause zu bleiben. Das war aber nach sechs Jahren Theaterabstinenz für mich aus Sehnsuchtsgründen nicht möglich. Ich habe halt wenig Pausen, weil ich entweder arbeite oder mit meiner Familie zusammen bin. Aber das ist ein Preis, den ich gerne bezahle. Wenn ich mal in mich hineinhorche, habe ich eigentlich gar keine andere Wahl.

Als Schauspielerin spielen Sie Ihren Kindern doch sicher immer ganz schöne Sachen vor, oder?

(lacht) Dazu erzähle ich Ihnen mal eine schöne Geschichte von gestern. Wir hatten extrem viel Zeit, weil ich sehr früh aufgewacht war. Ich hab dann meinen Sohn geweckt, das Mädchen durfte noch liegen bleiben. Und dann saßen wir am Küchentisch und hatten noch 25 lange Minuten, bis wir uns zur Schule aufmachen mussten. Ich hab dann Kerzen angemacht, ein schönes Frühstück zubereitet und für meinen Sohn so einen französischen Kellner gegeben. Ich habe mir richtig einen abgebrochen – und was macht mein Sohn? Guckt sich das fünf Sätze lang an und sagt dann: Mama, kannst du bitte aufhören mit dieser Stimme? Das war der einzige Satz, den er gestern Morgen zu mir gesagt hat. Das war vernichtend. Ich habe dann die Zeitung aufgeschlagen, und wir haben nebeneinander geschwiegen – was auch sehr schön war.

Ihr Mann ist ja Drehbuchautor – ist der für die Gute-Nacht-Geschichten zuständig?

Ja, er denkt sich immer Geschichten für die Kinder aus und erzählt sie ihnen dann, während ich nur vorlese.

Was für Drehbücher schreibt er?

Zum Beispiel „Die Müttermafia“, wovon der zweite Teil am 12. April im Zweiten läuft, den hat Johannes geschrieben.

Ihre eigenen schriftstellerischen Tätigkeiten konzentrieren sich mehr aufs Traumtagebuch.

Man muss sich das einfach hinlegen – manchmal reicht es, einen Satz aufzuschreiben, und dann fällt mir ganz viel wieder ein.

Seit wann führen Sie ein Traumtagebuch?

Ich mache das unregelmäßig. Es gibt Zeiten, in denen ich intensiver träume, und dann wieder welche, in denen nicht so viel los ist. Zurzeit habe ich das Gefühl, kaum zu träumen, sondern einfach nur zu schlafen, deshalb habe ich auch schon länger nichts mehr aufgeschrieben.

Haben Sie Traummotive, die immer wiederkehren?

Bei mir spielt sich viel auf Dächern ab. Meistens muss ich irgendwohin, weil ich vor jemandem auf der Flucht bin. Ich habe dann Siebenmeilenstiefel, aber immer auch die Angst, dass ich abstürze, wenn ich von einem Dach aufs andere springe.

Gibt’s auch einen Lieblingstraum?

Ja, einen sehr lustigen sogar. Den habe ich im Urlaub in Belgien geträumt, wo meine Schwester nach langer Zeit mal wieder neben mir im Bett geschlafen hat. Im Traum war ich in der Oper und musste als Sängerin einspringen. Mit einem Reclam-Heft in der Hand bin ich auf die Bühne gegangen und habe eine Arie gesungen: Wunderschön und glockenklar, die Leute sind zerflossen, die haben geweint. Und dann bin ich wach geworden in diesem Hotelzimmer von irgendwelchen total schrillen Heizungsgeräuschen und habe mich tierisch darüber geärgert, dass die mich aus diesem großartigen Traum gerissen haben. Neben mir lag meine Schwester, hat Tränen gelacht und sagte: Annette, was hast du geträumt? Ich bin von dieser Scheißheizung wach geworden, sagte ich – und sie: Welche Heizung? Und dann wurde mir langsam klar, dass mein glockenklarer Gesang und dieses extrem schrille Heizungsgeräusch ein und dasselbe waren (Annette Frier krümmt sich vor Lachen und macht ein Geräusch wie ein pfeifender Wasserkessel). Das war dann der Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit.

Tagträumen sind Sie aber auch nicht abgeneigt, oder?

Überhaupt nicht. Ich finde Träumen einfach super. Dösen ist für mich das Allerschönste, das habe ich in der Schwangerschaft ganz viel gemacht. Wenn ich mal einen Tag habe, an dem nichts zu tun ist, morgens wach werde, mich noch mal umdrehe und eine Dreiviertelstunde in so einem halb wachen Zustand bin, ohne Planungen, ohne Sorgen – das finde ich grandios. Nichts ist besser als das. Sobald ich mal Zeit habe, nichts machen muss und keiner was von mir will, kann ich sofort darin versinken. In Urlauben kann ich gut abdriften, dann bin ich nur sehr schwer ansprechbar. Auch wenn ich lese, braucht man mich überhaupt nicht anzusprechen, das hat meine Familie schon aufgegeben.

Sie haben mal gesagt, dass Sie morgens zwischen halb fünf und halb sieben am besten nachdenken können.

Ja, das stimmt. Ich wache um halb fünf auf und habe ganz klare, messerscharfe Gedanken. Um halb sieben ist alles wieder vorbei, dann müsste ich mich eigentlich wieder hinlegen. Dann ist aller kreativer Output weg. Danach ist von mir nix mehr zu erwarten.

Wachen Sie etwa regelmäßig so früh auf?

Nee, das sind Phasen. Aber ich habe zum Beispiel vor meinem 40. Geburtstag jeden Morgen zwei Stunden geschrieben.

Das könnte ja schon für ein Buch reichen.

Ja, ich habe wirklich fast ein Buch zusammengeschrieben. Ein bisschen wirr, aber gar nicht so schlecht. Es hat viel mit mir zu tun.

Beruflich werden Sie ja gerne mal auf Ihr Comedy-Image reduziert.

Das empfinde ich gar nicht mehr so. Natürlich bin ich eine Komödiantin mit Leib und Seele, aber das ist wirklich nur ein Teil des Berufes.

Ihr Stück „Eine Familie“ in Berlin ist ja auch eher lustig. Mussten Sie wegen des Theaters etwa auch Karneval in Berlin verbringen?

Ja, das war hart. Als die ganzen Girls, mit denen ich sonst immer an Weiberfastnacht losziehe, erfuhren, dass ich nicht zum vereinbarten Treffpunkt kommen werde, ließen die Beschimpfungen übers Handy gar nicht mehr nach.

Karneval habe ich in diesem Jahr als etwas sonderbar empfunden. In Braunschweig musste der Umzug wegen Terrorgefahr abgesagt werden, und in Köln hat man auf einen Motivwagen zu Charlie Hebdo verzichtet.

Da haben sich die Kölner wirklich nicht mit Ruhm bekleckert. Mich hat es sehr geärgert, dass man sich nicht klar dazu bekannt hat. Gerade der Karneval bietet doch die Möglichkeit, ganz klar Stellung zu beziehen. Normalerweise hat der Karneval die Botschaft „Alles geht“, deshalb hat mich dieser Rückzieher so enttäuscht. Das hat man in Düsseldorf beim Rosenmontagszug wesentlich mutiger umgesetzt als in Köln.

Wenn man sich vorstellt, es gelänge Terroristen tatsächlich, bei einem Karnevalsumzug eine Bombe hochgehen zu lassen...

Das wäre eine absolute Katastrophe. Aber eine Gesellschaft darf nicht mit Angst auf so etwas reagieren. Das ist eine Errungenschaft der Aufklärung, der Demokratie und von allem, was wir an Werten hochhalten. Da muss man dann auch Farbe bekennen.

Annette Frier

wird am 22. Januar 1974 in Köln als Tochter einer Lehrerin und eines Rechtsanwalts geboren. Sie wächst in der Domstadt zusammen mit zwei Schwestern, darunter die spätere Schauspielerin Caroline Frier, auf. Nach dem Abitur studiert sie von 1994 bis 1997 klassisches Schauspiel an der Kölner Theaterschule und wird noch während der Ausbildung von der Schauspielerin und Regisseurin Hannelore Hoger ans Kölner Schauspielhaus geholt, wo sie in der Inszenierung der „Kleinbürgerhochzeit“ mitwirkt.

Nach dem Studium wirkt sie in über 50 Folgen der RTL-Serie „Hinter Gittern – Der Frauenknast“ mit und macht sich in der Pro-Sieben-Reihe „Switch“ einen Namen als Comedy-Darstellerin. Im Jahr 2000 tritt sie die Nachfolge von Anke Engele in der populären Sat1-„Wochenshow“ an, es folgen die Krimireihe „SK Kölsch“ und die Comedy-Reihe „Schillerstraße“. Eine Paraderolle hat sie schließlich ab 2010 in der preisgekrönten und kürzlich erst eingestellten Sat1-Anwaltsserie „Danni Lowinski“. Komödiantisch angelegt ist auch „Die Mütter-Mafia“ im ZDF, in der Frier erstmals 2014 und am 12. April zum zweiten Mal zu sehen ist. Mehrfach wird sie mit dem Deutschen Comedypreis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet.

Immer wieder kehrt Annette Frier aber auch ans Theater zurück. 2004 und 2005 wirkt sie bei der Aufführung des mit dem Kölner Theaterpreis ausgezeichneten Stücks „Nora“ von Henrik Ibsen mit. Ihr Regiedebüt gibt sie 2008 im Kölner Theater im Bauturm mit einer selbst geschriebenen Bühnenfassung von Markus Werners Roman „Am Hang“. Anfang 2015 übernimmt sie zum ersten Mal eine Theaterrolle in Berlin und spielt im Theater am Kurfürstendamm eine der Hauptrollen in der rabenschwarzen und mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Komödie „Eine Familie“ von Tracy Letts.

Annette Frier ist seit 2002 mit dem Drehbuchautor Johannes Wünsche (Foto: Imago) verheiratet. Die beiden sind seit April 2008 Eltern von Zwillingen (Josefina und Bruno), die Familie lebt in Köln.