Sat.1 hat die Geschichte von Marco Weiss absolut preiswürdig verfilmt Großes Fernsehen

Von Joachim Schmitz | 21.03.2011, 12:57 Uhr

Bei der Vergabe der Grimme-Preise gingen die Privatsender letzte Woche leer aus. Das sollte sich beim nächsten Mal ändern. „Marco W. – 247 Tage im türkischen Gefängnis“ hat alles, was ein preisgekrönter Film braucht. Und läuft bei Sat.1.

„Nur eine Nacht, dann bist Du wieder bei uns“ – die Mutter des 17-jährigen Marco aus Uelzen versucht, ihrem Jungen Mut zu machen, als dieser vor dreieinhalb Jahren im türkischen Antalya wegen angeblicher Vergewaltigung einer 13-jährigen Engländerin festgenommen wird.

Ganz Deutschland weiß, dass es ganz anders kam: Der Prozess wurde immer wieder vertagt, der Schüler musste monatelang eine stickig-dreckige Sammelzelle im türkischen Knast mit Mördern und Fixern teilen. Sein Fall erschütterte die Nation und beschäftigte die Politik dreier Länder bis auf die höchste Ebene. Nun hat das Produzentenduo Ica und Michael Souvignier („Contergan“) die von Marco Weiss als Buch veröffentlichten Erinnerungen verfilmen lassen – herausgekommen ist einer der besten Filme, die Sat.1 je ausgestrahlt hat.

Das zeigen allein schon zwei Tatsachen: Auch wenn man als Zuschauer eigentlich weiß, was passieren wird, fesselt der Film von Minute zu Minute mehr. Und auch wenn er mit 110 Minuten Überlänge hat, vergeht die Zeit wie im Flug. Dafür gibt es gute Gründe: „Marco W.“ widersteht mit traumwandlerischer Sicherheit jedem Anflug von Schwarz-Weiß-Malerei, Kitsch und Klischee; er geht unter die Haut, ohne jemals rührselig zu sein; er zeigt prekäre Verhältnisse in der türkischen Justiz ohne einen Anflug von herablassender Türkenfeindlichkeit.

Der Film schildert Marcos Geschichte, er zeigt seine Sicht der Dinge, übernimmt aber nicht zwangsläufig Marcos Wahrheit. Ihm gelingt eine perfekte Balance zwischen den Leiden des jungen W. im Knast und denen seiner Eltern draußen, die das Drama fassungs-, aber nicht tatenlos erleben müssen.

Dabei kann sich Regisseur Oliver Dommenget auf ein brillantes Ensemble verlassen: Veronica „die Unvermeidliche“ Ferres gibt zwar einmal mehr die Mutter der Nation, agiert in ihrer Rolle als Marcos Mutter aber trotz allen Engagements angenehm zurückgenommen, nahezu ungeschminkt, überzeugend in jeder Szene. Herbert Knaup wiederum beeindruckt als Marcos Vater in seiner Zerrissenheit zwischen der Sorge um den Sohn und der Angst vor der Leukämie, die ihn bedroht.

Der Star dieses Films aber ist eindeutig der 23-jährige Marco-Darsteller Vladimir Burlakov, dem die Ferres prophezeit: „Die Zuschauer werden von ihm begeistert sein.“ Selten hat ein so junger Darsteller seine Rolle so authentisch und in jeder Szene mit dem richtigen Maß ausgefüllt. Das hat sich Burlakov auch von Marco Weiss bestätigen lassen, als dieser sich auf Malta ein Bild von den Dreharbeiten machte: „Es ist ein bisschen bizarr, wenn plötzliche derjenige auftaucht, den man spielt – das hat man ja nur bei den wenigsten Rollen“, sagt der in Moskau geborene und seit 1996 in München lebende Burlakov im Gespräch mit unserer Zeitung. „Als Marco die Dreharbeiten auf Malta besuchte, habe ich ihn gefragt: Erkennst Du Dich wieder? Und er meinte: Ja, so war es tatsächlich.“ Gerade wenn die beiden nebeneinander stehen, verblüfft aber auch die enorme äußerliche Ähnlichkeit – man könnte sie glatt für Brüder halten.

Burlakov spricht von einer „besonderen Verantwortung“, die er bei seiner Arbeit gespürt habe – „nicht nur für den Film, sondern besonders auch gegenüber Marco und seiner Familie.“ Entsprechend akribisch hat er sich in seine Rolle hineingearbeitet: „Das Buch von Marco habe ich ein paar Mal gelesen, dadurch hatte ich eine ganz klare Vorstellung von der Rolle. Man hätte mich morgens um fünf wecken können, und ich wäre sofort Marco gewesen...“

Sicher – es wird noch viele gute Filme geben in diesem Jahr. Aber ebenso sicher wird es bei der nächsten Vergabe der Grimme-Preise schwer werden, an Burlakov vorbeizukommen. Der hat übrigens gerade seine erste Erfahrung mit dem wichtigsten deutschen Fernsehpreis gemacht – er gehörte zur Besetzung von Dominik Grafs frisch ausgezeichnetem Russenmafia-Epos „Im Angesicht des Verbrechens“.

Von der Zusammenarbeit mit dem Erfolgsregisseur habe er eigentlich nur profitieren können, weiß der 23-Jährige: „Die Dreharbeiten mit Dominik Graf waren das kälteste Wasser, in das man mich werfen konnte. Bei ihm habe ich gelernt, wie das Drehen funktioniert. Zum Glück lerne ich wahnsinnig schnell.“

Marco W. – 247 Tage im türkischen Gefängnis,

Sat.1, Dienstag, 22. März 2011, 20.15 Uhr. Im Anschluss zeigt Sat.1 um 22.35 Uhr die Dokumentation

„Der Fall Marco W.“.