Neu im Kino Hochbegabt und tiefbegabt: „Rico, Oskar und die Tieferschatten“

Von Daniel Benedict | 11.07.2014, 19:09 Uhr

Zwei Kinder schnappen einen Entführer – und werden dicke Freunde. Neele Vollmar verfilmt mit Geschick und guten Schauspielern Andreas Steinhöfels Kinderkrimi „Rico, Oskar und die Tieferschaften.

Zwei Jungs auf den Spuren von Kalle Blomquist: Im ersten Band von Andreas Steinhöfels Kinderbuch-Reihe kriegen Rico und Oskar es mit einem Finsterling der Sonderklasse zu tun: Mister 2000, ein Kindesentführer, der seinen Namen von der preiswerten Lösegeldforderung hat. 2000 Euro will er haben. Wer selbst dafür zu geizig ist, kriegt sein Kind etappenweise wieder. Ganz Berlin ist in Aufregung. Aber bis dem miesen Gangster das Handwerk gelegt ist, muss erst der Grundstein einer großen Freundschaft gelegt werden. Der von Rico und Oskar nämlich, zwei höchst ungleichen Jungs: Oskar ist hochbegabt. Und Rico? „Tiefbegabt.“

Nicht alle drücken das so freundlich aus: Fitzke etwa, der übellaunige Nachbar von oben, nennt Rico schlicht schwachsinnig. Die Zwillinge im Haus treiben sogar den hässlichsten Spott mit ihm. Rico ficht das nicht an. Er weiß, dass seine Gedanken zwar langsamer sind als bei andern; aber er hat sich darauf eingestellt und alle möglichen Tricks auf Lager, mit denen er den Alltag bewältigt.

Ein Freundschaftsroman über ein geistig behindertes Kind wäre vor 30 Jahren höchstwahrscheinlich ein mahnendes Problembuch geworden. Wie haben sich doch die Zeiten geändert! Andreas Steinhöfel packt zwar noch eine ganze Reihe weiterer düsterer Motive in seine Geschichte, aber trotzdem bleibt „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ ein fröhlicher Unterhaltungsroman. Einsamkeit und Vernachlässigung, prekäre Familienverhältnisse und Krebs werden hier nie zur erdrückenden Last. Auch gravierende Widerstände sind für Rico schlicht Teil einer aufregenden Wirklichkeit, zu der auch Freundschaft, Geborgenheit, Abenteuer und triumphale Selbstüberwindung gehören.

In ihrer Verfilmung trifft Regisseurin Neele Vollmar („Maria, ihm schmeckt’s nicht“) stilsicher den optimistischen Tonfall der Vorlage. Für Steinhöfels erzählerische Tricks und Sprachspiele findet sie Entsprechungen, indem sie Ricos Orientierungslosigkeit mit albtraumartigen Straßenschild-Labyrinthen illustriert oder die Handlung für lexikografische Miniaturen unterbricht, die Begriffe wie „Schwerkraft“ und „Depression“ erklären.

 Wie war der Dreh mit Kindern? Hier geht‘s zum Interview mit Karoline Herfurth. 

Mit den Nebenfiguren versammelt der Film ein Who’s who des deutschen Films – von Karoline Herfurth in ihrer ersten Mutterrolle über Axel Prahl und Milan Peschel bis hin zu Katharina Thalbach. Die Hauptrollen übernehmen zwei unübersehbar begabte Kinderdarsteller: Anton Petzold und Juri Winkler. Genau darin liegt auch die einzige Übersetzungsschwierigkeit: Das Buch wird von einem ewig unterschätzten Behinderten erzählt, der sich als verblüffend selbstständig erweist und am Ende mehr leistet, als er selbst sich zugetraut hat. Anton Petzold dagegen traut man von Anfang an alles zu.

Rico, Oskar und die Tieferschatten“. D 2013. R: Neele Vollmar. D: Anton Petzold, Juri Winkler, Karoline Herfurth, Axel Prahl. 96 Minuten, ohne Altersbeschränkung. Cinema-Arthouse, Cinestar, Filmpassage.