"Unser Schloss war dekadent" Michael Patrick Kelly im Interview über sein Leben

Von Marcus Tackenberg | 03.08.2019, 09:53 Uhr

Wer sich mit Michael Patrick Kelly unterhält, dürfte angenehm überrascht sein, wie höflich, ehrlich und selbstreflektiert der 41-jährige Musiker daherkommt. Keine Spur von Arroganz und Starallüren. Im Gegenteil, das drittjüngste Mitglied der legendären Kelly Family, die in den 70er- und 80er-Jahren singend durch die Fußgängerzonen zog, bevor sie in den Neunzigern zu einem weltweiten Phänomen wurden, ist sofort beim „Du“ – wie ein Kumpel von nebenan. Authentisch und durchaus selbstkritisch beantwortet er im Interview Fragen zur Vergangenheit.

Michael, du hast mit 41 Jahren schon ein sehr bewegtes Leben wie eine Achterbahnfahrt hinter dir. Was war in all den Jahren dein Kompass, an dem du dich immer ausrichten konntest?

Gute Frage. Ich habe tatsächlich einen Lebenslauf mit einigen Extremen hinter mir, mit Ups and Downs. Verleger bitten mich immer wieder, ein Buch über mein Leben zu schreiben. Ich finde, eine Autobiografie mit 41 Jahren zu schreiben ist zu früh. Aber ich muss zugeben, dass es bisher tatsächlich ein sehr außergewöhnlicher Lebenslauf war. Mein Kompass bis Anfang 20 war mein Vater, er war mein Nordpol, an dem ich mich orientieren konnte. Danach habe ich den Glauben entdeckt, der wurde in gewisser Weise wie mein Navi.

Warum bist du mit 26 Jahren in einen Klosterorden eingetreten?

So wie Jesus sagte „Wer sich verliert, wird sich finden“, wollte ich meine wahre Identität finden, denn als Künstler läuft man Gefahr, in Illusionen, Fantasien oder einem Image von sich selbst zu leben. Wenn du in der Öffentlichkeit stehst, bilden sich die Leute oft eine Meinung über dich, obwohl sie nur Bruchteile davon mitkriegen, wer du wirklich bist. So entsteht ein Bild von dir in der Welt da draußen und formt einen Erwartungsdruck. Ich wollte kein „Image“, sondern mein Wahres „Ich“ entdecken, den Sinn des Lebens finden und Gott näher kommen.

Hast du heute das Gefühl, dass du von Bravo und anderen Medien missbrauchst wurdest?

Berechtigte Frage. Ich glaube, dass Jugendzeitschriften genau wissen, wie man die Kids in ihren Sehnsüchten abholt. Da wird bei den Boybands sehr viel mit ersten Liebesgefühlen gespielt. Oft wird das Alter der Jungs jünger angegeben. Die Beziehung zwischen Fan und Künstler wird so sehr gepflegt, dass eine Art Abhängigkeit beim Fan entstehen kann. Mein Vater war in diesem Punkt sehr kritisch, ich habe zum Beispiel als Teenager kaum Interviews und bis zu meinem 16. Lebensjahr auch keine Autogramme geben dürfen, damit mir der Hype nicht zu Kopf steigt. Im Nachhinein bin ich ihm dankbar dafür. Ich glaube, dass das ein oder andere Vorgehen in dieser Branche durchaus mit dem Wort Missbrauch und Manipulation verbunden werden kann.

Wie hast du den Tod deines Vaters 2002 verkraftet?

Ich hatte schon sehr früh meine Mutter verloren, als ich fünf Jahre alt war. Fast 20 Jahre später starb meinen Vater. Ich hatte mich bis dahin schon drei bis vier Jahre intensiv mit dem Glauben beschäftigt, sodass ich eine neue Orientierung fürs Leben und eine Klarheit hatte. Für mich hat der Tod nicht das letzte Wort, ich glaube daran, dass es in einer anderen Form weitergeht. Subjektiv gesehen war der Tod meines Vaters schmerzhaft, objektiv gesehen habe ich mich für ihn gefreut, weil es auch eine Erlösung von einem monatelangen Leidensweg war.

Wie müssen wir uns dein Leben im Kloster vorstellen?

Die ersten Monate waren schwierig, weil es eine große Umstellung war. Allein jeden Morgen um 6 Uhr morgens aufzustehen war für mich als Musiker eine Katastrophe. Das Klosterleben ist ein sehr geregelter Livestyle, du hast fixe Mahlzeiten, fixe Gebetszeiten, Studienzeiten und Aufgaben. Über den Tag verteilt habe ich vier bis fünf Stunden gebetet, davon die Hälfte in kompletter Stille. Andererseits habe ich Philosophie und Theologie studiert. Daneben gab es manuelle Tätigkeiten, ich habe zum Beispiel in der Töpferei gearbeitet. Als ich für den Müll eingeteilt wurde, habe ich die Mülltrennung im Kloster eingeführt.

Typisch deutsch…

(lacht) Ja. Im Kloster waren 25 verschiedene Nationalitäten versammelt. Viele kamen aus Afrika, Südamerika und Asien, wo die Mülltrennung nicht so gut organisiert ist wie in Deutschland. Ich habe einen Vorschlag gemacht, und seitdem gibt es dort Mülltrennung.

Welche Erinnerung hast du an deine Kindheit, als ihr als Hippies durch ganz Europa gezogen seid?

Ich würde meine Kindheit als positiv beurteilen. Anfangs durfte ich nicht immer mit, ich war noch zu jung, war sehr traurig und habe geheult. Für mich war das Leben unterwegs ein Abenteuer, für die älteren Geschwister war es mehr harte Arbeit, sie trugen die Verantwortung. Auf der Straße Musik zu machen ist nicht bequem. Es kann regnen, oder das Ordnungsamt schickt die Polizei vorbei, es ist ein unstabiles Leben und ein unstabiles Einkommen. Aber man hatte einen sehr starken Zusammenhalt. Ich habe das Musizieren mit meinen Geschwistern geliebt. Deswegen habe ich mir irgendwann Sachen einfallen lassen, Showeinlagen und Moderation, um unverzichtbar zu werden. So durfte ich ab 12 Jahren dann öfter mit.

Du warst als der Drittjüngste derjenige, der die Auftritte moderierte?

Ja. Ich kann mich sogar noch an einen Auftritt in der Fußgängerzone von Osnabrück erinnern.

Wie bitte?

Es gab dort ein Geschäft, das einen herrlichen alten Kronleuchter verkaufte. Mein Vater war ja auch mal Antiquitätenhändler, und immer wenn wir etwas Schönes gesehen haben, haben wir Fotos davon gemacht, ihm davon erzählt und manchmal sogar eine Sache gekauft. In Osnabrück erstanden wir den Kronleuchter. Ich habe auf fast allen Fußgängerzonen Deutschlands gespielt, aber ich kann mich nicht an alle erinnern. Wenn es allerdings so außergewöhnliche Ereignisse gab, bleiben die in Erinnerung.

Warst du damals froh, dass du nicht zur Schule musstest, oder vermisst du diese Phase?

Mein Vater war ein großer Befürworter von Hausunterricht, in den USA war er bereits in der Homeschool-Bewegung engagiert. Deswegen hat er uns nicht in die Schule geschickt, ich habe bis heute keinen Schulabschluss. Ich glaube, dass mir Schule für den sozialen Umgang gutgetan hätte, damit man sich nicht immer im Kreis dreht und lernt, beständige Freundschaften aufzubauen. Ich hatte damals ja keine permanente Adresse, nicht einmal Brieffreundschaften konnte ich richtig pflegen. Es wäre schön, Freunde zu haben, die man von klein auf bis heute kennt.

Da schwingt Wehmut mit…

Vielleicht stelle ich mir das auch zu idealistisch vor. Andererseits, ich weiß noch, wie ich immer auf das Schulende gewartet habe, weil dann die Kinder aus dem Dorf oder wo auch immer ich war, zum Campingplatz kamen, um mit mir zu spielen. In England war ich in den 90er-Jahren mal auf einer Schul-Tournee. Das war erschreckend. Wie in dem Pink-Floyd-Video zu „Another brick in the wall“ wurden die Kids richtig gedrillt. Und es gab eine Schuldirektorin, die so streng war, dass ich richtig Angst gekriegt habe.

Ihr habt ganz unterschiedliche Domizile bewohnt: Einen Bus, ein Schiff und ein Schloss. Wo hast du dich am wohlsten gefühlt?

Das Hausboot war super.

Warum?

Ich hatte eine eigene Koje, das war sozusagen mein erstes eigenes Zimmer. Dieser Lebensstil in Amsterdam auf dem Hausboot war cool. Die Nachbarn wohnten auch auf Booten, es war abenteuerlich. Manchmal ging es auch mit dem Schiff raus aufs Meer, das hat richtig Spaß gemacht. Der Bus war auch cool, aber zu klein, man hatte wenig Platz für sich. Das Schloss war mir hingegen viel zu groß. Und, wie ich zugeben muss, dekadent.

Inwiefern?

Schloss Gymnich wurde für mich irgendwann zu einem goldenen Käfig. Ich habe dort nicht gern gelebt. Anfangs fühlte man sich geschmeichelt, eine eigene Suite zu bewohnen. Das Schloss war ja das ehemalige Staatsgästehaus der Bundesrepublik, die Queen, Breschnew und Reagan waren alle da. Ich bewohnte die Karl-Gustav-Suite, benannt nach dem König von Schweden. Man fühlt sich halt auch wie ein König darin, aber es war definitiv eine Nummer zu groß. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Michael Schumacher, er stammt ja aus Kerpen in der Nähe. Er überlegte ebenfalls, das Schloss zu kaufen, aber ihm waren die laufenden Kosten zu hoch. Ich glaube, er hat die richtige Entscheidung getroffen und wir die falsche.

Für dich läuft es musikalisch hervorragend. Würdest du sagen, dass du im Moment deine glücklichste Zeit erlebst?

Eindeutig ja, sowohl beruflich als auch privat. Vor 20 Jahren war das Musikmachen stressiger, weil ich der musikalische Leiter und Produzent der Family Band war. Heute genieße ich eine große künstlerische Freiheit und habe mich auch bewusst gegen eine Wiedervereinigung mit meinen Geschwistern entschieden, um mich als Solokünstler weiterzuentwickeln. Die Leute lieben zwar Nostalgie und die alten Songs, das ist auch schön. Aber ich wäre nicht ehrlich zu mir selbst gewesen. Neue Musik zu schaffen ist für mich eine innere Notwendigkeit. Ich will nicht, dass Geld meine Entscheidungen lenkt. Freiheit ist für mich zum Beispiel ein viel höherer Wert.

Haben deine Geschwister das akzeptiert?

Ich glaube, es war schwierig für sie. Nur sechs von neun haben sich für die Wiedervereinigung zusammengefunden. Aber Verständnis und Respekt für die unterschiedlichen Wege ist uns allen wichtig, denke ich.

Was bedeutet Heimat für dich?

Ich habe kulturell gesehen keine Wurzeln. Ich bin zwar in Irland geboren, bin irisch-amerikanisch, aber ich war ja in Holland, in Frankreich, in Spanien, in Deutschland, in Belgien, in Irland und USA zu Hause. Heimat sind die Menschen, die ich liebe. Ein anderes Heimatgefühl habe ich zudem auf spiritueller Ebene für mich finden können. Aber wenn ich ein Land nennen müsste, wäre Irland meine Heimat.

Was ist denn so typisch irisch an dir?

Die Iren sind sehr offen, herzlich und grundsätzlich positiv von ihrer Mentalität her. Natürlich gibt es auch viele Depressionen und Alkoholismus in Irland, aber das hängt wohl mehr mit dem Wetter zusammen. Wenn es dort nicht dauernd regnen würde, würde ich da leben. Der Sommer ist ja okay, aber von Oktober bis April muss man eine Spanien-Tournee machen. (lacht)

Michael Patrick Kelly live: 

10. August: Schwerin; 11. August, Damp; 16. August: Osnabrück (Schlossgarten OpenAir); 8. September am Timmendorfer Strand.

Tickets sind erhältlich unter www.deinticket.de oder in den Geschäftsstellen Ihrer Tageszeitung.

#PeaceBell by Michael Patrick Kelly

Erleben Sie einen einzigartigen Abend am Freitag, dem 6. September 2019, im NOZ-Medienzentrum in Osnabrück und erwerben Sie eine der limitierten #PeaceBells. Weitere Infos folgen.

Mehr Informationen:

Vita

Michael Patrick Kelly wird am 5. Dezember 1977 als drittjüngstes Mitglied der Pop- und Folkband The Kelly Family in Dublin in einem Wohnwagen geboren. Er hat vier Halb- und sieben Vollgeschwister. Nach dem Tod seiner Mutter Barbara-Ann Suokko im Jahr 1982 ist sein Vater Daniel Jerome Kelly alleinerziehend. Die Familie lebt in Armut und hält sich mit Konzerten in Fußgängerzonen über Wasser. Michael Patrick, genannt „Paddy“, reist mehr als zwölf Jahre mit seinen Geschwistern durch Europa und die USA. Der Vater unterrichtet die Kinder zu Hause. Im Alter von 15 Jahren komponiert Michael, der mehrere Instrumente spielt, den Song „An Angel“, der für die Kelly Family 1994 den kommerziellen Durchbruch bedeutet. Die Jugendzeitschrift „Bravo“ und Boulevardblätter berichten dauernd über die Kelly Family, Michael avanciert zu einem Teeniestar und entwickelt sich gleichzeitig zum Frontmann der Gruppe. Aufgrund ihres alternativen Lebensstils und ihres Hippie-ähnlichen Aussehens (im Bild Michael Patrick, rechts, mit seinem Bruder Angelo) wird die Familie aber auch zur Zielscheibe von Hohn und Spott. Nach dem Tod des Vaters zieht sich Michael 2004 aus der Öffentlichkeit zurück und lebt sechs Jahre als Mönch in einem Kloster im Burgund. Nach seinem Austritt organisiert Michael zunächst eine Weihnachtslieder-Tournee zusammen mit einigen Geschwistern. Seit 2013 tritt der Musiker vorwiegend solo auf und hat großen Erfolg mit seinen Alben. Dazu beigetragen haben auch Auftritte in TV-Shows wie etwa „Sing meinen Song – Das Tauschkonzert“ oder sein Mitwirken als Jury-Mitglied bei „The Voice of Germany“. Kelly lebt seit 2013 mit seiner Frau Joelle Verreet zusammen.