Montag, Das Erste, 22.25 Uhr Überragende ARD-Doku: „Sicherheit außer Kontrolle“

Von Hendrik Steinkuhl | 13.02.2017, 06:30 Uhr

Die Zahl privater Sicherheitsdienste in Deutschland wächst, doch damit wachsen auch die Probleme mit dieser kaum reglementierten Branche. Die ARD-Doku „Sicherheit außer Kontrolle“ deckt Punkt für Punkt auf, was im Security-Gewerbe alles falsch läuft.

Im November 2015 verprügelte der für den VfL Osnabrück tätige Sicherheitsdienst-Mitarbeiter Konstantin S. einen Fan der Gegnermannschaft derart brutal, dass er dafür zu 16 Monaten Haft verurteilt wurde. Der Fall sorgte über die Region hinaus für Entsetzen – schließlich war der Mann, der für Sicherheit sorgen sollte, achtmal wegen Körperverletzung und gefährlicher Körperverletzung vorbestraft. 

Dieser widerwärtige Einzelfall fehlt der ARD-Reportage „Sicherheit außer Kontrolle“ zwar, doch das macht sie kein bisschen schlechter. Dass im Security-Gewerbe eigentlich alles falsch läuft, zeigt der Film von Gudrun Thoma und Sebastian Schütz absolut präzise. So beginnt die Dokumentation mit einem Fall aus Villingen-Schwenningen, wo im vergangenen Jahr Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes eine Handgranate (die nicht explodierte) vor die Wach-Hütte eines anderen Sicherheitsdienstes warfen, der ausgerechnet vor einem Flüchtlingsheim seinen Dienst tat. Es handelte sich dabei um eine Fehde zwischen zwei konkurrierenden Sicherheitsdiensten. So also kämpft man um Aufträge in einer Branche, die ihr Personal vorwiegend aus dem Türsteher-Milieu rekrutiert. Doch wenn ein Gewerbe derart degeneriert ist, trägt dafür natürlich auch der Staat Verantwortung. „Die Bedingungen, um in Deutschland ein Sicherheitsgewerbe zu eröffnen, sind leider lächerlich niedrig“, sagt Experte Stefan Leukert.

Einstieg ohne weiße Weste

Eine Haftpflichtversicherung mit ausreichender Deckung und ein sauberes polizeiliches Führungszeugnis reichen – wobei der Osnabrücker Fall zeigt, dass der Berufseinstieg auch ohne weiße Weste gelingt. Für eine knallharte Kontrolle ihrer Mitarbeiter sind die Sicherheitsdienstleister in Deutschland nicht bekannt, auch das zeigt die Dokumentation. Ach ja: Für den Job im Sicherheitsgewerbe ist ein Sachkundenachweis nötig, den man bei einem Lehrgang der Industrie- und Handelskammer in fünf Tagen erwerben kann. Die Reportage zeigt, dass es aber auch deutlich leichter geht: Im Internet gibt es Fälschungen für neun Euro. Und von denen wird offenbar auch regelmäßig Gebrauch gemacht.

Die Autoren der Reportage machen das einzig Richtige und versuchen gar nicht erst, den katastrophalen Gesamteindruck der Sicherheitsbranche anders darzustellen, als er ist: katastrophal eben. Der Text des Off-Sprechers ist an Deutlichkeit nicht zu überbieten, zuweilen wird er auch – und mit voller Berechtigung – hämisch. Ein Beispiel: Die EU-Kommission hatte die Bundesrepublik Deutschland verklagt, weil die Sicherheitskontrollen an Flughäfen hierzulande bei Weitem nicht ausreichen. Nach kurzer Zeit ließ die Kommission die Klage dann aber wieder fallen – laut einer Erklärung des Bundesinnenministeriums gegenüber den Filmemachern, weil man erläutert habe, wie Deutschland das Problem in Zukunft ändern will. „Schön, dass wir mal darüber geredet haben“, heißt es dazu aus dem Off.

Dass völlig unterbezahlte und schlecht bis gar nicht geschulte Sicherheitsdienste im Auftrag der Bundespolizei in Deutschland Flughäfen kontrollieren, ist ein Skandal. Wie groß der ist, zeigt übrigens das aktuelle ARD-Radiofeature „Bombensicher?“, in dem dokumentiert wird, wie leicht Waffen ins Flugzeug geschmuggelt werden können. Aber die Bundesregierung hat der EU ja versichert, das sich etwas ändern wird. Bald. Ganz bestimmt.