Mehr Rechte gefordert Drehbuchautoren gründen Initiative „Kontrakt ’18“

Von Harald Keller, Harald Keller | 11.06.2018, 09:00 Uhr

Köln Am Anfang jeder Filmproduktion steht ein Drehbuch. Dennoch bleiben die Autoren oft ungenannt, werden übergangen, bei Fernsehpreisen ignoriert. Viele Vertreter dieses Berufes sind Individualisten. Jetzt hat sie der Wunsch nach Veränderung zusammengebracht.

Der Akt war so instinktlos, dass man sich nur die Augen reiben kann. Als Anfang 2018 der Deutsche Fernsehpreis vergeben wurde, waren Drehbuchautoren zur Feier nicht eingeladen. Vergleichbar: ein Theatertreffen ohne Dramatiker. Ein Presse-Award ohne Journalisten. Der Vorgang wurde öffentlich. Die Entschuldigung kam postwendend.

Diese Blamage der Fernsehpreisveranstalter wurde zur Initialzündung, wie der preisgekrönte Drehbuchautor Orkun Ertener im Gespräch mit unserer Redaktion berichtet. Die Diskussion begann in einem Autorenforum im Web. Zusammen mit Annette Hess („Weissensee“), Kristin Derfler („Brüder“) und Volker Zahn („Zarah – Wilde Jahre“) erwog Ertener mögliche Schritte zur Verbesserung der Lage. Erweiterte Treffen schlossen sich an. Mit 20 Kollegen in Köln, bei der nächsten Zusammenkunft in Berlin zählte man schon über 30. In einer „schönen, konstruktiven Atmosphäre“, so Ertener, sei dann eine gemeinsame Erklärung entstanden, die an diesem Wochenende veröffentlicht wurde. Unter der Überschrift „Kontrakt ‚18“ kündigen mittlerweile über 90 der renommiertesten Szenaristen der deutschen Film- und Fernsehbranche an, ab dem 1. Juli nur noch dann in Vertragsverhandlungen über neue Projekte eintreten zu wollen, wenn ihnen umfassende Autorenrechte zugebilligt werden.

Mitspracherecht

Dazu gehört, dass der ursprüngliche Urheber nachträgliche Bearbeitungen autorisieren muss, dass den Autoren ein Mitspracherecht bei der Wahl des Regisseurs zugebilligt wird, dass sie zu den Leseproben wie auch zur Rohschnittabnahme eingeladen werden. Punkt fünf betrifft die Öffentlichkeitsarbeit, mit Punkt sechs versichern die Unterzeichner, Projekte anderer Autoren nur nach Absprache übernehmen zu wollen. Die Charta sei untereinander auch kontrovers diskutiert worden, führt Ertener aus. Inhaltlich herrscht Einigkeit, es kam aber die Frage auf, ob man sich so ein Vorgehen leisten könne. „Die Antwort der Mehrheit war dann: Ja, wir können uns das trauen.“

Ziel der Initiative ist es, internationale Standards einzuführen. In den USA, Großbritannien und in anderen Ländern ist es selbstverständlich, dass der jeweilige Drehbuchautor oder die -autorinen als Urheber genannt werden. In den USA sind Autorschaft und TV-Produktion enger verbunden als in Deutschland. In der Serienherstellung kommen die verantwortlichen Produzenten, die über Handlung, Besetzung, Regisseurswahl gebieten, in der Regel aus der Drehbuchsparte, seltener von der Regie. Eine Praxis, die bis zu den Radio-Soaps der 1940er-Jahre zurückreicht.

Regisseur als „Gesamturheber“

In Deutschland dagegen gelte der Regisseur als „Gesamturheber“, erläutert Ertener. Ein Anspruch, den auch der Regieverband geltend macht. Man wird also untereinander ins Gespräch kommen müssen. Dies, sagt Ertener, sei das Ziel der Autoreninitiative. „Es muss ein Umdenken stattfinden. Film ist immer ein Kollektivwerk. Aber wir wollen nicht von unserem Werk getrennt werden. Es geht darum, beteiligt zu werden.“ Angesprochen sind neben Regisseuren vor allem Produzenten, auch Redaktionen.

Über die Reaktionen auf die Erklärung wird sich die Berufsgruppe unmittelbar austauschen. Für Ende des Jahres ist eine Konferenz geplant. Dort ließe sich auch ein Punkt diskutieren, den die Initiatoren, wie Ertener auf eine entsprechende Frage hin einräumt, gar nicht bedacht hatten. Der Respekt für die Urheberschaft sollte doch auch für ausländische Kollegen gelten. Es gab und gibt im deutschen Fernsehen Sendungen, die auf ausländischen Programmen beruhen, ohne dass die ursprünglichen Schöpfer genannt – und bezahlt – werden.

„Das ist geistiges Eigentum von Menschen aus anderen Ländern“, bestätigt Ertener. „Sie haben recht – darüber sollten wir reden.“