Nach 145 Folgen stellt RTL die „Super-Nanny“ ein – einvernehmlich, wie es heißt Erziehungsarbeit abgeschlossen

Von Corinna Berghahn | 27.11.2011, 14:31 Uhr

Prügelnde Eltern, vernachlässigte Kinder, Tränen und ein Defizit an konsequenter Erziehung: Das war das Schlachtfeld der Super-Nanny Katharina Saalfrank. Jetzt hört sie auf – und erhebt angeblich böse Vorwürfe gegen ihren ehemaligen Haussender RTL.

Problemkind Michel aus Lönneberga ist ein Tierquäler, verfütterte er doch die eingelegten Kirschen der Mutter ans Hausschwein. Und dann plant er auch noch, seine Schwester Ida am Fahnenmast aufzuhängen. Gut, dass die Super-Nanny da ist und dem Bengel wie dem Vater ins Gewissen redet! Nein, ganz so war es natürlich nicht – weder bei Astrid Lindgren noch bei der Reihe „Super-Nanny“. Die Episode entspringt der Pro-Sieben-Sendung „Switch Reloaded“. Aber das Prinzip der „Super-Nanny“ wird in der Satire glasklar dargestellt: Gab es in einer Familie Probleme, entsandte RTL seit Herbst 2004 die Diplompädagogin Katharina, genannt Katia, Saalfrank. Sie sorgte dann für Ordnung. Mal wurden dafür kreischende Kinder auf die „stille Treppe“ verwiesen, mal wurde den Eltern klargemacht, dass eine Kommunikation auf Augenhöhe besser funktioniert, als von oben herab zu ihren Sprösslingen zu reden.

Das war nicht die Neuerfindung des erzieherischen Rades, kam bei den Zuschauern – wohl aus Schadenfreude, es zu Hause selbst besser zu machen – aber ungemein gut an: Die erste Staffel erreichte laut RTL im Durchschnitt 24,1 Prozent Marktanteil beim jungen Publikum zwischen 14 und 49 Jahren. Die letzte Staffel lag immer noch bei 17,2 Prozent. Zudem wurden Begriffe wie die „stille Treppe“ schnell zu geflügelten Worten im Sprachallgemeingut. 2007 gewann Saalfrank den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie „Bester TV Coach“.

Doch es gab auch massive Kritik: Die Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten (KJM) stufte die Sendung als sehr problematisch ein, da nicht auszuschließen sei, dass einzelne Kinder nach Ausstrahlung der Sendung von ihrer Umwelt stigmatisiert würden. 2010 verhängte die KJM ein Bußgeld in Höhe von 30000 Euro, weil in einer Folge ein Mädchen mehrfach von seiner Mutter vor laufender Kamera geschlagen wurde, ohne dass jemand eingegriffen hätte. Auch der Deutsche Kinderschutzbund forderte immer wieder die Einstellung der Sendung – und kann sich seit dem Wochenende freuen.

RTL hat die Bitten erhört; nun müssen deutsche Familien wieder selbst für Frieden im Heim sorgen. Über die Gründe für das Ende der Sendung gibt es verschiedene Ansichten. Da wäre einmal die Darstellung des Senders. In einer Pressemitteilung spricht der Leiter des Bereichs Comedy & Real Life, Markus Küttner, davon, dass die Sendung „trotz noch immer respektabler Quoten unübersehbar in einer Reifephase angekommen“ sei und man deshalb „gemeinsam mit Katia Saalfrank beschlossen“ habe, keine neuen Folgen mehr zu produzieren.

Auch Saalfrank selbst bedankt sich in dem Schreiben „für die gute, vertrauensvolle Zusammenarbeit“. Zudem betonte die 40-Jährige die Authentizität der Serie: „Ich bin dankbar, dass wir mit ,Die Super-Nanny‘ über Jahre hinweg ein erfolgreiches, nicht gescriptetes Reality- Format etabliert haben.“ Ende gut, alles gut?

Wohl nicht ganz. Denn laut „Spiegel Online“ habe nicht RTL, sondern Saalfrank die Zusammenarbeit beendet. Die Webside bezieht sich auf eine „interne Mail an RTL-Verantwortliche“, in der sich Saalfrank beklage, dass die erzieherischen Inhalte des Fernsehformats in diesem Jahr „massiv in den Hintergrund“ gedrängt worden seien. Und weiter: „In meine Arbeit als Fachkraft in diesem Format wurde extrem [...] und teilweise sogar gegen pädagogische Interessen eingegriffen.“ Verantwortlich mache sie dafür die „Entwicklung des medialen Markts“ hin zu „gescripteter“ Realität. Gemeint ist damit das vermeintlich spontane Agieren der Protagonisten nach Drehbuch oder kurz gesagt: Laientheater. Saalfranks Fazit laut „Spiegel Online“: „Das komme für sie nicht mehr infrage.“

Auf Nachfrage unserer Zeitung wollte man sich bei RTL nicht zu dem „Spiegel-Online“ Bericht äußern, und auch Saalfrank war gestern nicht zu erreichen. Schon im vergangenen Sommer hatte die Diplompädagogin im Gespräch mit unserer Zeitung von der Schwierigkeit gesprochen, ein unterhaltendes Fernsehformat und ihre pädagogische Arbeit miteinander zu vereinbaren. Es sei „eine absolute Gratwanderung, mit der Kamera eine so sensible Arbeit zu begleiten“. Zuletzt scheint diese Gratwanderung nicht mehr geklappt zu haben.