Mit Sex-Appeal vor Emma Peel Deutschlands erste TV-Ermittlerin: Kai Fischer eroberte den Bildschirm

Von Harald Keller | 25.07.2012, 16:19 Uhr

Sie sauste im offenen Sportwagen durch München, überlistete Übeltäter und war der Polizei regelmäßig einige Schritte voraus: Kai Fischer bewies bereits 1963, dass sich Frauen im Krimigenre bestens behaupten können.

Auch der „Spiegel“ kann mal irren. 1967 notierte das Hamburger Nachrichtenmagazin, dass Emma Peel aus der britischen TV-Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“ das „männliche Monopol der Verbrecherbekämpfung“ gebrochen habe. Für Großbritannien galt das schon mal gar nicht, und auch in der Bundesrepublik hatte die in jeder Hinsicht schlagfertige Agentin eine nicht minder patente Vorgängerin: Kai Fröhlich aus der Serie „Die Karte mit dem Luchskopf“.

Die Premiere ereignete sich zwei Tage nach Start des Zweiten Deutschen Fernsehens im April 1963. Weil das ZDF stärker als die Kollegen von der ARD auf Werbegelder angewiesen war, musste das Vorabendprogramm möglichst attraktiv ausfallen. Eigenproduktionen der Redaktion „Kleines unterhaltendes Spiel“ und Importserien wechselten einander ab. Dabei achtete man auf einheitliche Programmfarben: Der Montag war Abenteuerstoffen vorbehalten, der Mittwoch dem Krimi, am Freitag gab es Familienserien.

Zwar waren die vorwiegend in den USA eingekauften Serien den deutschen in Sachen Budget, Technik und Star-Besetzung um einiges voraus. Aber Wolf Neumeister, Alleinautor von „Die Karte mit dem Luchskopf“, und der kinoerfahrene Regisseur Hermann Kugelstadt wussten derartige Defizite mit Witz und Einfallsreichtum wettzumachen – und mit dem Charme der Hauptdarstellerin Kai Fischer, die selbst die Idee zu der Serie geliefert hatte. Ihres Aussehens wegen war Kai Fischer im Kinofilm lange Zeit zumeist in frivolen Rollen zu sehen. Das ZDF bot der Schauspielerin Gelegenheit, auch andere Facetten zu zeigen.

Als Kai Fröhlich ist sie Inhaberin der Münchner Detektei Luchs. Keine alltägliche Erscheinung in einer Zeit, in der Frauen noch die Genehmigung ihrer Ehemänner benötigten, wenn sie einer Arbeit nachgehen wollten. Und nur wenige Jahre zuvor hatte ein deutsches Oberlandesgericht geurteilt: „Zu dem Leben der Frau gehört von jeher, auch heute noch, die hauswirtschaftliche Tätigkeit. Sie ist aus dem Leben der Frau nicht fortzudenken.“

Kai Fröhlich besitzt Intellekt genug, sich ein Arbeitsleben ohne hauswirtschaftliche Verpflichtungen vorzustellen. Und sie weiß ihre Pläne pfiffig umzusetzen: Um die damals noch allgegenwärtigen Vorbehalte gegen selbstständige Frauen auszuhebeln, erfindet sie einen Firmeninhaber namens Luchs. Sie selbst tritt gegenüber ihren Klienten als Sekretärin auf und nimmt stellvertretend Aufträge entgegen, die sie mit Geschick, Verve und Chuzpe dann freilich selbst erledigt. Häufig ermittelt sie verdeckt und nimmt dabei die unterschiedlichsten Rollen ein – für ambitionierte Schauspieler ein perfektes Szenario.

Der Sex-Appeal der Heldin ist offensichtlich und bleibt nicht unangesprochen. Immer wieder aber wird der männliche Blick mit Intelligenz, Mutterwitz und oft auch handgreiflich unterlaufen. Manch ein großspuriger alter Knabe erfährt unter Schmerzen, dass sein Geschlechterbild nicht mehr der Wirklichkeit entspricht.

Im Hintergrund wirkt Kais Tante Viktoria von Porschwitz (Ursula Herking). Wenn sie mit rauchiger Stimme übers Telefon oder über eine Gegensprechanlage allzu hartnäckige Anrufer anherrscht, glauben die, den ominösen Herrn Luchs zu hören, und geben rasch klein bei. Auch diese Viktoria ist eine ungemein fortschrittliche Person. Sie heckt immer neue technische Spielereien aus; Tüftler Major Boothroyd alias Q aus den frühen Bond-Filmen fände in ihr eine interessierte Gesprächspartnerin.

Leider blieb die Krimiproduktion des ZDF nicht auf diesem Niveau – in späteren Serien wie „Der Kommissar“ wurden Frauen wieder in die zweite Reihe verwiesen; der sogenannte „Freitagskrimi“ blieb bis vor Kurzem eine Männerdomäne.

Umso erstaunlicher, was 1963 mit der Serie „Die Karte mit dem Luchskopf“ gewagt und geleistet wurde. Aus jetziger Warte – die Serie ist bei Pidax auf DVD erhältlich – gibt es zudem interessante Begegnungen. Unter den Episodendarstellern sind unter anderen der spätere „Bergdoktor“ Gerhard Lippert – hier mal als Schurke – und Kathrin Ackermann, heute gelegentlich neben ihrer Tochter Maria Furtwängler in Hannoveraner „Tatort“-Folgen zu sehen.