Pegida bei Jauch Kathrin Oertel von der Pegida talkt bei Günther Jauch

Von Daniel Benedict | 18.01.2015, 22:36 Uhr

Pegida-Sprecherin Kathrin Oertel ist zu Gast bei Günther Jauch. Nach monatelanger Scheu stellt die Pegida sich damit im Fernsehen erstmals der Presse.

„Politik trifft auf Protest“ lautet das Motto, unter dem Günther Jauch am Sonntag mit der Pegida-Sprecherin Kathrin Oertel spricht. Nachdem die Pegida sich monatelang den Fragen der Medien verweigert hat, findet damit eine Umkehr in der Öffentlichkeitsstrategie des Vereins statt. Oertels Entscheidung, gerade zu Jauch zu gehen, beründete sie vorab mit dem Live-Charakter des Talks. Der „werde verhindern, dass Aussagen zusammengeschnitten und falsch wiedergegeben würden“, zitiert der „Tagesspiegel“ die Pegida-Vertreterin. (Weiterlesen: „Auch Pegida muss vor Terror geschützt werden“ – Kommentar zur abgesagten Pegida-Demo.)

Mit wem diskutiert die Pegida-Frau Oertel bei Jauch?

Neben Kathrin Oertel, der Frau aus dem Pegida-Organisationsteam, hat Günther Jauch folgende Gäste zu seinem ARD-Talk eingeladen: Jens Spahn (CDU, Mitglied des Parteipräsidiums), Wolfgang Thierse (SPD, ehemaliger Präsident des Bundestags), Alexander Gauland (AfD, stellvertretender Parteichef) und Frank Richter (Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung).

Wie läuft der Talk?

„Nervosität, Unsicherheit, auch Angst“ – so beschreibt Günther Jauch die Stimmung, in der sein Talk vorbereitet wurde, – nachdem die montägliche Pegida-Demo wegen der Sorge vor einem Anschlag abgesagt wurde. Als ersten Gast begrüßt Jauch dann Kathrin Oertel – mit der Frage, wieso sie nun mit ihm spricht. Oertel: „Ich bin für die Leute hier, die in Dresden gewaltfrei und friedlich auf die Straße gehen und es verdient haben, objektiv dargestellt zu werden .“ Auf Jauchs Nachfrage, das sei auch früher schon möglich gewesen, verweist sie auf verfälschende Darstellungen.

Wer sind Sie, Frau Oertel?

Im Einzelgespräch gibt Jauch der Pegida-Vertreterin Gelegenheit, sich einem Publikum vorzustellen, das sie nicht aus Dresden kennt. „Ich bin eine ganz normale Frau aus dem Volk, freiberuflich tätig; ich habe drei Kinder“, antwortet Oertel. Zu Pegida gekommen sei sie, weil sie zwar lange politisch interessiert gewesen sei; es habe aber „nie eine Partei gegeben, der ich beitreten wollte.“ Was sind ihre Ziele? „Pegida will eigentlich wachrütteln“, sagt Oertel. „Wir wollen auf die Defizite hinweisen, die durch unsere Regierung entstanden sind und mit denen wir leben müssen.“ Die Tausenden, mit denen gemeinsam Oertel in Dresden demonstriert, nennt sie „ganz normale Menschen, die aus dem Volk heraus demonstrieren wie Sie und ich.“ Jauch: „Wie ich nicht.“ (Weiterlesen: Alle Hintergründe zum Pegida-Demo-Verbot wegen der Bedrohungslage.)

Macht sich die Pegida unglaubwürdig?

Wie vertragen sich die Null-Toleranz-Parolen der Pegida mit der kriminellen Vorgeschichte des Vorsitzenden Lutz Bachmann? Schaden die Hetzer, die auf Pegida-Demos mitlaufen, der Sache? Auf diese Fragen Jauchs antwortet Oertel mit den Cannabis-Pflanzen auf Cem Özdemirs Balkon und Joschka Fischers Demo-Vergangenheit: „Jeder hat eine zweite Chance verdient.“ Gegen Stammtischparolen von Pegida-Demos, die Jauch einblendet, grenzt Oertel sich ab: „Man kann nicht sagen, dass Migranten nicht zu Deutschland gehören. Pegida ist nicht ausländerfeindlich“, sagt sie und bekennt sich zur Einwanderung und besonders zur Aufnahme von Flüchtlingen. Mehrfachstraftäter aber gehörten ausgewiesen.

Was sagt Wolfgang Thierse? (SPD)

Der ehemalige Bundestagspräsident Thierse verhält sich tatsächlich präsidial, indem er in Richtung Pegida Grundsatzbotschaften sendet: „Demokratie verlangt Geduld“, sagt er und: „Wünsche artikulieren ist berechtigt, aber es ist noch keine Politik.“ Mit Oertels Wunsch nach mehr direkter Demokratie zeigt Thierse sich einverstanden. Energisch wird er, wenn er der Pegida das Recht an der Parole „Wir sind das Volk“ abspricht – weil die Bewegung in Deutschland mehrheitlich abgelehnt werde. Und weil der Kampfruf gegen die DDR-Dikatur nichts mit der Debatte in einer Demokratie zu tun habe. Oertel nimmt für sich in Anspruch, die tabuisierten Themen des Politikbetriebs anzusprechen. Nur deshalb, klagt sie, werde sie als „Nazi-Schwein“ diffamiert. Thierse reagiert er schlagfertig. Er selbst bekomme, offenbar aus dem Pegida-Umfeld, Briefe des Inhalts: „Leute wie Sie sollte man aufhängen.“

Was sagt Jens Spahn (CDU)?

Aus dem CDU-Präsidium erreichen Oertel pragmatischere Töne: „Wie kommen wir wieder in Dialog miteinander?“, fragt Jens Spahn und regt an, man solle sich „zusammen hinsetzen und die 19 Punkte durchgehen“, in denen die Pegida ihre Anliegen zusammenfasst. Zugleich zweifelt Spahn allerdings: „Geht es nur um die 19 Punkte? Wir haben gerade ein Schild ’GEZ abschaffen‘ gesehen“, sagt er, nachdem Jauch Bilder von einer Pegida-Demo eingespielt hatte. Spahn bemüht sich, die Größe der Demonstration kleinzureden, nennt immer wieder die niedrigste Schätzung, nach der 18.000 und nicht 25.000 Pegida-Anhänger in Dresden auf die Straße gehen, und fragt rhetorisch: Wie viele der vermeintlich von der Politik im Stich gelassenen Bürger seien wohl schon mal zur Bürgersprechstunde ihres Abgeordneten gegangen? Wir sind doch für die Bürger da, will Spahn damit sagen. Oertel lässt sich davon nicht beeindrucken. Sie bleibt dabei, dass die Pegida-Anhänger sich nicht von der Poitik vertreten fühlen. Und in der sächsischen Wahlbeteiligung hat sie dafür sogar ein anschauliches Argument. (Was sagt der Ur-Dresdener Wolfgang Stumph zur Debatte – sein Statement gegen die Pegida.)

Oertel hat AfD gewählt

Sie sei einmal eine klassische FDP-Wählerin gewesen, sagt Oertel und betont zugleich die unparteiliche Ausrichtung der Pegida. Bei der letzten Wahl habe allerdings die AfD ihre Stimme bekommen. Der stellvertretende AfD-Chef Alexander Gauland bedankt sich dafür, indem er sich die These von der Islamisierung des Abendlandes zueigen macht. Dass die Pegida-Demo aus Angst vor islamistischen Anschlägen abgesagt wurde, nennt er den Beginn davon. Jauch untergräbt den Gedanken später, indem er den geringen Anteil von Muslimen an Sachsens Bevölkerung zitiert– und fragt, wieso die Pegida überhaupt auf die Straße gehen muss. Oertel antwortet mit dem unwiderlegbaren Satz: „In Deutschland wird auch gegen die Abholzung des Regenwaldes demonstriert, obwohl es bei uns keinen Regenwald gibt.“

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