Meinung hat hier keine Chance Raabs neuer Polittalk „Absolute Mehrheit“ erfüllt schlimmste Befürchtungen

Von Meike Baars | 12.11.2012, 06:31 Uhr

Uralt-Vorurteile gegenüber Ossis, Stäbchen-Witze über Minister Rösler, Macho-Sprüche zur einzigen Frau in der Runde: Die erste Ausgabe von Raabs neuem Polittalk „Absolute Mehrheit“ konnte jungen Zuschauern nur eines beibringen - dass sie bei Raab und Pro Sieben an der vollkommen falschen Adresse sind, wenn sie sich eine politische Meinung bilden wollen.

CDU-Wirtschaftsexperte Michael Fuchs hat einen entscheidenden Fehler begangen. Raabs neue Polittalkshow „Absolute Mehrheit“ streift nach rund zehn Minuten gerade den ersten von drei inhaltlichen Themenblöcken, da katapultiert sich der Bundestagsabgeordnete mit einem einzigen Halbsatz ins Sendungs-Aus. Es geht um Steuergerechtigkeit.

Was Fuchs offenbar noch nicht weiß: Jeder Halbsatz muss sitzen in diesem neuen Talkformat im Privatfernsehen, denn mehr als zwei 20-Sekunden-Statements pro Thema werden die vier Politiker - neben Fuchs Thomas Oppermann von der SPD, der Linke Jan van Aken, FDP-Mann Wolfgang Kubicki und die „als Stimme des Volkes“ eingeladene Geschäftsfrau Verena Delius - nicht loswerden können.

Gut die Hälfte der Brutto-Sendungszeit von 95 Minuten geht für die Ankündigung des vermeintlich innovativen Zuschauervotings, die Erklärung des Zuschauervotings, die Durchgabe der Telefonnummern fürs Zuschauervoting und die Verkündigung der Zwischenstände beim Zuschauervoting drauf, was Raab ironischerweise als „Speed-Meinungsbuilding“ bezeichnet. Übernehmen muss diese undankbare Sidekick-Aufgabe Peter Limbourg, der, wie Raab anmoderiert, - so viel Zeit muss wiederum sein - den offiziellen Titel „Senior Vice President Nachrichten und politische Information der Pro Sieben Sat.1 Media AG“ trägt. Verbinden darf der Nachrichtenmann den Voting-Job mit verkrampftem Schulterklopfen für Raab, dem er alle zehn Minuten zur gelungenen Talkpremiere gratuliert - zu Beginn, ohne dass überhaupt schon groß getalkt worden wäre.

Zurück zu Fuchs. Da sitzt er also nun auf der braunen Show-Couch vor dem riesigen Bundesadler mit den Sendungsinitialen AM in der Kulisse des Kölner Showstudios und beginnt sein Argument zum Thema Steuergerechtigkeit mit dem Halbsatz „Das Bundesverfassungsgericht hat gesagt …“ Welch ein Fehlgriff! Wie trocken, wie unsexy, wie überkomplex! Nicht einmal einen Witz konnte Fuchs unterbringen. Der CDU-Politiker ist einfach kein Gewinnertyp im Lichte des Pro Sieben-Formats, in dem es vor allem um Folgendes geht: den flotten Konter, die lässige Pose, die billige Pointe. Die Zuschauer wählen Fuchs als ersten ab.

Was wurde im Vorhinein über das von manchem Politiker oder Journalisten für potenziell demokratiegefährdend gehaltene neue Konzept von „Absolute Mehrheit“ diskutiert, geargwöhnt und gelästert. „Meinung muss sich wieder lohnen“ heißt es. Fünf Gäste debattieren zu drei Themen. Anrufer und SMS-Schreiber entscheiden mit ihrem 50-Cent-Einsatz, welche drei der fünf Talkgäste sie im Finale sehen wollen. Gelingt es einem der drei Finalisten am Ende, die absolute Mehrheit der Anrufer hinter sich zu vereinen, gewinnt er 100000 Euro. Junge Leute solle das für Politik interessieren, befand Pro Sieben. Da werden Meinungen für Geld bestellt, empörte sich etwa Bundestagspräsident Norbert Lammert. Da entsteht mit Glück tatsächlich etwas Gutes, hofften hingegen weniger kritische Beobachter: eine politische Unterhaltungssendung, eine unterhaltende Politikshow.

Zumindest die Premierenausgabe war beides nicht. Weil Meinungen zwischen all den Witzchen, Plattitüden und Kontern kaum mehr zu erkennen waren - woran Moderator Raab einen gehörigen Anteil hatte.

„Wir versuchen eine seriöse Diskussion - auch wenn das niemand erwartet“, tut er zu Beginn der Sendung kund und fragt keine drei Minuten später van Aken, auf wen seiner beiden Linken-Kolleginnen der mehr stehe: Katja Kipping oder Sahra Wagenknecht. Van Akens gutes Abschneiden bei den Zwischenständen erklärt Raab damit, dass man inzwischen auch im Osten Pro Sieben empfange. Für Kubicki fällt Raab die durchaus anregende Frage ein, „muss Herr Rösler weg und wie kann ich Ihnen dabei helfen?“ - nur um jegliche Debatte direkt mit einer ordentlichen Portion Rassismus abzuwürgen. „Wenn er das beim Abendessen sieht, hoffentlich fallen ihm nicht die Stäbchen aus der Hand.“

Und weil die Zeit beim Kennenlern-Durchgang schon knapp wird, bleibt für den CDU-Abgeordneten der Runde nur ein flottes Herr Fuchs, wer hat eigentlich die Gans gestohlen?“ übrig. Das ist nicht staatsgefährdend oder provokant, sondern einfach nur ziemlich einfältig.

Als Gewinner durfte sich am Ende, das mag kaum überraschen, der TV-erfahrene Politprofi Kubicki fühlen, der mit seinen Wortbeiträgen das weibliche Studio-Publikum irritierenderweise zu Jubelrufen in Castingshow-Manier anregte und offenbar auch bei den Anrufern gut ankam. 40 Prozent der Stimmen vereinte er auf sich und verwies damit van Aken und Oppermann auf die Plätze zwei und drei.

Das letzte inhaltliche Wort hatte dennoch Show-Verlierer Fuchs. Allen Politikinteressierten lege er die Bundestags-App ans Herz, sagt er. Ob denn da auch Games dazugehören, will Raab wissen. Die prompte Antwort dürfte zumindest die bisher politisch unbedarfte Raab-Zielgruppe überrascht haben: „Bundestag ist nicht viel Game.“

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